Theaterhaus Stuttgart Beste Unterhaltung im August: Akrobatik, Musical und Comedy

Von peix 

Von wegen Sommerloch: Auf dem Pragsattel locken die atemberaubenden Darbietungen der Mitglieder von Gravity & Other Myths, die neue Inszenierung des Musicals „Die Päpstin“ und der KGB alias "KuhnleGaedtBaisch".

Schwerkraft ist das, was man daraus macht – sie zu überwinden ist auch nichts anderes als eine Frage des Willens. Wer Gravity & Other Myths zuschaut, könnte rasch zu dieser Einschätzung kommen.  Foto: Chris Herzfeld
Schwerkraft ist das, was man daraus macht – sie zu überwinden ist auch nichts anderes als eine Frage des Willens. Wer Gravity & Other Myths zuschaut, könnte rasch zu dieser Einschätzung kommen. Foto: Chris Herzfeld

Im Sommerprogramm des Theaterhauses gibt es so einige Höhepunkte. Unter anderem wird da der Schwerkraft getrotzt, ist die Päpstin zu Gast – und der KGB genießt ein Glas Nost.

Manchmal braucht es nicht viel für den großen Auftritt: „A Simple Space“, also ein schlichter Raum genügt den Mitgliedern von Gravity & Other Myths, um das Publikum in ihren Bann zu ziehen und neuen Ideen des Contemporary Circus nachzuspüren. Im Theaterhaus zeigt die Truppe aus dem australischen Adelaide diesen Sommer einmal mehr, dass es weder Schminke, Glitzerkostüme noch sonstigen Glamour braucht, um – ihr Name ist Programm – die Schwerkraft als Mythos zu entlarven. Statt einer Hochglanzshow mit viel Oberfläche und wenig Tiefgang loten die Artistinnen und Artisten unprätentiös aus, was mit dem menschlichen Körper alles möglich ist. Ob sie sich gegenseitig durch die Luft schleudern, haarscharf aneinander vorbei, oder sich in Flugrollen und auf andere Weise durch den Raum bewegen – alles geschieht so wendig, dynamisch, witzig und leidenschaftlich, dass es keine Sekunde gibt, in der die Zuschauer nicht mitfiebern.

Schafft es die Frau, über die Köpfe der Männer zu schreiten? Wie hoch können Menschen sich aufeinandertürmen, ohne dass die Kaskade in sich zusammenfällt? Und wer kann am längsten um die Wette seilhüpfen oder im Handstand stehen? Das Schöne: Bei den Finessen, spitzbübischen Kabbeleien und übermütigen Stürzen und Überschlägen – zu den treibenden Beats mitreißender Livemusik oder den Rhythmen von Body Percussion – geht es freilich nicht um verbissenes Konkurrenzgebaren, sondern vor allem darum, möglichst viel Spaß mit­einander zu haben.

Bodenhaftung trotz artistischer Höhenflüge

Derlei ist nicht möglich, ohne tiefstes Vertrauen zueinander zu haben. So erklärte einer der Artisten einem aus­tralischen Journalisten, dass sie nicht nur auf der Bühne bestens miteinander auskämen, sondern alle im wahren Leben miteinander befreundet seien. Sonst sei es nicht möglich, so eng zusammenzuarbeiten. Denn trotz aller Erfolge und artistischer Höhenflüge sind die Mitglieder von Gravity & Other Myths auf dem Boden geblieben.

Im Jahr 2009 fand die Truppe zusammen – im Umfeld der Cirkidz: Die renommierte Zirkusschule in Adelaide setzt längst nicht nur in Australien Impulse in Sachen Zirkuskunst der neuen Generation. Kritiker weltweit bescheinigen ihnen „Mut und Charakterstärke“. Ihre Show sei voller Kraft, Geschicklichkeit und Kreativität, „aufs Wesentliche zurückgestutzt und roh . . .“ Und vor allem ehrlich, weil sich die Performer hinter nichts verstecken könnten. Mit „A Simple Space“ bestätigen sie die alte Regel: Weniger ist mehr.

Ein bisschen mehr Kostüm und Kulisse bringt freilich Johanna mit. Verständlich, handelt es sich bei ihr doch auch um „Die Päpstin“. Das Musical, das vergangenes Jahr neu inszeniert wurde, wird in Stuttgart wiederaufgenommen – mit Stars des Genres wie Uwe Kröger, Jan Ammann, Matthias Stockinger, Alexander Kerbst, Hannes Staffler und Kevin Tarte. Die Hauptrolle der Johanna übernehmen Sandy Mölling, Ex-Mitglied der Girl Group No Angels, und Musical-Darstellerin Kristin Backes. Beide schwärmen von der Rolle und der Musik von Dennis Martin. Während Backes den Part als Traum sieht, ist er für Mölling eine Fügung des Schicksals.

Die Legende der 814 geborenen Johanna als Musical

Als letzteres kann man sicher auch die – aus den Legenden stammende – Geschichte der Johanna bezeichnen. 814 wird die außergewöhnlich kluge Tochter eines Dorfpfarrers und einer sächsischen Heidin geboren. Von ihrer Mutter unterstützt, lernt sie heimlich lesen und schreiben. Weil sie aber als Mädchen in der Klosterschule angefeindet wird, legt sie ihre Frauen­kleider ab, verwandelt sich in den Mönch Johannes Anglicus und tritt in das Kloster Fulda ein. Das muss sie später verlassen, um ihr Geheimnis zu wahren. Es verschlägt sie nach Rom, wo sie vom Volk zum Papst gewählt wird – und um Selbstbestimmung, aber auch ihre Liebe kämpft.

Geniales Entertainment und geballte Comedy-Kraft wird ihnen attestiert. Kein Wunder, wurzeln doch die Konsorten von KGB KuhnleGaedtBaisch in legendären Ex-Komiker-Kollektiven wie Comedy Factory, Kleine Tierschau, Scherbentheater, Shy Guys und anderen Ex-en. Nun ist die Troika per Sputnik wieder zu ihrer Kolchose mit den schwäbischen Gardinen gereist, um den eisernen Vorhang des Schweigens zu lüften.

Den Lada haben sie zugemacht und den Moskwitsch hinter der Datscha geparkt, um bei einem Glas Nost Bruderküsse und die Muse Sibiriens zu genießen. „Der Jubel rollt“, lautet denn auch die Devise der drei, die für ihre Angriffe auf das Zwerchfell die begehrte „Goldenen Kalaschnikow“ erhielten – freilich vom Zentralkomitee der Humoristik mit Sitz an der Wolga. Weil dort das Plansoll erfüllt wurde, macht der KGB nun am Neckar mobil.

Nastrovje! Gravity & Other Myths: ab 2. August, wechselnde Uhrzeiten; „Die Päpstin“: ab 10. August, wechselnde Uhrzeiten; KGB KuhnleGaedtBaisch: ab 23. August, jeweils 20.15 Uhr; Theaterhaus, Tickets 07 11 / 4 02 07 20 oder online.