Theaterhaus Jazztage Ein Rapper spielt Piano, ein Sänger Trompete

Max Herre (rechts) und sein musikalischer Direktor Roberto Di Gioia Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Beim Oster-Festival im Theaterhaus sucht der Rapper Max Herre eine neue musikalische Rolle im Jazz. Die Schweizer Avantgarde-Band Band Hildegard lernt fliegen sorgt für eine Sternstunde.

Einer wurde vergessen im Programm der österlichen Jazztage: der ungarische Saxofonist Tony Lakatos. Theaterhaus-Chef Werner Schretzmeier bittet für ihn deshalb schon vor dem ersten Ton um einen Riesenapplaus. Den bekommt Lakatos und rechtfertigt ihn dann an diversen Holzblasinstrumenten: Seine schillernden Melodien und Improvisationen überstrahlen die Musik der Band Web Max um den Rapper Max Herre und den Jazzpianisten Roberto Di Gioia.

 

Herre, Sprechsing-Stimme der Stuttgarter Formation Freundeskreis, hat einiges versucht jenseits des Rap, Singer-Songwriter-Auftritte, rockige Alben. Nun begleitet er als Co-Komponist und Co-Produzent im Hintergrund, tastet sich am Flügel und am E- Piano an den Jazz heran und bringt eine gewisse Soul- und Pop-Note ein. Di Gioia ist ein Virtuose wie Lakatos, Peter Gall an den Drums und der Bassist Christian von Kaphengst sorgen für elektrisierende Rhythmen. Als Zugabe tut Herre es dann doch, intoniert seinen ersten Hit „A.N.N.A.“, und prompt gehen die Leute begeistert mit – Herre dürfte wieder mehr Rap wagen.

Filmmusik, die gar keinen Film mehr braucht

Dass die Halle T1 nicht einmal zur Hälfte gefüllt ist, liegt nicht nur am etwas uneindeutigen Crossover. Die aktuelle Multikrise – Corona, Ukraine-Krieg, Inflation, Klimawandel – sorgt beim Publikum für Zurückhaltung. Dennoch gut besucht ist das andere Konzert des Abends, bei dem das Schweizer Sangeswunder Andreas Schaerer und seine Band Hildegard lernt fliegen eine Sternstunde der Avantgarde-Musik inszenieren.

Zuerst spielen sie ihr komplettes aktuelles Konzeptalbum „The Waves are rising, my Dear“. Das klingt wie Filmmusik, die gar keinen Film mehr braucht, so bildhaft sind die durchkomponierten Klänge, die der Stimmartist, drei Bläser und eine Rhythmusgruppe ineinander verschachteln. Jeder Song knistert vor theatralischer Spannung. Die Musiker erzählen und lautmalen, ganz organisch wirken ihre harmonisch und rhythmisch vertrackten Strukturen. Über allem schwebt federleicht Schaerers Gesang, als wäre er ein Crooner im Casino in Las Vegas; dabei bewegt er sich in einer komplexen Struktur, in der andere sich verirren würden, und singt wortreich etwa über eine postapokalyptische Bar, in der Einstein und Madonna über die Menschheit sinnieren.

Schaerer kann mit der Stimme fast alles

Mal erzeugt Schaerer mit seiner Stimme ein flirrendes Trompetensolo, mal murmelt, pfeift, klackert, summt und beatboxt er simultan – das ist große Kunst. Das Publikum tobt, und die Band beharrt darauf, den Spieß umzudrehen: Sie applaudiert den Besuchern fürs Kommen und dem Theaterhaus, das für Schaerer ein Ort ist, „an dem man sich Zuhause fühlt“. Am 28. April kann man Hildegard lernt fliegen wieder hören, in der Stadthalle Reutlingen spielen sie mit der Württembergischen Philharmonie ihr orchestrales Werk „The big Wig“.

So geht’s weiter bei den Jazztagen

16.04.
 Sweet Soul Music – The Aretha Franklin Tribute Show; Bebelaar/Beck/Kroll sowie Camille Bertault & David Helbock

17.04.
 Flamencojazz mit Daniel Garcia Trio, Gerardo Nuñez, Carmen Cortés & Ariel Bringuez; Feeling good? – Nina Simone, ihre Musik, ihr Leben, ihre Zeit

18.04.
  Richie Beirach mit European Quartett & Sirius Quartet; Jasper vant Hof/Greetje Bijma/Hans Fickelscher

20.04.
 Jazz-Piano-Abend mit Iiro Rantala / Tingvall Trio; Dance/Jazz Fusion Vol. 3 mit mit Magnus Mehl, Roman Novitzky u. v. a.

Weitere Informationen und Tickets gibt es hier.

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