Theater der Welt Prozession aufgetakelter Literaturleichen

Kultur: Roland Müller (rm)
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Nun aber in den Shuttlebus und von der Innenstadt raus in den Stadtteil Käfertal. Dort, in der Alstom-Halle, präsentiert Dmitry Krymov „Tararabumbia“, eine Tschechow-Revue aus Moskau mit hundert Beteiligten, die allerdings keineswegs willens sind, mehr als nur zwei Sätze Tschechow zu sprechen. Sie erheben lediglich den Anspruch, in einem graubraun kostümierten Who-is-Who seine Dramenfiguren zu repräsentieren. Und wenn der Zuschauer sie nun auf einem Laufband rein- und rausfahren sieht, dämmert es ihm, dass er abermals einem Auflösungsprozess beiwohnt: Ein Nationaldichter wird dekonstruiert, indem sein Personal, erstarrt zu Denkmälern der russischen Lethargie, aus dramatischen Lebenszusammenhängen gerissen wird. Mehr noch: es wird auch vervielfacht, weshalb Dutzende von Irinas und Trigorins, Olgas und Tusenbachs an uns vorbeidefilieren, aufgetakelte Literaturleichen, die zudem – dritte und letzte Idee der Regie – mal übergroß mit Stelzen, mal unterklein als Marionetten erscheinen. Was soll man mit solchen Zombies bloß anfangen?

Klar, man muss sie entsorgen. Dass es sich bei der Tschechow-Prozession um eine ideologische Säuberung handelt, daran lässt Krymov keinen Zweifel. Am Ende, nachdem schon Taucher und Synchronschwimmer der heldenhaften Sowjet­republik vorbeigezogen sind, gibt sich auch eine Delegation aus Hamlets Helsingör die Ehre – und auch wenn „Tararabumbia“ mit Tschingderassabum alles wegbefördert, was uns heilig ist, wirkt die Transporthow auf Dauer brav, einfältig und ermüdend.

Offenbarungen der Wachheit

Über all dem ist es Nacht geworden in Mannheim. Wie andere Festivalbesucher auch haben wir, von Neugier gepackt, im „Hotel shabbyshabby“ eingecheckt. Die Zimmerauswahl ist groß, Architektenteams aus aller Welt haben mit enormer Fantasie 22 Hütten, Röhren und Container entworfen und über die gesamte Stadt verteilt. Wir übernachten in „3-Lichter“ am Neckarufer, einer Art Baumhaus, das aber nicht um eine Platane, sondern um eine Laterne an der Uferpromenade gebaut ist – und wir tun kein Auge zu, so hell und hellhörig ist die Unterkunft. Wir brechen das Experiment ab. Macht aber nichts: unter Laborbedingungen kann auch Schlaflosigkeit zu einer jener Offenbarungen werden, mit denen Matthias Lilienthal und sein Theater der Welt weiter punkten wollen – noch zwei Wochen im theatralisch derzeit aufs Schönste erregten Mannheim.




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