Theater Der schwarze Donnerstag

Von Thorsten Glotzmann 

Eröffnung der neuen Spielzeit am Stuttgarter Schauspielhaus mit dem Stück „30.09.“;  einem Chorprojekt zur gewaltsamen Räumung von Stuttgart 21.

Schauspieler des Staatstheaters Stuttgart proben am Mittwoch (21.09.11) in Stuttgart das Theaterstueck 30.09.. Foto: dapd
Schauspieler des Staatstheaters Stuttgart proben am Mittwoch (21.09.11) in Stuttgart das Theaterstueck "30.09.". Foto: dapd

Stuttgart - Den Stuttgartern werden die Bilder noch lange in Erinnerung bleiben: Am 30. September des vergangenen Jahres rückte die Polizei mit Wasserwerfern und Pfefferspray an, um eine bis dahin friedliche Demonstration gegen Stuttgart 21 gewaltsam aufzulösen. Der Regisseur Ulrich Rasche bringt den "30. September" nun auf die Bühne des Stuttgarter Schauspielhauses, allerdings nicht in Form eines klassisch-konventionellen Erzähltheaters. Die Zuschauer erwartet stattdessen ein chorisches Projekt, das am Freitag um 20 Uhr in der Werkhalle in der Türlenstraße uraufgeführt wird.

"An jenem Tag war ein Punkt erreicht, an dem sich alle Befürchtungen bestätigten und an dem man sagte: Das geht zu weit", erinnert sich Ulrich Rasche, der diese "Initialzündung" zum Anlass nahm, über das Verhältnis von Macht und Widerstand nachzudenken und ein Chorprojekt zu erarbeiten, das dieses Verhältnis reflektiert.

"Bei den Protesten gegen Stuttgart 21 hatte man doch den Eindruck, dass sich die fest gezurrten politischen Verhältnisse lockern und dass verantwortungsbewusste, mündige Bürger Entscheidungen der Volksvertreter infrage stellen", erklärt der 42-Jährige, der in Bochum Kunstgeschichte studiert und dort auch seine ersten Theatererfahrungen gesammelt hat.

Zwei Klippen zu umschiffen

Am Stuttgarter Schauspiel inszenierte Rasche zuvor das Chorprojekt "Kirchenlieder", sodann "Die Wellen" nach dem Roman von Virgina Woolf und zuletzt die "Salome" von Oscar Wilde. "Ein tolles Haus mit einer aufgeschlossenen künstlerischen Leitung", schwärmt der Regisseur. "Man hat hier viele Möglichkeiten und stößt auch beim Publikum auf großes Interesse."

Bei seiner aktuellen Inszenierung versuchte Rasche zwei Klippen zu umschiffen: Erstens wollte er sich nicht in konkreten Streitfragen und Details rund um das Bahnhofsprojekt verlieren. "Es ging nicht darum, alle Argumente noch einmal aufzunehmen und abzuwägen. Diese Diskussion ist ohnehin festgefahren", sagt Ulrich Rasche, der einen Schritt zurücktreten und sich dem Thema aus staatstheoretischer Perspektive zu nähern versuchte. Er las Staats- und Rechtsphilosophen wie Thomas Hobbes, John Locke und Jean-Jacques Rousseau, deren Gedanken in der Textfassung enthalten sind.

Zweitens sollte sich seine Theaterarbeit nicht in allgemeinen Reflexionen erschöpfen. Daher bleibt sie textlich eng an die Geschehnisse des 30. September gebunden. Zitiert wird beispielsweise die Bemerkung des Bahn-Chefs Rüdiger Grube, dass es kein Widerstandsrecht gegen einen Bahnhofsbau gebe. Auch die Erfahrungen des am schwersten verletzten Demonstranten Dietrich Wagner sind in den Text eingeflossen. "Grube und Mappus werden aber nicht als willfährige Stereotypen dargestellt", betont Rasche.

"Unzufriedene sollen ihre Wut auch weiterhin äußern."

Dem Regisseur geht es nicht um Schwarz-Weiß-Malerei, sondern vielmehr um das notwendige Kräftemessen des Volkes mit seinen mächtigen Stellvertretern. "Der ständige Kampf ist wertvoll für die Demokratie, positiver formuliert: die ständige direkte Kommunikation", so Rasche. Deswegen faszinieren ihn Facebook und die Piratenpartei: "Die Piraten sagen uns doch, dass wir verstehen müssen, in welcher Weise demokratische Kommunikation im Internet funktionieren kann. Sie tun das auf etwas befremdliche, aber erfrischende Art und Weise."

Für seine Inszenierung hat Ulrich Rasche eine Collage aus theoretischen, dramatischen und poetischen Texten zusammengestellt, die von singenden und sprechenden Chören vorgetragen werden. Passagen aus Schillers "Räuber" oder Kleists "Kohlhaas" stehen neben Protestsongs, durch die der Geist der Revolte weht: "We don't need no Thought Control", singen beispielsweise Pink Floyd.

Rasche versucht, eine Brücke zu bauen, die Texte aus unterschiedlichen Jahrhunderten miteinander verbindet: "So stehen die Mönche aus Verdis ,Don Carlos', die sich gegen die irdische Herrschaft erheben, hinter den Stuttgarter Demonstranten", erklärt Rasche, der die Kraft, die sich hinter den Texten verbirgt, freilegen möchte: "Die Menschen dürfen den Glauben an diese Kraft nicht verlieren. Unzufriedene sollen ihre Wut auch weiterhin äußern."