Theaterhaus Stuttgart Gauthier Dance: „Classy Classics“ bricht mit klassischen Mustern

Von peix 

„Classy Classics“, das jüngste Programm von Gauthier Dance, zeigt keine opulenten Ballettwerke, sondern meisterhafte Stücke des zeitgenössischen Tanzes. An drei Tagen im November ist es im Theaterhaus Stuttgart zu sehen.

Nora Brown und Maurus Gauthier tanzen bei „Classy Classics“ – am 15., 16. Und 17. November im Theaterhaus Stuttgart.  Foto: Regina Brocke
Nora Brown und Maurus Gauthier tanzen bei „Classy Classics“ – am 15., 16. Und 17. November im Theaterhaus Stuttgart. Foto: Regina Brocke

Bei einem Programm wie „Classy Classics“, zu Deutsch: „erstklassige Klassiker“, darf freilich auch William Forsythe nicht fehlen. Der Mann, der das klassische Ballett dekonstruiert hat wie nur wenige andere. In seinem Pas de deux aus dem Stück „Herman Schmerman“ schickt er ein Paar in gelben Versace-Röckchen auf die Bühne, den Mann oben ohne, die Frau im Netzshirt. Als er die Kreation im New York City Ballet einstudierte, für das er diese 1992 schuf, soll er immer wieder betont haben: „Zeig einfach jedem, wie viel besser die Dinge sind, wenn man einen Rock anhat.“ Kurz: Forsythe wäre nicht Forsythe, wenn er in diesem Rahmen nicht auch klassische Konventionen im Allgemeinen infrage stellen, Muster durchbrechen würde.

Und so läuft Sie mal lässig und selbstbewusst auf den Mann zu, mal vollführt Sie auf Spitze exakte Atti­tüden und Sprünge, bevor es in den dynamischen Austausch mit dem Partner geht. Er, mitunter überrascht, schwankt ständig zwischen Ausbrechen und Mithalten.

Mit sich selbst kämpft indes ein Mann in Marco Goeckes Solo „Äffi“, unter anderem zu Johnny Cashs Interpretation des Nine-Inch-Nails-Song „Hurt“ oder Vera Lynns Klassiker von 1939 „We’ll Meet Again“. Finger, Hände, Körperteile bewegen sich einzeln, jeder Muskel scheint Erinnerungen nachzuzittern, aus dem Stand Bewegungen zu evozieren. Die fließen und stocken, eine rasante Tour de Psyché präsentierend, die wirklich unter die Haut geht.

„Classy Classics“: Arabische Sounds treffen spanische Rhythmen

„Decadance“ des Israelis Ohad Naharin vereint wiederum kaleidoskopartig Auszüge aus seinen bisherigen Arbeiten. Das Stück wird mit den Ensembles der jeweiligen Stadt weiterentwickelt, improvisatorisch in Workshops. Das heißt, es ist in jeder Stadt etwas anders. Dabei wird erst in der Gruppe die Chorus Line geprobt, parallel Hände, Arme und Oberkörper bewegt, um danach in kleineren Gruppen oder gar individuell auszubrechen – angetrieben von einer mitreißenden Mischung aus arabischen Sounds und Popklängen.

Eine Hommage an die kubanische Sängerin Guadalupe Victoria Yolí Raymond, besser bekannt als La Lupe oder als Queen of Latin Soul, hat der spanische Choreograf Cayetano Soto geschaffen. Im Stück „Malasangre“, der Titel ist mit „Böses Blut“ zu übersetzen, hat Soto die innere Zerrissenheit von La Lupe als Inspiration genutzt, um eine Quelle der Energie fließen zu lassen, die scheinbar nie versiegt. Mit „Malasangre“ hat der gebürtige Barceloner eine witzige, gleichwohl bittersüße Revue geschaffen, in deren Exzentrik stets die Melancholie mitschwingt.

Auch Eric Gauthier selbst zeigt Choreographie

Apropos Revue, die letzte Nummer des Abends bildet eine Choreografie des Company-Chefs Eric Gauthier. Sein kurzweiliges „Orchestra of Wolves“ zeigt einen Dirigenten mit Entenschnabel, der den Taktstab zu Beet­hovens 5., der „Schicksalssinfonie“, schwingt, um seine wolfsgesichtigen Musiker in Einklang zu bringen.

Der musikalische Kampf wurde von einer wahren Geschichte inspiriert. Ein bekannter Dirigent habe ihm einmal von einer misslungenen Probe geklagt, erzählt Eric Gauthier: „Er sagte: ,Ich kam mir vor wie ein Vogel, der einem Orchester aus Wölfen vorgeworfen wurde‘.“

Info: „Classy Classics“ – Gauthier Dance: 15. und 16. November, jeweils 20 Uhr; 17. November, 16 Uhr, Theaterhaus, Tickets 07 11 / 4 02 07 20 sowie online