Grandiose Konzerte So war es bei den Jazztagen im Theaterhaus

Von allen E.S.T.-Alben wird beim mitreißenden Konzert je ein Song vorgestellt. Foto: Martin Kemeter

Bei den Theaterhaus Jazztagen gab es Ergreifendes vom Tigran Hamasyan Quartett und beim E.S.T. – Tribute to Esbjörn Svensson Trio.

Bevor das Konzert vom Tigran Hamasyan Quartett am Dienstag bei den Jazztagen startet, werden an den Kassen Ohrstöpsel verteilt. Es könnte laut werden. Und es wird laut. Es beginnt aber ganz zart und leise. Tigran Hamasyan spielt auf dem Klavier eine kleine Spieluhrmelodie, dann er singt dazu und pfeift. „The Bird of a Thousand Voices“ heißt sein Programm. Es ist geprägt von einer faszinierenden Bipolarität. Zärtlichkeit und Gewalt, armenische Folklore und künstliche Synthesizer-Töne, Düsternis und Licht treffen blitzartig aufeinander, bis Funken stieben, und der Applaus sich nach jeder der Improvisationen donnernd entlädt. Der magisch glühende Vogel der armenischen Legende symbolisiert den Wunsch nach Freiheit. Die zahlreich erschienenen Menschen aus Armenien wissen das. Sie haben den Völkermord der osmanischen Regierung an ihren Landsleuten nicht vergessen und den aktuellen Bergkarabach-Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan im Sinn.

 

Hier wird Geschichte geschrieben

Als Nebelschwaden über die Bühne ziehen, lässt der grimmig dreinblickende Bassist Marc Karapetian stoisch seinen sechssaitigen Tieftöner knallen, und Hard-Rock-Drummer Matt Garstka füllt mit brachialer Kraft den Klangraum, durch den jetzt wabernde Sounds zischen, erzeugt von Yessai Karapetian. Und wieder ändert sich die Stimmung. Ganz sanft spielt nun der komponierende und arrangierende Pianist Hamasyan wieder, und sein Gesang ertönt mit Hall abgemischt wie aus einem Gebirgstal heraus. Die Menschen im Saal summen zuerst leise, dann singen alle mit. Es ist ein Lied von Frieden und Freiheit. Was für ein schöner Festivalmoment!

Am Vorabend wird Jazzgeschichte geschrieben: 30 Years of E.S.T. – Tribute to Esbjörn Svensson Trio. Im Oktober 2003 geriet das Theaterhaus bei einem Konzert schier aus den Fugen. In unserer Zeitung war zu lesen: „E.S.T. trifft den Nerv unserer Zeit. Die Menschen werden durch die wunderbare Musik des schwedischen Jazztrios, durch die suggestive Wirkung einer Sound- und Light-Show mitsamt Nebelmaschine in einen Strudel der Klänge gezogen, werden mitgerissen und gleiten glücklich dahin, gelöst und schwerelos wie in einem schönen Traum.“

Dieser Traum ging fünf Jahre danach jäh zu Ende. Der geniale Komponist und Pianist Esbjörn Svensson, der Namensgeber des Trios, verunglückte im Juni 2008 bei einem Tauchgang im Stockholmer Schärengarten. Tragischerweise ertrank er im Beisein seines 14-jährigen Sohnes. Die Nachricht dieses Todes ging durch Europa wie eine Schockwelle. „Das Trio des Jahrzehnts“, „die Zukunft des Jazz“ war plötzlich Geschichte. Kurz zuvor hatte E.S.T. noch an einer Platte mit dem Titel „Leucocyte“ gearbeitet. „Anfang, Übergang, Tod und Unendlichkeit“ lauten die vier Sätze. Das Album kann als Ahnung verstanden werden: Die Musik nimmt vorweg, was einmal Realität werden wird.

Großartige Werkschau

Dreißig Jahre nachdem die drei Jugendfreunde in Schweden E.S.T. gegründet hatten, formiert sich auf Anraten ihres deutschen Plattenlabels ACT eine Band, die das Erbe von E.S.T. weiterführt und das Trioformat erweitert. Dabei sind die beiden Gründungsmitglieder Magnus Öström am Schlagzeug als pochendes Herz der Gruppe und Dan Berglund, der seinen Kontrabass meisterhaft wie ein Cello spielen kann. Eine fantastische Rhythmusgruppe.

Den schwierigsten Part übernimmt Joel Lyssarides am Flügel, ein junger Schwede mit griechischen Wurzeln: Er hat die Rolle von Esbjörn Svensson inne. Der 32-jährige Pianist meistert diese Aufgabe souverän und überzeugt mit Leichtigkeit, Virtuosität und feinem Rhythmusgespür. Dazu gesellt sich im Theaterhaus ein Bläserduo mit dem Trompeter Verneri Pohjola aus Finnland und dem schwedischen Holzbläser Fredrik Ljungkvist. Die Themen der vertrauten Kompositionen werden erstmals von einem schön konturierten Bläsersatz vorgestellt. Durch die beiden exzellent improvisierenden Solisten aus Skandinavien wird der dichte Trio-Sound von E.S.T. bei Svensson-Kompositionen wie „Seven Days of Falling“ oder „Behind the Yashmak“ zu dem eines tollen Jazzquintetts. „From Gagarin’s Point of View“ traute sich der bescheidene Esbjörn erst gar nicht, seinen beiden Freunden vorzustellen. Zu simpel, befürchtete er. Das Stück wurde tatsächlich ihre Signature-Nummer. Von allen E.S.T.-Alben wird bei diesem mitreißenden Konzert je ein Song vorgestellt. Es ist eine Werkschau.

Das Glücksgefühl, noch einmal die Musik von damals erleben zu können, wird durchweht von einer Melancholie, die aus der Trauer über den Tod des Bandleaders rührt. Als Öström bittet, für ihren verstorbenen Freund Esbjörn zu applaudieren, klatscht das Publikum minutenlang. Am Ende des Konzerts entlässt die wunderschöne und gefühlvolle Ballade „Believe Beleft Below“ die Menschen in die frische Aprilnacht. Manche wischen sich verstohlen eine Träne aus den Augen.

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