Theater am Faden feiert Jubiläum Frau Brehme lässt die Puppen tanzen

Von Alexandra Belopolsky 

Das Stuttgarter Theater am Faden feiert sein 45-jähriges Bestehen mit einem Gastspielprogramm

Helga Brehme, die Chefin des Theaters am Faden in Aktion Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Helga Brehme, die Chefin des Theaters am Faden in Aktion Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Seine Kleidung ist geflickt, doch sein Blick bleibt entschlossen und sein Schwert bereit. Immer wieder zieht Joringel in den Kampf gegen den Drachen, immer wieder ist er Sieger – obwohl er bereits fünfzig Jahre alt ist. Joringel war die erste Marionette, die Helga Brehme geschnitzt hatte. Die Zeit kann ihm scheinbar nichts anhaben – ebenso wenig wie seiner 78-jährigen Meisterin.

Seit 45 Jahren ist Brehme Leiterin, Produzentin, Marionettenlenkerin und allgemeine Zauberin des von ihr gegründeten Stuttgarter Theaters am Faden, das im Juni sein Jubiläum mit einem Gastspielprogramm feiert. Am 11. März 1972 tat das Puppentheater zum ersten Mal seine Türe auf – damals in einer ehemaligen Polsterwerkstatt in der Böblinger Straße. 1989 zogen Brehme und ihr Mann Karl Rettenbacher samt Puppen in die Hasenstraße, wo sich das Theater bis heute befindet.

Eine ganze Stuttgarter Generation ist mit Brehmes Puppen groß geworden. Die Kinder, die in vielen Jahrzehnten bei den Vorstellungen staunten, sind inzwischen erwachsen und bringen nun ihren eigenen Nachwuchs mit. Für viele sei dieses Theater der wichtigste Ort in Stuttgart, sagt Brehme über ihr kleines Märchenreich.

Die Semester in Prag waren prägend

Das Handwerk lernte Brehme an der Stuttgarter Akademie der bildenden Künste. Am prägendsten waren aber die drei Semester an der Prager Akademie der Musischen Künste, Abteilung Puppenspiel. Dort kam Joringel zur Welt, der Brehme bis in das mit Efeu zugewachsene ehemalige Winzerhaus in der Hasenstraße begleitete. Marionetten aus Holz, Schattenspielgestalten aus Leder, Figuren aus Metall – überall in den Räumen steht, hängt und sitzt Personal aller Art. „Puppen eignen sich am besten, um Märchen und Archetypen darzustellen“, sagt sie.

Märchen sind das Fachgebiet des Theaters. Das Repertoire ist klein, aber stimmig, an jedem Stück wird lange gearbeitet. Bei dem kasachischen Märchen „Ein Garten in der Wüste“, für das Brehme zusammen mit einem Bildhauer Figuren mit neuer Anatomie entwickelte, wirken mehr als vierzig Geschöpfe aus Ton und Holz mit. Bei dem ungarischen Märchen „Der sternäugige Schäfer“ sind es mehr als fünfzig Puppen.

Das Theater ist für die kleine Frau mit den weißen Haaren buchstäblich ihr Zuhause – sie wohnt im oberen Stockwerk. Für Besucher, die zu den Vorstellungen kommen, gibt es Kaffee, Tee und hausgemachten Kuchen – das ganze Haus duftet dann nach warmem Teig und Zucker. Vor dem Stück erklärt Brehme die Geschichte und klärt über die Volkstraditionen anderer Länder auf.