InterviewTheaterhaus Jazztage in Stuttgart Bernd Konrad: „Der Jazz lebt heute im Verborgenen“

Von Thomas Morawitzky 

Der Saxofonist Bernd Konrad hat der Stuttgarter Jazz-Szene entscheidende Impulse gegeben. Am 28. März wird er zum Auftakt der Jazztage im Theaterhaus mit dem Ehrenpreis des Landes Baden-Württemberg für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Bernd Konrad war schön öfter zu Gast bei den Jazztagen im Theaterhaus – so wie hier im Jahr 2004 Foto: Jörg Becker
Bernd Konrad war schön öfter zu Gast bei den Jazztagen im Theaterhaus – so wie hier im Jahr 2004 Foto: Jörg Becker

Stutttgart - Der Bernd Konrad, Jazz-Ehrenpreisträger des Landes, blickt im Interview zurück, er erinnert sich an Stuttgarter Anfänge und er denkt nach über die Entwicklung, die der Jazz seither genommen hat.

Herr Konrad, Sie erhalten in dieser Woche den Jazzpreis des Landes Baden-Württemberg für Ihr Lebenswerk. Was bedeutet das für Sie?
Es ist für mich eine wirkliche Ehre, dass ich diesen Preis erhalte. Ich bin überwältigt davon, das ist etwas sehr Besonderes.
Sie gelten als der erste Jazzprofessor Deutschlands. Ist das korrekt?
In Köln gab es bereits eine Stelle, die der US-Amerikaner Jiggs Wigham inne hatte. An der Musikhochschule Stuttgart wurde ich der erste deutsche Jazzprofessor. Das war keine einfache Sache, viele sagten: Das geht doch nicht, Jazz zu unterrichten, das ist doch fürchterlich. Wir haben es trotzdem gemacht, und es war eine fruchtbare Angelegenheit. Heute gibt es an fast allen Musikhochschulen Jazz als einen Studiengang. Mittlerweile ist das so stark geworden, dass ich selber es nicht mehr wirklich gut finde, wie Jazz und Pop an den Hochschulen propagiert werden.
Sehen Sie hier auch ein negatives Moment – dass der Jazz, der ja von der Straße herkam, zu akademisch wird?
Natürlich. Und das sah man ja damals schon. Der Jazz hat noch immer seine Straßenfunktion, aber er hat auch ein elitäres Merkmal bekommen, er hat in die E-Musik hineingedrängt, sich mit ihr verglichen. Man muss aber auch sehen, dass es sehr viele Arten von Jazz gibt. In dieser Musik ist alles drin. Ich finde auch den alten Jazz wunderbar, mit dem alles begonnen hat. Damals haben sozusagen ja nur Amateure gespielt, und die haben eine sehr interessante Musik gemacht. Joachim-Ernst Behrendt sagte einmal: Der Jazz entwickelt alle zehn Jahre ein neues Gesicht. Es ist entscheidend, dass er dieses neue Gesicht immer auch zeigt und hörbar macht.
Erhält der Jazz heute auch Gelegenheit, sein Gesicht in den Medien, im Fernsehen zu zeigen?
Es gibt fast überhaupt keinen Jazz mehr im Fernsehen. Früher war das anders, früher war der Jazz neu und interessant. Heute wird nur das genommen, was den Leuten nicht weh tut, was geglättet ist. Wir haben uns damals nie nach dem Publikum gerichtet. Wir hatten keine Schwierigkeiten, von unserer Musik zu leben – wir hatten so viele Gigs, wir hatten so viele Möglichkeiten. Heute ist das anders. Aber der Jazz hat heute auch nicht mehr die Kraft, die man ihm wünschen würde.
Wie sehen Sie die heutige Situation des Jazz? Kann er nun als etabliert gelten?
Ich habe das nie so erlebt, dass der Jazz sich etabliert hat, und ich glaube nicht, dass er nun etabliert ist. Ich glaube sogar, dass sich mittlerweile ein gewisses Ressentiment gegenüber dieser Musik breit gemacht hat. Heute trifft man auf Jazzkonzerten fast nur ältere Leute. Das gefällt mir überhaupt nicht. Ich denke, das wird sich in den kommenden Jahren weiter in diese Richtung bewegen, bis wieder etwas neues kommt, eine ganz andere Situation, dann wird man sich wieder anders orientieren. Auch wenn es nach Stagnation aussieht – ich bin davon überzeugt, dass der Jazz sich in den nächsten zehn Jahren sich wieder völlig verändern wird.
Wenn Sie auf Ihre eigene Laufbahn als Musiker und Komponist zurückblicken – wie würden Sie Ihre persönliche Entwicklung beschreiben?
Ich habe natürlich nicht Jazz studiert, sondern Klassik. Die ganze erste Generation der Jazzlehrer an der Musikhochschule war nur klassisch ausgebildet. Wir haben diese Musik damals für uns selbst erforscht und haben uns dabei auch gebildet. Ich habe einfach angefangen zu spielen – mit 21 war ich bei Wolfgang Dauner in der Radio Jazz Group. Bei Professor Karkoschka an der Hochschule habe ich Kompositionsunterricht gehabt – aber natürlich immer klassisch. Ich wusste, wie ich das aufbauen kann, und habe dann den Jazz hineingebracht.
Welche Musiker haben Sie in Ihrer Entwicklung beeinflusst?
Die alten Bluessänger haben mich unheimlich fasziniert. Und Benny Goodman. Dann kam John Coltrane, eine ganz wichtige Figur, die für uns auch repräsentiert hat, dass Musik nicht nur Musik ist, dass da viel mehr dahinter ist. Dieses Dahinter-Schauen, das war für mich das Entscheidende. Dass Musik nicht nur Klang, Struktur, Ton ist, sondern so viel mehr. Da kommen viele andere Sachen dazu, die Menschlichkeit zum Beispiel. Das hat mich immer interessiert – wie die Musik sich gewissermaßen von der Klanglichkeit entfernen kann und dann etwas ganz anderes darstellt. Als würden die Wolken verschwinden und die Sonne geht auf. Coltranes Spiritualität hat mich damals fasziniert, und ich wollte das auch auf ähnliche Weise machen wie er. Aber das geht ja gar nicht.
Und diese Kraft fehlt dem Jazz heute?
So ist es – vermeintlich. Sie liegt im Verborgenen, der Jazz liegt im Moment im Verborgenen. Die Denkweise, die ich dem Jazz zutraue, weit über das musikalische hinaus, existiert fast nicht mehr. Aber es gibt Kreise, die das immer noch so verstehen – und ich habe die Gewissheit, dass das irgendwann wiederkehren wird.
Sie leben nun in Konstanz am Bodensee nach vielen Jahren in Stuttgart. Wie haben Sie die Veränderung der Stadt wahrgenommen?
Ich habe 1968 bis 2012 in Stuttgart gelebt. Die Stadt hat sich in dieser Zeit sehr zum Positiven verändert. Als ich damals aus dem Bahnhof kam und mich umschaute, dachte ich: Das ist ja furchtbar. Es war alles so dunkel und düster. Aber die Hochschule hat mir gefallen, die Musik, viele der Konzerte dort. Es war ein tolle Zeit. Was heute mit dem Bahnhof geschieht, gefällt mir allerdings gar nicht. Was da an Belastungen auf die Bevölkerung zukommt, das ist ja Wahnsinn.
Auch das Theaterhaus ist ein Teil Ihrer eigenen Geschichte. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit diesem Ort?
Das Theaterhaus ist ein einziger Lichtblick. Ich habe oft dort gespielt, bei den Jazztagen, mit ganz wichtigen Leuten. Das Theaterhaus mit Werner Schretzmeier ist ein wichtiger Faktor in meinem Leben, auch für Stuttgart und die Region. Ich verbinde viele Erinnerungen mit diesem Haus. Im alten Theaterhaus habe ich auch einmal mit Jack Bruce gespielt, dem Bassisten der damaligen Super-Group Cream. Er kam gerade von einer Tournee aus New York und hatte keine Ahnung, was wir geprobt hatten – wird sind einfach auf die Bühne gegangen, und es war trotzdem eine tolle Sache.

Info

Musiker 1948 im schleswig-holsteinischen Dammfleth geboren, studiert er Saxofon an der Musikhochschule Stuttgart. Er spielt in Bands, komponiert und gründet 1981 mit Jiggs Wigham das Jugendjazzorchester Baden-Württemberg, das er bis 2013 leitet. 1986 wird er in Stuttgart Jazz-Professor. Woody Allen verweist in seinem Film „Hannah und ihre Schwestern“ (1986) auf Konrads Album „Traumtänzer“.

Festival Die 31. Theaterhaus Jazztage beginnen an diesem Mittwoch um 20 Uhr mit dem Preisträgerkonzert für Bernd Konrad und dauern bis einschließlich Ostermontag. Karten und Informationen unter www.theaterhaus.com.