Theater in Sillenbuch Der moderne Blick auf Luther

Von  

„Play Luther“ erzählt Martin Luthers Geschichte und seine Thesen auf ungewöhnliche Weise. An der Produktion des Stücks ist auch ein 34-jähriger Sillenbucher beteiligt. In der dortigen Kirche ist das Theater im November zu sehen.

Die geodätische Kuppel ist das zentrale Bühnenbild im Stück. Die beiden Darsteller bauen sie nach und nach auf. Zum Schluss tragen sich die Dreiecke selbst. Foto: privat
Die geodätische Kuppel ist das zentrale Bühnenbild im Stück. Die beiden Darsteller bauen sie nach und nach auf. Zum Schluss tragen sich die Dreiecke selbst. Foto: privat

Sillenbuch - Edward Snowden ist ein moderner Martin Luther. So sieht es Lukas Ullrich. Luther hat die Machenschaften der Katholischen Kirche öffentlich angeprangert, Snowden enthüllt, was die Geheimdienste so treiben. Um solche Vergleiche geht es in „Play Luther“, einer Produktion von Lukas Ullrich und Till Florian Beyerbach, auch „Eure Formation“ genannt. Die beiden nähern sich der alten Luther-Geschichte mit modernem Blick.

Drei Monate lang gehirnt und ausprobiert

Der 34-jährige Ullrich kommt aus Sillenbuch, der 33-jährige Beyerbach aus Göppingen. In Sillenbuch hat Ullrich „Michel von Lönneberga“ inszeniert und zu Weihnachten „Hilfe, die Herdmanns kommen“. Ullrich und Beyerbach haben Schauspiel studiert; in einem Theaterstück, für das sie angeheuert werden, haben eigene Ideen oft wenig Platz. Von September bis November 2013 haben sie im Probenraum über einem Teppichladen in Wangen gehirnt und ausprobiert. Herausgekommen ist ein 90-minütiges musikalisches Theaterstück, das die Geschichte Luthers auf ganz ungewöhnliche Weise erzählt – mit ihnen beiden als Darsteller. Zu sehen ist das Stück am 7. November in der Martin-Luther-Kirche Sillenbuch. Die Tournee beginnt am 2. Oktober.

Die Jungs haben original Luther-Lieder neu vertont. „Aus tiefer Not“ wird zum Beispiel zum Schunkler, „Erhalt uns Herr“ klingt nach Rammstein, und „Mit Fried und Freud“ kommt als Ragga daher. Beyerbach spielt E-Schlagzeug, Ullrich E-Piano, beide singen. Sie haben sich Technikzentren auf Rollregalen gezimmert, dort haben sie alles beieinander: die Instrumente, die Knöpfe für die aufwendige Beleuchtung, Apparate für den Ton und jede Menge Kabelsalat.

Musik ist wichtig in „Play Luther“, aber nicht alles. Die Lutherlieder sind eine von drei Ebenen. Auf einer anderen spielen Ullrich und Beyerbach Szenen aus des Reformators Leben. Beyerbach als Luther und Ullrich als dessen Frau Katharina von Bora. Auf der dritten Ebene diskutieren Ullrich und Beyerbach, worin sich Katholische und Evangelische Kirche unterscheiden.

Die Vision: Eine Gesellschaft, die sich selbst trägt

Die Ebenen sind verwoben, stützen sich aufeinander. Ähnlich wie die Holzdreiecke, die Ullrich und Beyerbach im Laufe des Stücks auf der Bühne aufbauen. Was entsteht, ist eine Kuppel aus lauter Dreiecken. Eine Kuppel, die sich zum Schluss ohne Hilfsmittel wölbt. Es ist ein geodätischer Dom, ein Sinnbild für eine Gesellschaft, die sich selbst trägt. Luthers Vision.

Wie gehen Menschen im gesellschaftlichen Gefüge miteinander um? „Play Luther“ sei durchaus kritisch, sagt Ullrich. „Wir sensibilisieren, ohne moralisch zu sein.“ Dafür sind sie kurzweilig. Vor allem, um junge Zuschauer bei der Stange zu halten. „Es ist heiter, aber nicht plump.“ Für Schüler haben Ullrich und Beyerbach sogar Unterrichtsmaterialien zusammengestellt.

Luther ist vom Ansatz her ein kirchliches Thema, doch die Interpretation ist mehr als das. Ullrich und Beyerbach sind beide in der Kirche, aber sie haben früher weder Jugendarbeit gemacht, noch sich sonst irgendwie übermäßig für den Glauben engagiert. Sie haben sich Luther als Thema ausgesucht, weil aus ihrer Sicht vieles von dem, wofür der Reformator stand, auch heute Bedeutung hat. Trotzdem keine leichte Wahl. „Luther und das Evangelium sind sehr sensible Themen“, sagt Ullrich. Sie wollen mit ihrer Interpretation niemandem auf die Füße treten. „Fakt ist, es gibt einen großen Fokus auf das Thema“, sagt Ullrich. 2017 feiert die Reformation 500-Jähriges. Und nächstes Jahr lädt Stuttgart Anfang Juni zum 35. Deutschen Evangelische Kirchentag. Wenn alles glatt geht, dürfen sie dann im Plenarsaal des Landtags spielen.

Bei der Tournee werden die beiden gut rumkommen

Wie „Play Luther“ beim Publikum ankommt, erahnen Ullrich und Beyerbach. Bereits im März haben sie das Stück achtmal beim Württembergischen Kunstverein gezeigt. Eine Art Generalprobe für die anstehende Tournee. Laut Terminplan werden sie gut rumkommen: zum Beispiel nach Bad Liebenzell, Karlsruhe, Bruchsal, Köngen, Göppingen, eine Anfrage kam aus Norddeutschland, eine aus Afrika. Bis 2018 wollen sie das Stück aufführen.

Bisher haben Lukas Ullrich und Till Florian Beyerbach vor allem investiert. Die technische Ausstattung mache das Stück recht kostenintensiv. „Aber wir glauben daran“, sagt Ullrich. Und offenbar nicht nur sie. So schreibt der Landesbischof Frank Otfried July in einem Grußwort für die Internetseite von „Play Luther“, das Stück werfe die Frage auf, „ob wir bereit sind, das was wir als richtig erkannt haben, auch gegen Widerstände zu vertreten“.

Sonderthemen