Theaterhaus-Jazztage Pariser Flair und Flamenco-Feuer

Die Französin Camille Bertault im Theaterhaus Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Frankreich, die Schweiz, Spanien und der deutsche Südwesten: Die Theaterhaus-Jazztage zeigen idealtypisch das Potenzial des europäischen Einigungsprojekts.

Beherzt scattet die Sängerin Camille Bertault, und sofort erfüllt das Flair ihrer Heimatstadt Paris den Raum. Der Pianist David Helbock untermalt ideenreich und nimmt live Begleitungsschleifen auf, indem er das Innere des Flügels als Perkussionsfläche nützt. Eine Chansonnière möchte Bertault nicht sein: Sobald sie zu Worten wechselt und „l’amour“ besingt, stellt sich Jazz-Ernsthaftigkeit ein.

 

Die Französin und der Österreicher führen bei den Theaterhaus-Jazztagen exemplarisch vor, wie kultureller Austausch funktioniert, und das Stuttgarter Publikum lauscht gebannt den Klangfarben Europas.

Alle Augen und Ohren auf zwei andalusischen Stars

Ovationen im Stehen gibt es für einen spanischen Beitrag. Der Pianist Daniel Garcia und sein Trio vereinen das Feuer des Flamenco mit der Offenheit des Modern Jazz. Der Saxofonist Ariel Bringuez bringt eine untypische Klangfarbe ein, zwei Stars mit andalusischen Wurzeln ziehen alle Augen und Ohren auf sich: Der mit allen Wassern gewaschene Gitarrist Gerardo Núñez sowie Carmen Cortés, eine „Königin des Flamenco-Tanzes“ (Garcia). Funken der Leidenschaft sprühen, wenn er die Saiten zupft, schlägt und liebkost, wenn sie mit Armen und Händen wild gestikuliert, ihr weißes Schleppenkleid lupft und rasant rhythmische Muster auf die Bühne stanzt.

Die stimmstarke Schweizerin Erika Stucky versüßt im Theaterhaus seit Jahren den Neujahrsabend mit stimmstarken, humoristischen Performances. Nun kehrt sie aus der Reihe zurück und interpretiert mit Piano- und Bass-Begleitung „Come together“ von den Beatles, „I’m on Fire“ von Bruce Springsteen, Lou Reeds „Sweet Jane“ mit Doop-doo-doop-Einsprengseln aus „Walk on the wild Side“. Entschleunigt, wie dickflüssiger Sirup tropfen die Welthits in den Raum – „Stucky Undercover“ nennt sie ihr Kunststück.

Drei Schweizer auf musikalischem Parforceritt

Klänge ganz eigener Prägung sucht das Schweizer Trio Schnellertollermeier. Der Gitarrist Manuel Troller, der Bassist Andi Schnellmann und der Drummer David Meier verschachteln vor Unrast vibrierende, perkussive Muster, die den Geist der Minimal Music atmen. Wenn sie die angestaute Energie eruptiv freisetzen, klingen sie wie eine Art Jimi Hendrix Experience 2.0, nur ohne Hooklines und Soli – als wollten sie um jeden Preis bekannte harmonische Pfade meiden. Das gelingt ihnen tatsächlich, allerdings fordert ihr musikalischer Parforce-Ritt dadurch auch das Publikum.

Traumwandlerisches Zusammenspiel zeigt ein Trio aus dem Südwesten. Der Pianist Patrick Bebelaar (51) und der Saxofonist Frank Kroll (53), baden-württembergische Landesjazzpreisträger 2000 und 2003, kooperieren gerne und haben in Christoph Beck (35) einen jungen Seelenverwandten gefunden. Bebelaar legt expressive Fundamente, um die Kroll am Sopran- und Beck am Bariton-Saxofon Motive und Improvisationen schlingen. Dabei mäandern die drei von lyrischem Wohlklang in assoziative Gefilde, in denen der Jazz sehr free wird, und wieder zurück. Das Publikum lässt sich auf die Abenteuerreise ein – und ist entzückt.

Ein Blumenstrauß für Nina Simone

Amerika taucht beim Festival zunächst nur in historischen Rückblicken auf: Afroamerikanische Sängerinnen erinnern in der musikalischen Revue „Sweet Soul Music“ an Aretha Franklin, die Stuttgarter Vokalistin Fola Dada haucht in einem Live-Hörspiel Songs von Nina Simone neues Leben ein. Diese war 1989 zu Gast beim Stuttgarter Jazz-Gipfel wie auch der Bandleader Dizzy Gillespie, der sie verehrte und ihr persönlich einen gigantischen Blumenstrauß auf die Bühne brachte, hinter dem er fast verschwand.

Der Theaterhaus-Chef Werner Schretzmeier erzählt gerne solche Anekdoten und ist überhaupt guter Laune: „50 Prozent Auslastung war unser Minimalziel, nun nähern wir uns 60 – es geht also finanziell auf, die Jazztage werden 2023 wieder stattfinden!“

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