Theater für die Kleinen im Jes Kugeln im Nirwana: Das Kindertheaterstück „Der Lauf der Dinge“

Jeder Handgriff sitzt: Charlie Wyrsch in „Der Lauf der Dinge“. Foto: JES/Brummer

Kugelbahnen im Theater? Das Junge Ensemble Stuttgart zeigt mit „Der Lauf der Dinge“ ein ungewöhnliches Experiment für die Allerkleinsten ab drei Jahren. Sehenswert!

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Empfängt man so seine Gäste? „Sicherheitsabstand halten!“, heißt es da, „nichts anfassen!“ Als man in der Werkstatt steht, begreift man, warum. Die Werkzeuge hängen in Reih und Glied an der Wand, Kabelbinder, Klebeband, Akkuschrauber. Es gibt sogar für jeden Wochentag eine eigene Schutzbrille. Keine Frage: Die Person, die hier am Werk ist, scheint sehr pedantisch, zwanghaft und ordentlich zu sein. Von einer Leidenschaft ist sie aber besessen. Sie baut Kugelbahnen, wundersame Konstruktionen, bei denen Kugeln durch Schläuche und über Rinnen rollen und munter in Trichtern kreiseln.

 

Kugel um Kugel verschwindet im Nirwana

„Der Lauf der Dinge“ nennt sich das neue Stück am Jungen Ensemble Stuttgart Jes, das sich an die Allerkleinsten ab drei Jahren wendet und deshalb fast ohne Sprache auskommt – und ohne Bestuhlung. Das Publikum ist viel in Bewegung in der Werkstatt, darf mal hier, mal dort sitzen und gelegentlich auch mitanpacken, wenn Charlie Wyrsch als skurrile Forscherin den Kugelbahnparcours erweitert. Da plumpst der Klicker auch mal in einen Lampenschirm, bevor er mit einer Winde zum nächsten Abfahrtslauf transportiert wird und weiter saust. Aber dann: nichts. Aus. Kein Rollen und Klackern mehr. An einer Stelle verschwindet Kugel um Kugel im Nirwana.

Das passt nicht ins Konzept eines Menschen, der alles kontrollieren will, so, wie in einer Welt, in der alles in eine Kategorie gepresst wird, für Spontaneität und Menschen eigentlich kein Platz ist. Deshalb sortiert die Forscherin die verschiedenen Kugeln auch in einzelne Tütchen. Die einen sind „zu klein“, die anderen „zu blau“. In einer normierten Ordnung wird vieles plötzlich unpassend und fällt durchs Raster.

Schöne Momente der Gemeinschaft entstehen

Der Regisseur Frederic Lilje hat ein ungewöhnliches Theatererlebnis inszeniert, das en passant über Normierung und Abweichung nachdenkt, aber in erster Linie die Konzentration fördert. In dieser Werkstatt mit fragilen Konstruktionen müssen sich alle behutsam bewegen und den freundlichen Kommandos der Forscherin fügen. Charlie Wyrsch hält souverän die Spannung mit präzisen Handgriffen, die so kontrolliert wirken wie bei einer Maschine. Es ist faszinierend, ihr zuzuschauen – und es entstehen immer wieder schöne Momente der Gemeinschaft, wenn das Publikum mit ihr gebannt verfolgt, ob die Kugel ihren Weg nehmen wird und wie erhofft im Auffangtöpfchen landet.

Es mag höchst befriedigend sein, wenn die Dinge perfekt ablaufen, aber Störungen und Unvorhergesehenes gehören dazu, lehrt dieses sehenswerte Kindertheater. Und deshalb sollte man sich die Lust am Improvisieren bewahren – und greift die Forscherin schließlich auch zu unkonventionellen Tricks, fummelt und friemelt, bis die Kugel zum Schluss eine poetische Reise antritt. Nachdem sie mit Unterstützung des Publikums durch all die Schläuche und Trichter gerollt ist, verschwindet sie, wobei man ihre Reise über den Stuttgarter Marktplatz und den Bahnhof bis zum Meer akustisch verfolgen kann – bis sie mit einem lustigen Plopp wieder im Theater einläuft.

Der Lauf der Dinge: Vorstellungen im Jes von 4. bis 7. Februar und im April

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