Theater Lokstoff „Ist das hässlich hier“

Andrea Leonetti spielt eine der Chauffeurinnen. Foto: Matthes Schrof
Andrea Leonetti spielt eine der Chauffeurinnen. Foto: Matthes Schrof

Das Theater Lokstoff unternimmt in „Taxi Odyssee 2028“ eine Reise in die Zukunft. In sechs Bussen, gefahren von sechs Schauspielern, wird das Publikum ins Morgen katapultiert, in die Zeit nach der Großbaustelle Stuttgart 21.

Kultur: Adrienne Braun (adr)
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Stuttgart - Die Dame hat keinen Führerschein. Sie ist zwar schon mal Auto gefahren, aber das sei Jahre her, sogar Jahrzehnte. Jetzt aber soll Zalona Zankowa sich hinters Steuer dieses modernen Kleinbusses setzen und Chauffeur spielen. „Ich habe echt keinen Führerschein“, sagt sie und kichert ein bisschen dümmlich. Darf man sich ihr anvertrauen? Soll man sich von jemandem durch die Stadt kutschieren lassen, der nie eine Fahrprüfung absolviert hat? Will man als Theaterbesucher womöglich sein Leben riskieren?

Es wäre schade, es nicht zu tun, nicht in einen dieser eleganten Wagen zu steigen, die auf dem Pariser Platz bereit stehen für eine Stadtrundfahrt der besonderen Art. Das Theater Lokstoff unternimmt in „Taxi Odyssee 2028“ eine Reise in die Zukunft. In sechs Bussen, gefahren von sechs Schauspielern, wird das Publikum ins Morgen katapultiert, in eine Zeit, die manche vielleicht gar nicht mehr erleben werden – die Zeit nach der Großbaustelle Stuttgart, die neue Ära nach S 21.

„Herzlich willkommen zurück“ säuselt eine Stimme aus dem Off, während an der Pariser Straße im Europaviertel die Plätze verteilt werden. Es soll die erste Rundfahrt nach zwanzig Jahren sein – die Zuschauer als Heimkehrer, die Jahre evakuiert waren. „Ich war auf Tropical Island“, erzählt Zalona, während sie über die Heilbronner Straße fährt in Richtung „Welcome Party im Welcome Center“.

Sie ist ein nettes Mädchen, vielleicht ein wenig schlicht. Sie plappert munter vor sich hin. „Ich wollte immer Claudia heißen und auf dem Killesberg wohnen“, erzählt sie, stattdessen sei sie als eines von sieben Kindern einer bulgarischen Familie auf dem Pragsattel groß geworden. Und da will sie jetzt mal eben hinfahren und schauen, ob es das Haus noch gibt. Kann es sein, dass der Vater da noch wohnt? Mit einer Neuen?

Und sie plappert munter vor sich hin

„Taxi Odyssee 2028“ führt an neue wie verkommene Ecken der Stadt, rauf auf den Killesberg zum nackten Klotz der Mercedes Bank, zu unwirtlichen Gewerbeflächen rund um die Borsigstraße und ins noble Forum K auf dem Killesberg. Manchmal weichen die Chauffeure von der Route ab – und wie im Science-Fiction-Film werden sie prompt von einer fremden Stimme ermahnt. Big Brother is watching you.

Doch das Zukunftsszenario rückt zunehmend in den Hintergrund, die Welcome Party gerät in Vergessenheit – und die Chauffeure fangen an, ihre eigenen Geschichten zu erzählen. Immer wieder tauschen die Fahrer die Wagen – oder die Zuschauer wechseln in einen anderen Bus, um in eine andere Biografie einzutauchen. Da ist die schwäbische Unternehmergattin (Alexa Steinbrenner) im teuren Persianer, deren Mann irgendwo in Asien vermisst wird – oder doch in Stuttgart weitergelebt hat, während sie evakuiert war? Da ist Hermann (Sebastian Schäfer), der glaubt, nach Jahren seine große Liebe Karla wieder getroffen zu haben, aber feststellen muss: Das kann nicht Karla sein, Karla war anders, war netter, war romantisch wie er, der sich „nach duftendem Wasser sehnt“ und danach, „Muscheln zu streicheln“.

Und schon landet der Zuschauer im Möbelhaus

Es ist äußerst angenehm, sich in diesen luxuriösen Wagen durch die Stadt chauffieren zu lassen und den Geschichten dieser eigenwilligen Charaktere zu lauschen, ihre Marotten kennenzulernen, sie schimpfen zu hören – „Ist das hier hässlich“. Zalona (Kathrin Hildebrand) teilt Schokolade aus und hat Briefe dabei, die sie ihren Kinder schicken wollte, die sie seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hat. Die Unternehmergattin fährt kurzerhand in die Tiefgarage und lotst ihre Beifahrer in die Verkaufsräume von Möbel Fleiner.

So ist es der freien Formation Lokstoff auch diesmal wieder gelungen, verschiedene Unternehmen und Firmen in die Produktion einzubinden. Auch das Konzept ist interessant: sechs Akteure, sechs Geschichten, sechs Module, die miteinander verzahnt werden – wodurch keine Tour der anderen gleicht. Für die Schauspielerinnen und Schauspieler ist es eine Herausforderung, auf Tuchfühlung mit den Zuschauern zu gehen. Schade nur, dass die Konzeption des Regie-Duos Bianca Künzel und Wilhelm Schneck nicht ganz ausgereift ist und die einzelnen Biografien nicht schlüssig mit der Rahmenhandlung verzahnt wurden. Oder wird Stuttgart 2028 nicht anders sein als heute? Die Chauffeure staunen zumindest immer wieder: „Ach, das gibt’s ja auch noch. Alles wie früher.“




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