The Notwist in der Schorndorfer Manufaktur Laboranten beim Saunagang

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Die Band The Notwist hat in der ausverkauften Schorndorfer Manufaktur ihr großes Können gezeigt und wieder mal untermauert, warum sie zu den besten Deutschland zählt.

Man traut seinen Augen kaum: Die Band Notwist in ihrer Sechs-Mann-Livebesetzung Foto: Veranstalter
Man traut seinen Augen kaum: Die Band Notwist in ihrer Sechs-Mann-Livebesetzung Foto: Veranstalter

Stuttgart - Es mag ungewöhnlich klingen, aber vielleicht sollte man an dieser Stelle auch mal dem Publikum danken. Dieses hat sich zu großen Teilen in deftigster Hitze in ein Auto oder die S-Bahn gezwängt, um nach Schorndorf zu fahren, wo es dann wie in einer Sardinenbüchse eingepfercht sich an schwitzenden Leibern reibt und bald zwei Stunden glühende Temperaturen und eine Luftfeuchtigkeit erträgt, die jeden ostasiatischen Regenwaldbewohner staunen ließe. Den noch größeren Dank muss man allerdings, und so ziemt sich’s ja auch, der Band aussprechen. Denn die Herren haben ja nicht nur die gleichen Bedingungen zu ertragen, sie stehen auch noch auf einer mit wärmenden Scheinwerfern illuminierten Bühne und verrichten obendrein körperliche Arbeit.

Längst Wurzeln geschlagen

Aber alle sind ja freiwillig da, so betrachtet ist es dann auch kein selbst verschuldetes Leid, sondern selbst gewählte Freud. So ist die Schorndorfer Manufaktur nicht grundlos bereits im Vorfeld buchstäblich bis unters Dach gerammelt ausverkauft und am Mittwochabend mit einem sehr sachkundigen Publikum gefüllt, das konzentriert und eingenommen lauscht.

Es hört einer Band zu, die offenbar auch gerne in diese Region kommt (erst vor anderthalb Jahren waren sie im Franz K in Reutlingen, in der Manufaktur sind die Weilheimer bereits zum dritten Mal zu Gast) und die sogar ein bisschen eigene Historie mit diesem Landstrich verknüpft. 1990 hat das oberbayerische Kollektiv in Reutlingen sein selbst betiteltes Debütalbum aufgenommen; 28 Jahre und neun weitere Studioalben später ist es längst fest verwurzelt in der Crème der qualitativ hochwertigsten Bands Deutschlands.

Warum? Zum einen, weil kaum einer es so gut wie diese „Indietronicband“ hinbekommt, Alternativerock mit Avantgardeelektronik zu vermählen; man kann und mag angesichts der vielschichtigen Songauswahl wieder einmal gar nicht sagen, Musik welchen Genres man hört. Und zum anderen, weil es auch kaum jemand so gut schafft, das genretypische Instrumentarium quasi spiegelbildlich zu verwenden. Hier setzen Schlagzeug und ein wuchtiger (hart an der Grenze zum dröhnenden) Bass, zwei klassische Rockinstrumente, ein Fundament, das bei jeder anderen Band als Elektrotrack aus Synthesizer und Drumcomputer käme. Hier entlockt als Teil der sechsköpfigen Live­besetzung der – norwegische Jazzmusiker! – Karl Ivar Refseth seinem Vibrafon Töne, die wie die Bleeps eines donnernden Technotracks klingen. Und hier setzen umgekehrt Synthesizer und Keyboard die Melodielinien für klassisch bollernde Alternativerocknummern, die von der laborhaften ­Anordnung des Instrumentariums veredelt werden.

Das muss man erst mal nachmachen

Zeitlosigkeit, sie ist schließlich auch der Ausweis für die Güte dieser Musik. Vier Songs aus ihren drei bedeutendsten Alben spielen The Notwist für ihr schweißdurchtränktes Publikum zur Zugabe nach anderthalb Stunden beglückendem Konzert: „Chemicals“ von „Shrink“, „Pilot“ und „Consequence“ von „Neon Golden“ sowie zum ­Abschied passenderweise das milde „Gone gone gone“ von „The Devil, You and me“. Trefflicher könnten sie ihre Bandbreite nicht demonstrieren, besser aber auch diese Zeitlosigkeit nicht untermauern. Die Alben ­erschienen zwischen 1998 und 2008, aber wenn man jetzt mal guckt, wer in der deutschen Bandlandschaft diesem ­bestehenden Erbe in den letzten zehn Jahren etwas Substanzielles mit vergleichbarem Gestaltungswillen hinzufügen konnte, heißt der Schluss: Viele findet man nicht.