Theaterhaus in Stuttgart Physical Theatre: Zwischen den Welten

Von Gabriele Metsker 

Clownin Gardi Hutter kommt mit ihrem Programm „Gaia Gaudi“ zum ersten Mal mit Kindern und Schwiegertochter auf die Bühne: Zu sehen vom 8. bis 11. November im Theaterhaus.

Die Venus von Willendorf ist mit von der Partie, wenn Gardi Hutters neues Programm „Gaia Gaudi“ im Theaterhaus Deutschlandpremiere feiert.  Foto: Hajo Schüler
Die Venus von Willendorf ist mit von der Partie, wenn Gardi Hutters neues Programm „Gaia Gaudi“ im Theaterhaus Deutschlandpremiere feiert. Foto: Hajo Schüler

Alt werden, das bedeutet für Gardi Hutter, nichts Neues mehr zu lernen, nichts mehr zu riskieren. So gesehen ist die Clownin noch ziemlich jung, obwohl sie schon seit vier Jahrzehnten auf der Bühne steht. Denn für Neues ist sie noch immer aufgeschlossen: Mit ihrem Programm „Gaia Gaudi“, das im Theaterhaus Deutschlandpremiere feiert, wagt sie sich auf neues Terrain. Es ist ihre erste Produktion zusammen mit ihren Kindern Neda und Juri Cainero sowie Schwiegertochter Beatriz Navarro. Zu sehen vom 8. bis 11. November im Theaterhaus.

Passender hätte sie die Besetzung kaum wählen können. Denn in „Gaia Gaudi“ geht es um den Generationenkonflikt, darum, dass die Älteren abtreten müssen, um Platz zu machen für die Jungen. Und so stirbt Hanna, die Bühnenfigur Gardi Hutters, wieder einmal – wie bei sieben der acht vorangegangenen Programme. Allerdings flattert Hanna diesmal noch eine Weile im Raum herum, ehe sie in eine andere Welt aufsteigt. Die Kinder wiederum müssen erst in der für die Menschen wahrnehmbaren Welt einen Fuß auf den Boden bekommen. Bekanntlich keine einfache Sache. Wie geschaffen für Konflikte, bei denen gerne und viel gelacht werden darf.

Denn das Lachen und das Sterben, diese beiden liegen eigentlich gar nicht so weit auseinander, wie Gardi Hutter weiß, die sich sehr viel mit archaischen Festen und Gebräuchen beschäftigt hat. Wem ist schon bewusst, wie der berühmte Harlekin seine Karriere begann? Sein Name lässt sich vom Hellequin ableiten, einem keltischen Totengott, der heute noch das „wilde Heer“ anführt, das Heer von Toten, das einmal im Jahr über die Lande zieht, die Menschen erschreckt und dann wieder verschwindet. Tristan Martinelli, ein Komödiant des 16. Jahrhunderts, hat ihn dann zu seiner Figur Harlequin, auf Italienisch Arlecchino, umgewandelt.

Unterhaltsamer Abend, Gelegenheit zu lachen

Was Gardi Hutter wichtig findet: Spaßmacher wie er sind bei vielen archaischen Festen, wie zum Beispiel der alemannischen Fastnacht, stets zugegen, wenn es um Begegnungen mit Verstorbenen oder mit dem Tod geht. „Die Figur des Clowns kommt aus den Ritualen um den Tod herum, auch das Lachen kommt daher“, sagt sie. „Schaudern, und dem Tod ins Gesicht lachen. Das gehört zusammen. Das Lachen hat die Aufgabe zu entspannen: Dann wird die Angst kleiner. Das ist auf der ganzen Welt so“, weiß sie. „Lachen tröstet auch.“ Nicht ohne Grund, so merkt sie an, gehe jede Diktatur zuallererst gegen die Komiker im Land vor. Denn durch das Lachen verlieren die Diktatoren ihre Bedrohlichkeit.

Clowns werden von den Menschen geliebt, weil sie die Größten im Scheitern sind – und man selbst darüber lachen kann. „Der Held ist tragisch und wird bewundert. Der Clown ist komisch und wird geliebt“, differenziert sie. Dazu bedarf es keiner Worte. Gardi Hutters Figur Hanna spricht nicht, aber sie brabbelt. „Das ist ein unmittelbarer Gefühlsausdruck, unschuldig und grausam wie bei einem Kind. Da ist nichts in abstrakte Worte gefasst.“ Das ist universell. Deswegen verstehen die Menschen sie in Brasilien ebenso wie in Stuttgart.

Obwohl „Gaia Gaudi“ sich auf sehr viel Wissen und noch mehr Gedanken gründet, hat Gardi Hutter mit ihrem neuen Bühnenprogramm aber vor allem eins im Sinn: ihrem Publikum einen unterhaltsamen Abend zu schenken, an dem viel gelacht wird. Spannend wird es auf alle Fälle. Denn die Probenarbeit mit ihren Kindern war nicht immer nur einfach, wie sie verrät. Zwar sind sie quasi mit ihrer Mutter auf der Bühne aufgewachsen, „aber wir sind ein kreatives Team – und jeder kreiert anders“, sagt sie. „Das birgt ein gewisses Risiko, und man kann scheitern. Das ist dann manchmal wie ein kalter Wind, der an einem vorüberzieht. Aber wenn man das dann überwindet, ist das Glück umso größer.“

Gardi Hutters Sohn Juri Cainero kam über die Musik zum Straßentheater. Er gründete die Compagnie Onyrikon, die mit ihren Performances durch Schlossanlagen, Straßenunterführungen und Steinbrüche tourt. Seine Schwester Neda Cainero ist Sängerin, spielt in Musik- und Tanztheatern mit. Wie Juris Frau Beatriz Navarro gehört sie zu Onyrikon. Beatriz ist im zeitgenössischen Tanz zu Hause und beschäftigt sich mit der menschlichen Bewegung als multimedialem Phänomen von Wahrnehmung, Gefühl, Bewusstsein und Erinnerung.

„Gaia Gaudi“: 8. bis 10. November, jeweils 20.15 Uhr; 11. November, 19.30 Uhr, Theaterhaus, Tickets 07 11 / 4 02 07 20