Bei der 80-Jahr-Feier der Stuttgarter Zeitung plauderten der Staatstheaterchef Marc-Oliver Hendriks, Influencerin Yules und VfB-Sportdirektor Christian Gentner Interessantes aus.
Rückblicke können auch deshalb interessant sein, weil sie Gegenwart entlarven und Zukunft in ein trügerisches Licht zu tauchen vermögen. Das zeigte Marc-Oliver Hendriks, Geschäftsführender Intendant der Württembergischen Staatstheater Stuttgart, mit einer Anekdote aus dem Jahr 2009, dem Beginn seiner bis heute währenden Amtszeit. Damals – so Hendriks auf dem Podium der 80-Jahr-Feier unserer Zeitung – sei ihm versprochen worden, die Sanierung des Schauspielhauses würde in der Spielzeit 2010/11 abgeschlossen, in den darauffolgenden sieben Monaten außerdem die Oper komplett saniert. Das Ganze für schlanke 52 Millionen Euro. Da ging ein belustigtes Raunen durch den mit 550 Gästen vollbesetzten Saal.
Verständlicherweise, denn heute – gut 15 Jahre später – ist zwar das Theater (unter Schmerzen) frisch gemacht worden. Die Opernsanierung allerdings noch nicht einmal ausgeschrieben, dafür sind die veranschlagten Kosten für das Gesamtprojekt explodiert (1,6 Milliarden Euro) und ein möglicher Fertigstellungstermin auf das Jahr 2042 verschoben. „Es hat sich etwas getan, aber es braucht noch viel mehr Bewegung“, sagte Hendriks im Gespräch.
Kretschmann: Austausch schafft Wirklichkeit
Bewegung – das war denn auch die Klammer, unter der die Moderatoren Eva-Maria Manz und Jan Sellner sechs prominente Stuttgarterinnen und Stuttgarter auf die Bühne des Wizemann geladen hatten, in diese zeitgeistige „Eventlocation“, die immer noch den rauen Charme ihrer Industrie-Schaffer-Vergangenheit versprüht. Menschen, die Stuttgart mitbewegen, aber deren Geschichten auch buchstäblich bewegen, saßen da auf Einladung eines Mediums beisammen, das solchen Mobilisierern eine breite Öffentlichkeit gibt und damit auch immanenter Teil und Ermöglicher von Stadtgesellschaft wird. Oder, wie es zum Auftakt des Abends Ministerpräsident Winfried Kretschmann gesagt hatte: Erst im Austausch verschiedener Stimmen und auch Meinungen konstruiere sich die Wirklichkeit.
Zum Beispiel erzählte Harry Pfau, wie er vom Obdachlosen zu Stuttgarts prominentestem Lebensmittelretter wurde. In „Harrys Bude“ in der Tübinger Straße versorgt er, mittlerweile mit dem Verdienstorden des Landes und dem Ehrenamtspreis unserer Zeitung ausgezeichnet, jene mit Essen, die sich nur wenig leisten können.
Bis zu 200 Leute kämen täglich zu ihnen, um das abzuholen, was die Überflussgesellschaft in Supermärkten, Bäckereien und auf dem Wochenmarkt übrig lässt, so Pfau. Seine Hoffnung setzt er in die nächste Generation: Pfau geht in Schulen, um dort aufzuklären: „Die Kinder gehen dann nach Hause und sagen ihren Eltern, dass es blöd ist, Essen wegzuschmeißen“, sagt Pfau.
Dass, wer etwas bewegen will, immer auch den Blick nach vorn wenden muss, zog sich durch dieses Podium. Die ehemalige Spitzenturnerin Kim Bui setzt sich für einen „modernen, menschlichen Leistungssport“ ein. Die Skandale um den Bundesstützpunkt in Stuttgart, über die unserer Zeitung berichtet hat, bergen für sie die Chance, dass sich die Stadt als eine präsentiert, in der ein humanes Sportverständnis gelebt wird.
Eric Gauthier, Kompanie-Chef von Gauthier Dance, geht mit seiner jungen Ballett-Truppe ohnehin ständig neu choreografierte Wege. Und VfB-Sportdirektor Christian Gentner erklärte, warum schwindelerregende Ablösesummen wie die 85 Millionen Euro für Stürmer Nick Woltemade aus England heute und zukünftig Teil seines Spiels sind: „Wenn wir uns dem verweigern, werden wir irgendwann dieses Niveau in der Bundesliga nicht mehr sehen.“
Influencerin Yules teilte sich mit Ed Sheeran einen Teller
Am Leibhaftigsten wurde das Heute wohl in der Person der jungen Stuttgarter Food- und Reise-Influencerin Yulia Slavinskaya, bekannt als Yules. Hunderttausende verfolgen ihre Restaurant- und Urlaubstipps auf Tiktok und Instagram, und nehmen so digital und in der Folge tatsächlich an Tischen im Heusteigviertel oder in der Tübinger Straße Platz. Als Ed Sheeran im Sommer zu Konzerten nach Stuttgart kam, ließ er sich von Yules in die schwäbische Küche einführen. „Maultaschen waren sein Lieblingsgericht“, verriet sie. Und, dass sich der nahbare Megastar einen Teller mit ihr geteilt habe.
Aber auch eine wie Yules, die über ihre Kanäle direkt die Menschen erreicht, betont, wie wichtig kritischer, inspirierender, unterhaltsamer Journalismus ist, zum Beispiel, wenn es um das Thema bezahlbare Mieten geht („Die Leute fragen mich: Hey Yules, wie komm’ ich an eine Wohnung?“) – da war sie sich mit ihren Nachbarn auf dem Podium einig. Wie auch mit den prominenten Stimmen, die in Video-Einspielungen während des Abends von ihrer Beziehung zur Stuttgarter Zeitung erzählten. Oder mit dem langjährigen Abonnenten Hans-Jürgen Beltz, der im Gespräch mit Jan Sellner sagte: „Die Zeitung wird immer noch besser!“
Was schien da nicht alles auf an gelebter und gegenwärtiger Geschichte der Menschen und ihrer Zeitung: Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper holte die StZ schon als Bub für seinen Vater aus dem Briefkasten. Daimler-Boss Ola Källenius lernte „die Region und ihre Menschen“ durch deren Lektüre besser kennen. Und Schauspiel-Intendant Burkhard C. Kosminski eilte in seiner New Yorker Zeit 1988 an einen Kiosk am Times Square, um dort das schwäbische Blatt zu erstehen und die VfB-Nachrichten zu lesen.
Leibinger-Kammüller: „Kämpfen Sie weiter!“
Aber auch das wurde in den Beiträgen auf dem Podium wie in den Videos deutlich: Die Sorge, ob diese im Land lange so wichtige Stimme, dieses „Stück Baden-Württemberg“ (Winfried Kretschmann) in disruptiven, digitalen Zeiten ihren Stand und ihre wirtschaftliche Basis erhalten kann. „Ich wünsche mir vor allem, dass die Stuttgarter Zeitung ganz lange durchhält. Kämpfen Sie weiter“, sagt zum Beispiel Nicola Leibinger-Kammüller, CEO des Maschinenbauers Trumpf, was StZ-Chefredakteur dann auch versprach. Bei der Entwicklung der Leserschaft im Digitalen sei man auf einem guten Weg.
Insofern konnte dieser Abend auf vielfältige Weise einer werden, an dem der Rückblick den kritischen Blick auf das Heute schärft, aber auch Hoffnung und das nötige Quäntchen Nostalgie mitgibt, um weiter ins Morgen zu gehen.