Deutsch-Syrisches Theater Die Flucht in die Rolle heilt Seelen

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Bei einem Theaterprojekt wirken syrische und deutsche Laienschauspieler mit. Sie zeigen ein Stück, das den Krieg in Syrien und die Massenflucht zum Thema hat. Dabei müssen sich die syrischen Darsteller mit persönlichen Traumata konfrontieren.

„Das Volk will den Sturz des Regimes“. Diese Parole ist auch auf der Bühne zu sehen. Sie wurde zu Beginn der Proteste in  Syrien gegen den Machthaber Bashar-al-Assad in der Stadt Daraa an die Hauswände gepinselt. Foto: privat
„Das Volk will den Sturz des Regimes“. Diese Parole ist auch auf der Bühne zu sehen. Sie wurde zu Beginn der Proteste in Syrien gegen den Machthaber Bashar-al-Assad in der Stadt Daraa an die Hauswände gepinselt. Foto: privat

Steckfeld - Am Anfang stand die Frage, was die Regisseurin aus Rottenburg mit dem syrischen Seifenoper-Darsteller Fadi al Ahmad machen sollte, der bat, in ihr Ensemble aufgenommen zu werden. Der Mann habe in einer syrischen Version der Lindenstraße mitgewirkt, erzählt sie. Nun fand er sich als Flüchtling in Baden-Württemberg wieder – fern jeder Kamera oder Bühne. „Eines war klar, irgendeine beliebige Rolle in einem deutschen Stück passte nicht“, sagt Heusch. Die Regisseurin begann über den syrischen Bürgerkrieg zu recherchieren und entwickelte ein ungewöhnliches Projekt: Syrische und deutsche Schauspieler spielen gemeinsam ein Stück über den Krieg in Syrien und die Massenflucht von Syrern nach Europa. Die Deutschen sprechen dabei Deutsch auf der Bühne, die Syrer zum großen Teil Arabisch.

Am Dienstag, 19. April, ist das Ergebnis dieser Kooperation im evangelischen Gemeindezentrum Steckfeld auf der Bühne zu sehen. Zuvor war es bereits achtmal im Rottenburger Theater am Torbogen aufgeführt worden.

Immer mehr Syrer machten mit

Das Ensemble habe nach und nach immer mehr syrische Laiendarsteller gewonnen, erzählt Heidi Heusch. Neben dem syrischen Fernsehschauspieler sind zum Beispiel auch Journalistinnen aus dem Bürgerkriegsland dabei. Sie hatten in der Türkei einen Exilsender für Syrien betrieben, bis sie Morddrohungen erhalten haben.

Es mag erstaunlich klingen, aber die Regisseurin Heidi Heusch hat die Handlung des Theaterstücks ganz ohne den Rat oder Eingebungen der mitwirkenden Syrer entwickelt. „Sie reden mit mir nie über den Krieg oder ihre Flucht, sie spielen einfach das, was im Drehbuch steht“, sagt Heusch.

Der Umgang mit persönlichen Wunden

Die Bereitschaft, trotz des Schweigens in eigener Sache die Flucht auf die Bühne zu bringen, interpretiert Heidi Heusch als einen Versuch der Traumabewältigung. Die Schauspieler distanzieren sich von ihren Erlebnissen, in dem sie ein ähnliches Schicksal auf die Bühne bringen. So weit die Theorie, die dem Theaterspiel in jedem Lehrbuch einen festen Platz in der Traumatherapie zuweist.

Heidi Heusch will das segensreiche Wirken aber auch in der Praxis erlebt haben. Sie berichtet von einzelnen Mitgliedern des deutsch-syrischen Ensembles, die während ihrer Proben aus ihrer Schweigsamkeit gefunden haben. Ein Syrer, der die Haft erlebt hat, habe auf der Bühne den Perspektivwechsel vorgenommen, in dem er einen Peiniger des Assad-Regimes darstellt. „Das hat regelrecht befreiend auf ihn gewirkt“, sagt Heidi Heusch.

Interesse bei Gottesdienstbesuchern

Der katholische Hochschulseelsorger Odilo Metzler ist gespannt, wie dieses emotionale Experiment auf die Zuschauer wirkt. „Ich habe von dem Stück im Gottesdienst erzählt und bin auf positive Resonanz gestoßen“, sagt er. Sicher gebe es einige, die sich übersättigt fühlen angesichts der sich ähnelnden Geschichten über die Flucht, gibt Metzler zu. „Ich glaube aber, dass so ein Stück, das von Betroffenen aufgeführt wird, eine ganz andere Art der Auseinandersetzung ermöglicht.“

Im Vorverkauf gibt es Karten bei der BW-Bank an der Garbe und der Buchhandlung Wittwer in Hohenheim für 15 Euro, ermäßigt acht Euro. Das Stück „Herr Rashu hört nicht auf zu nähen“ im evangelischen Gemeindezentrum, Steinwaldstraße 2, beginnt am Dienstag, 19. April, 19 Uhr. Es wird von Musikern begleitet und steht unter der Schirmherrschaft des Leiters der Universität Hohenheim, Professor Stephan Dabbert.

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