Wir leben in einer Welt, in der Apps und Soziale Medien mit ihren teils befremdlichen Auswüchsen zum Alltagswahnsinn gehören. Die Theater AG des Beilsteiner Herzog Christoph Gymnasiums nimmt sich mit ihrer neuesten Produktion genau dieses Sachverhalts an. Mit dem Bühnenstück „Das Experiment“ von Autorin Sabine Hrach, das die zunehmende Abhängigkeit der Menschen von Personalisierungs-Apps und anderen technischen Mitteln thematisiert, haben das Regie-Duo Gunnar Schwarm und Heike Weigelt, beide Lehrkräfte am Gymnasium, eine bunte und eindrückliche Spielwiese gefunden, um diese Entwicklungen deutlich zu machen.
Kreative Medien-Schelte
Ihre kreative Medien-Schelte zeigt sich dabei intelligent und äußerst unterhaltsam. Kein Wunder also, dass an diesem Samstag das Bühnengeschehen mit dem Performance-Video eines Produkts startet, das bestens demonstriert, wie gut man Menschen über die Technik steuern kann: hier mithilfe des Sync-Armbandes. Es folgen das Logo des Produkts sowie dessen Motto: „Sein heißt wahrgenommen werden“. Eine attraktiv gestylte und betont ansprechende Influencerin (toll gemimt von Leana Wacker) transportiert wenig später wortreich und vor einem galaktisch wirkenden Hintergrund, ihre Begeisterung für das Armband, das für „schlappe 99 Euro“ zu bekommen sei.
In dem Stück ist es der Renner, das dem Träger per Armbandfarbe anzeigen soll, wie „erfolgreich er im Leben ist“. Alles gemäß des Glaubenssatzes „Sein heißt wahrgenommen werden“, den der Philosoph George Berkeley bereits vor rund 250 Jahren postulierte. Dieser Satz – ins Heutige etwa übersetzt mit: „Ich connecte, also bin ich“, geht davon aus, dass erst mit der nachweislichen Wahrnehmung durch andere, die Selbsterfahrung einhergeht. An diesem psychologischen Mechanismus setzen gerade die sozialen Netzwerke an. Die 15 jugendlichen Darstellerinnen der Theater AG – das Team besteht aus Schülerinnen der Klassen 7 bis 11 – beschreiten mit ihrem spannungsgeladenen Spiel, das auch Parallelen zum chinesischen Sozialpunkte-System erkennen lässt – einen düsteren wie skurrilen Weg. Denn das Real-Fantasy-Stück beschreibt nicht allein die abhängige Lebenswelt Jugendlicher. Bei „Das Experiment“ soll schließlich auch das Verhalten einzelner Jugendlicher in einer Extremsituation getestet werden.
Skrupellose Wissenschaftler
Doch gerade dieser, von teils skrupellosen Wissenschaftlern durchgeführte Test läuft gefährlich aus dem Ruder, was die Schülerinnen auf der Bühne der Stadthalle, eindrucksvoll und nachvollziehbar zeigen.
Wunderbar und schablonenhaft wird hierbei auch mit prägnanten Charaktertypen gespielt: etwa mit der Schlaumeierin, der Anführerin, der radikal Dominanten, der Luxuszicke oder auch mit dem Problemkind: aggressiv und gewaltbereit. Die Schauspielerinnen, die die Truppe nach Corona quasi neu aufgebaut haben, zeigen sich laut Gunnar Schwarm „extrem spielwütig“ und bereiten dem Regieteam großen Spaß. Außerdem hat das Ensemble auch dieses Mal das Stück tüchtig bearbeitet: „Damit sich alle darin wiederfinden können und jede Spielerin in etwa einen ähnlich großen Umfang hat. Es macht nämlich viel mehr Freude, mit allen zusammen auf der Bühne zu stehen und nicht nur wenige Hauptrollen zu haben“, wie eine Schülerin verdeutlicht.
Technisch anspruchsvoll
Übrigens ist das Stück nicht allein wegen der Ensemblegröße und deren Bühnenchoreografie, sondern auch technisch anspruchsvoll: Gunnar Schwarm, der mit Schülerin Sarah die Technik steuert, muss gleich zwei Spielebenen im Auge behalten und auf diverse Spielimpulse hin, die Musik wie auch die Lichtstimmung verändern.
Die Aufführung findet am kommenden Samstag, 22. Juni, von 19 Uhr an in der Beilsteiner Stadthalle statt. Saalöffnung ist um 18.30 Uhr. Es gibt Karten an der Abendkasse.