Theaterhaus Stuttgart Schretzmeier inszeniert "Furor"

Von Petra Mostbacher-Dix 

Am 30. März feiert „Furor“ am Theaterhaus in Stuttgart Premiere. Der Chef des Hauses, Werner Schretzmeier, erklärt im Interview, warum er das Stück inszeniert.

Theaterhaus-Chef Werner Schretzmeier inszeniert Furor. Foto: Wilhelm Mierendorf
Theaterhaus-Chef Werner Schretzmeier inszeniert "Furor". Foto: Wilhelm Mierendorf

In „Furor“ läuft ein junger Mann im Drogenrausch vor das Auto des Ministerialdirigenten Heiko Brauchbach, der auch als Kandidat bei der Oberbürgermeisterwahl antritt. Brauchbach sucht das Gespräch mit der Mutter des Unfallopfers, will helfen. Doch als der wütende Neffe Danny auftaucht, eskaliert das Ganze. Der Plot des Autorenpaars Lutz Hübner und Sarah Nemitz scheint auf den ersten Blick alltäglich. Die beiden gehören zu den meistgespielten zeitgenössischen Theaterautoren in Deutschland. Beide studierten Germanistik und Philosophie, sind zudem ausgebildete Schauspieler. Seit 2001 arbeitet das Paar zusammen. Hübners Jugendstück „Das Herz eines Boxers“ erhielt 1998 den Deutschen Jugendtheaterpreis, das gemeinsame Werk „Hotel Paraiso“ wurde 2005 zum Berliner Theatertreffen geladen, 2009 und 2011 folgten Einladungen zu den Mülheimer Theatertagen. Die Arbeiten des Duos, gerühmt für ihre kritische, gleichwohl unterhaltsame Analyse gesellschaftlicher Phänomene, gibt es in über ein Dutzend Sprachen. Theaterhaus-Chef Werner Schretzmeier erklärt im Interview, warum er „Furor“ inszeniert.

Herr Schretzmeier, warum ist für Sie „Furor“ das Stück der Stunde?

Es stellt die wichtigen Fragen zur richtigen Zeit! Und es zeigt, welche Stoffe der Alltag bietet. Was auf den ersten Blick alltäglich daherkommt, mutiert zur Kulisse für die aktuellen gesellschaftlichen Zustände, den Tendenzen der Abgrenzung und Spaltung. Es knallen Welten und Ansichten aufeinander, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Hier der Politiker des eher liberalen Lagers, der sich hochgearbeitet hat, dort der Neffe, politikverdrossen, radikalisiert, ein prekär Lebender, der beim Paketzustelldienst arbeitet und rechtspopulistisches Gedankengut nachplappert, im Grund eine tragische Figur. In der Mitte die Mutter, die versucht auszugleichen. Sie will einfach ihr Leben mit einem – zukünftig wohl behinderten Sohn – bin den Griff bekommen . . .

. . . und plötzlich scheint die gesamte repräsentative Demokratie ins Wanken zu geraten. Just wurde „Furor“ am Frankfurter Schauspiel erfolgreich uraufgeführt. Gelobt wurde, wie Hübner und Nemitz „Bilder, Konstellationen, Geschichten“ finden für Dinge, die im Politikteil der Zeitungen eher abstrakt blieben. Ist eine der richtigen Fragen auch die der scheinbaren Feindbilder nach dem Motto „Opfer arm, Täter reich“?

Genau. Von der Frankfurter Inszenierung habe ich mir bewusst nur Fotos angeschaut, um unbeeinflusst zu bleiben. Wir lassen die Geschichte nicht im privaten Wohnzimmer, sondern im Friseursalon spielen, dessen Besitzerin die Mutter ist. In der Tat sind heute die Lager und Feindbilder nicht mehr leicht zu unterscheiden. Landläufige Zuschreibungen und Vorstellungen werden durchgeschüttelt, damit auch die scheinbaren Motivationen, warum Menschen Dinge tun. Meint es der Politiker wirklich gut – oder will er nur vertuschen? Will der Neffe wirklich der Tante helfen – oder einfach nur um des eigenen Vorteils willen Geld erpressen?

In Zeiten von Fake News, ständigen Posts in sozialen Netzwerken und dem Gefangensein in Filterblasen plädiert „Furor“ also dafür, differenzierter hinzuschauen und vorbehaltlos miteinander zu reden?

Ja, diese wichtige Qualität der Differenzierung, des Hinterfragens, Zuhörens, verschiedene Seiten anzuschauen und sich dann eine Meinung zu bilden, scheint zunehmend verloren zu gehen. Es wird zu oft an und anhand der Oberfläche geurteilt. Das ist in der Tat eine Gefahr für die Demokratie. Hierzu haben Hübner und Nemitz wunderbare Dialoge geschliffen, um unsere momentanen Befindlichkeiten zu schildern.

Warum wird weniger differenziert?

Weil einfache Lösungen, wie sie Rattenfänger bieten, weit weniger anstrengend sind als echte Auseinandersetzung mit und Debatten über Themen. Und Anstrengung versuchen manche – unabhängig von der sozialen und politischen Couleur – zu vermeiden. Leute, die so agieren, sind weniger Kinder unserer Gesellschaftssysteme, die letztlich in ihren Zuschreibungen auch immer ähnlicher werden, weil die Narrative nicht mehr greifen. Sie sind vielmehr Produkte unseres Lebenssystems. Doch klar ist längst: Ohne mitzudenken, abzuwägen, zu differenzieren und Verantwortung zu übernehmen für sich und das gesellschaftliche Umfeld, geht es in dieser komplexen Welt nicht mehr. Die Kollateralschäden können tödlich enden.

Im Stück wird auch die Vertrauens­krise deutlich.

Es legt den Finger in die Wunde: Will einer was Gutes tun, entsteht sofort Misstrauen. Dann heißt es: Es kann doch nicht sein, dass jemand etwas tut, ohne dass er einen Nutzen davon hat! Alles ist heute eine Kosten-Nutzen-Rechnung. Dieser Misstrauensbazillus wird von den Rattenfängern bewusst in die Gesellschaft gesetzt. Sie mischen sich auch unter die Gelbwesten und Dieseldemonstranten – die Gemengelage ist komplex, soziale und umweltrelevante Fragen werden gegeneinander ausgespielt. Doch es wäre fatal, wenn dieses Misstrauen plötzlich all unser Tun bestimmen würde. Wir müssen extrem auf der Hut sein, unsere Wahrnehmung schärfen, um dem nicht auf den Leim zu gehen. Ein Beitrag dazu ist das Stück. Es regt an, die eigene Perspektive zu hinterfragen und über menschliche Werte nachzudenken. Ich habe Hoffnung, dass es in der – noch – schweigenden Mehrheit genügend aufgeklärte Menschen gibt, damit das Rattenfängerprinzip nicht greifen kann.

Welche Lösung bietet „Furor“ an?

Am Ende sind manche – aber nicht alle – Fragen offen. Doch Eindeutigkeiten, die sich alle Seiten erträumen, gibt es nicht, und damit auch keine Gewissheiten. Insofern ist es eben auch ein Plädoyer für das Quer- und Weiterdenken. Das gelingt Hübner und Nemitz ganz ohne moralischen Zeigefinger, intelligent, verständlich und auch – das ist ebenso wichtig – höchst unterhaltsam.

„Furor“: Premiere 30. März, 19.30 Uhr, weitere Aufführungen bis 6. April, Theaterhaus, Tickets unter 07 11 / 4 02 07 20