Theater: „Vati und Mutti“ im Theaterhaus Starkes Stück!
Überaus sehenswert: Die Nomad Theatre Group macht mit „Vati und Mutti“ spürbar, wie Krieg und Nationalsozialismus Familien zerstört.
Überaus sehenswert: Die Nomad Theatre Group macht mit „Vati und Mutti“ spürbar, wie Krieg und Nationalsozialismus Familien zerstört.
Sie nennen sich „Vati und Mutti“. Eine eigene Identität möchten sie gar nicht mehr haben: „So stark ist ihre Sehnsucht nach einem heimeligen, gemütlichen Dasein weit weg von Krieg und Schrecken.“ Sie sind glücklich, als das erste Kind kommt. Aber eine heile Welt wird es nicht geben. Vati und Mutti wurden erzogen nach den Idealen des Nationalsozialismus, der im Umgang mit Kindern Strenge, Liebesentzug, Prügel vorsieht. Hinter ihrer Härte verbergen sie Verletzungen, die sie selbst erfahren haben.
„Vati und Mutti“ ist ein Buch der Theologin Marie-Elisabeth Lüdde. Die Autorin erzählt von ihrer Kindheit, von ihren eigenen Eltern. Das Nomad Theatre Ensemble hat am Mittwoch seine Bühnenfassung dieser Erzählung als Uraufführung im Theaterhaus präsentiert: Ein Stück, das weit mehr ist als eine Abrechnung mit der „schwarzen Pädagogik“, die die glühende Nationalsozialistin Johanna Haarer propagandiert hatte.
Daniel Klumpps Inszenierung erzählt nicht chronologisch, wechselt die Perspektiven, bricht die Geschichte der Kinder mit der Geschichte der Eltern auf, geht tiefer und tiefer. Man blickt auf einen Sandkasten, der Sand darin ist braun, ein Kreis ist in ihn gezeichnet, um den herum die Schauspieler stehen. Über ihnen schwebt das Wurzelwerk eines Baumes. Alexander Josephs Licht lässt die Bühne immer wieder in ein Dunkel versinken, in dem das Wurzelwerk bedrohliche Schatten auf den Spielplatz wirft.
Jonathan Peller und Stefanie Friedrich, Vati und Mutti, wirken in den Kostümen, die Katharina Müller schuf, wie ein Bild aus einem alten Familienalbum, grau im Ton – er mit Scheitel, aufrechter Haltung, distanzierter Körpersprache, sie mit Bluse, Schürze, einem immer in sich gekehrten Blick. Er erlebt Bestätigung erst, als er sich den Nazis anschließt, sie blendet naiv alle Gräuel aus. Von einer Vergewaltigung durch einen russischen Soldaten wird sie ihrer Tochter erst spät im Leben er zählen. Von dem Schrecklichen, das er erlebte und verübte, als Soldat, wird er schweigen, sein Leben lang.
Klaus Gramüller und Gundi-Anna Schick spielen die Kinder, Michi und Lisi – sie fordernd, selbstbewusst und bitter, er groß und kindlich. Sie sind viel älter als ihre Eltern, von Anfang an. Schlaglichtartig spielen die Darsteller Szenen ihrer Familiengeschichte – der Vater tritt hasserfüllt auf den Boden, die Mutter wendet sich ab, ein Kind schreit. Zumeist aber erzählen sie oder sie treten, analysierend, aus dem Spiel. Hier werden Figuren gestaltet, die individuelle Tiefe besitzen und zugleich für kollektive Erfahrungen stehen. Antworten, Schuldzuweisungen, hält dieses überaus sehenswerte Stück nicht bereit. Nur Fragen. „Die Angst ist wie ein dunkler Strom, der beide mit sich zieht, Michi wie Lisi. Wo entspringt dieser Strom? Woher rührt seine Kraft?“ Und, vielleicht: Was hat sich geändert? Wo fließt er heute?
Vati und Mutti. Fr bis So, jeweils um 19.30 Uhr im Theaterhaus