Netflix hat mit dem Thriller „The gray Man“ einen Action-Hit gelandet. Ryan Gosling spielt darin einen illegalen Agenten, der bösen Söldnern die Stirn bietet, auch wenn diese die halbe Welt zerlegen.

Kultur: Bernd Haasis (ha)

Der Filmstar Ryan Gosling und die Regie-Brüder Joe und Anthony Russo haben Netflix einen Erfolgsfilm beschert: Ihr Agenten- und Demolage-Thriller „The gray Man“ wurde nach seinem Start am 22. Juli direkt zur Nummer eins mit weltweit 88, 6 Million Zuschauerstunden – allein an den ersten drei Tagen, wie „Variety“ berichtet. Eine Fortsetzung ist bereits beschlossen.

200 Millionen Dollar (rund 196 Millionen Euro) hat der Streamingdienst in den Spielfilm investiert, in dem die Russo-Brüder es ordentlich krachen lassen. Die Regisseure haben für Marvel die beiden letzten „Avengers“-Filme (2018 und 2019) gedreht wie auch „Captain America: Civil War“ (2016), ein ausgeklügeltes Superhelden-Drama um Loyalität, Intrigen und Verrat.

Ein korrumpierter CIA-Chef

Für „The gray Man“ hat Joe Russo das Drehbuch selbst verfasst. Ryan Gosling spielt einen Ex-Häftling, den der CIA-Offizier Fitzroy (Billy Bob Thornton) aus dem Gefängnis geholt und zum illegalen Undercover-Agenten gemacht hat. Als „Sierra Six“ agiert er nun unterm Radar in einer legalen Grauzone als Auftragskiller. Bei einem Auftrag stößt er auf Beweise, dass der CIA-Chef Denny Carmichael (Regé-Jean Page) durch und durch korrumpiert ist. Dieser setzt den beinharten Söldner Lloyd Hansen (Chris Evans) auf Sierra Six an.

Der aber ist schwer zu fassen und bekommt Unterstützung von der offizielle CIA-Agentin Dani Miranda (Ana de Armas, „No Time to die“). Bald sind ganze Teams bis an die Zähne bewaffneter Söldner hinter ihm her, die mit Maschinengewehren und Raketenwerfern in spektakulären Action-Sequenzen unter anderem Teile Prags in Schutt und Asche legen, eine entgleisende Straßenbahn inklusive.

Söldner agieren im rechtsfreien Raum

Wie selbstverständlich agieren diese Söldner im rechtsfreien Raum, sie entführen Kinder und erschießen Dutzende Polizisten, die sie nur als lästige Hindernisse wahrnehmen. Die Ordnungshüter sind chancenlos nicht nur gegen die Kriegsausrüstung dieser Berufsmörder, sondern auch gegen deren Skrupellosigkeit jenseits jeder legalen Bindung.

Das Ausmaß der Gewalt ist atemberaubend und wohl genauso gewollt: Die Russo-Brüder erinnern daran, dass in den Kriegen dieser Welt zunehmend solche entkoppelten Söldner agieren. Die Truppen der russischen Sicherheitsfirma Wagner sind weltweit berüchtigt, Söldner des US-Unternehmens Blackwater kamen unter anderem im Irak zum Einsatz, bis sie 2007 in Bagdad ein Blutbad unter Zivilisten anrichteten.

Waffen, immer mehr Waffen

Ryan Goslings Sierra Six sticht da natürlich heraus – er hat sich trotz allem menschliche Empathie bewahrt und etwas gerne als „moralischer Kompass“ bezeichnet wird. Sobald Unschuldige in die Quere kommen, bricht er Missionen ab. Zugleich transportiert der gesamte Film ein zweifelhaftes Mantra, von dem kein Schul-Massaker vor allem die Republikaner in den USA abbringen kann: dass gegen Waffen angeblich nur mehr Waffen helfen.

Gosling spielt gerne Typen, die nicht viele Worte machen und lieber etwas tun. So hat er den Jazz-Pianisten in „La la Land“ (2016) angelegt, den Astronauten Neil Armstrong in „Aufbruch zum Mond“ (2018), den Androidenjäger in „Blade Runner 2049“ (2017). Auch als namenloser Undercover-Agent agiert er unaufdringlich, dabei aber hellwach und athletisch – auf Augenhöhe mit Daniel Craig (James Bond), Tom Cruise („Mission: Impossible“) und Matt Damon („Bourne“).

Die Russo-Brüder erfinden das Genre nicht neu

Bei ihnen hat man vieles von dem schon gesehen, was „The gray Man“ nun wieder aufgreift – die Russo-Brüder erfinde das Genre keineswegs neu. Daniel Craig geriet als James Bond schon 2008 in „Ein Quantum Trost“ in eine durch und durch korrupte Welt, in der nichts mehr zu gelten schien – und den uralten Trick mit der Falltür hat Roger Moore als James Bond bereits 1977 in „Der Spion, der mich liebte“ entlarvt.