Theater Rampe in Stuttgart Der Wolf ist tot! Der Wolf ist tot?

Von Andrea Kachelrieß 

Ein ziemlich ungewöhnlicher Tanztheaterabend erwartet das Publikum zum Saisonstart im Theater Rampe: Die Choreografin Nicki Liszta stellt lässt Wölfe aufs Publikum los und stellt nicht nur die Sitz-Ordnung auf den Kopf.

Wolf im Menschenpelz: Nicki Liszta gibt in „Wolfgang“ dem Tanz animalischen Biss. Foto: Daniela Wolf
Wolf im Menschenpelz: Nicki Liszta gibt in „Wolfgang“ dem Tanz animalischen Biss. Foto: Daniela Wolf

Stuttgart - Wer das Wort Wolf in eine Suchmaschine im Internet tippt, landet derzeit kuriose Treffer. Wahlkampfentscheider, Integrationsverweigerer, Abschussopfer, Schutzbedürftiger, Jäger und Gejagter: Der Wolf ist zurück in Deutschland, und er bringt außer dem alten Appetit auch viele neue Probleme mit. Welche das sind, kann man seit Donnerstag im Theater Rampe besichtigen.

„Wolfgang“ heißt der zoologische Exkurs, der dort Premiere hatte; und weil die Herrin über dieses Raubtiergehege die Choreografin Nicki Liszta ist, erwartet den Zuschauer ein ziemlich ungewöhnlicher Tanztheaterabend, in dessen Verlauf immer wieder Konstellationen aufgebrochen, Regeln auf den Kopf gestellt werden. Das geschieht so intensiv, dass schnell klar wird: mit dem Wolf geht es um die Mauer in unseren Köpfen, um die Fähigkeit, wach und wandelbar zu sein statt träge und voreingenommen.

Nicki Liszta ist eine Meisterin darin, ihre Themen durch räumliche Nähe dem Zuschauer quasi unter die Haut zu injizieren. Dieses Mal platziert sie ihr Publikum an kleinen Bistrotischen direkt auf der Tanzfläche. Dorthin geleitet und von einer „persönlichen Performerin“ betreut, muss sich keiner fürchten, wenn er sich plötzlich unter Wölfen befindet. Fünf Tänzer, zwei Darsteller und ein kleiner Junge heulen erst arttypisch, begeben sich dann auf alle Viere, erschnüffeln und erobern ihr Revier, wirbeln mächtig Staub auf, um später auf den leeren Rängen Rudel- und Rangordnungen durchzuspielen.

Der Mensch ist auch dem Wolf ein Wolf

Man kann das wie eine Safari erleben oder einfach nur albern finden - es dauert jedenfalls, bis alle auf ihren gewohnten Plätzen sind, wobei das Fahrerhaus eines Lkw, das einem Musiker als Perkussionsfläche und Tonstudio dient, frech über dem Publikum thront. Heiko Giering heizt von hier aus Tanz und Stimmung auf. Intensiv und von großer Dringlichkeit sind nun die Begegnungen und Bewegungen auf der Bühne; und selbst wenn drei sehr wehmütig auf portugiesisch die Revolution herbeisingen oder einer die Zerstörung von Heimat anklagt, bevor er ins Alphorn bläst, behält der Tanz animalische Schärfe und lotet bis zum Ende die Balance zwischen Menschen- und Wolf-Gang mit solch aggressiver Wucht aus, bis Evolutionssprünge zur schmerzhaften Fortbewegung werden und einen Tänzer immer wieder kraftvoll vom Boden abheben lassen.

Wenn der Mensch dem Mensch ein Wolf ist, dann ist er in „Wolfgang“ auch dem Wolf ein Wolf - und nur unter Wölfen gibt es so etwas wie Menschlichkeit. Nicht wie wir leben wollen, sondern wie wir zusammenleben können, ist die Frage: Nicki Liszta findet für die Spannungen unserer Zeit tierisch gute Bilder.




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