Theatermacher László Bagossy „Ungarns Kunstszene hat kaum Hoffnung“
Viktor Orbán regiert Ungarn erneut mit einer Zweidrittel-Mehrheit. Auch der Theatermacher László Bagossy ist bestürzt. Ein Gespräch über Kunst in Zeiten der Repression.
Viktor Orbán regiert Ungarn erneut mit einer Zweidrittel-Mehrheit. Auch der Theatermacher László Bagossy ist bestürzt. Ein Gespräch über Kunst in Zeiten der Repression.
Viktor Orbáns rechtsnationale Partei Fidesz hat Anfang April den Wahlsieg in Ungarn errungen. Sie erhielt 54 Prozent der Stimmen und zwei Drittel der Sitze im Parlament. Damit regiert Orbán erneut mit einer Mehrheit, die im Alleingang die Verfassung ändern kann. Peter Marki-Zay. der gemeinsame Spitzenkandidat von gleich sechs zu einem Wahlbündnis zusammengeschlossnen Parteien, beklagte Benachteiligungen der Opposition im Wahlkampf.
Herr Bagossy, wie ist die Stimmung bei Ihnen und in Ihrem Verein „Freeszfe“?
Wir wurden von einer großen Lethargie befallen. Orbáns Wahlsieg war keine Überraschung, aber natürlich hatten wir auf ein anderes Ergebnis gehofft. Eine Mehrheit von 54 Prozent ist nicht normal! In Weißrussland oder Nordkorea sind Ergebnisse von über 80 Prozent zwar üblich, aber in Europa sind 54 Prozent völlig abnormal. Die Siegesquote Orbáns ist ein Indiz dafür, wie unfair Umstände und Spielregeln bei der Wahl waren.
Inwiefern?
Das Land steht ganz unter dem Einfluss von Viktor Orbán - und der Wahlkampf hat das gezeigt. Die Regierungspartei Fidesz hat ihren Wahlkampf mit einem enormen finanziellen Vorteil aus öffentlichen Geldern finanziert. Darüber hinaus sind die Medien jetzt sehr regierungsfreundlich. Nur die Regierungspropaganda erreicht die Mehrheit der Menschen. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erhielten die Oppositionspolitiker fünf Minuten Zeit, um ihr Programm vorzustellen. Dann wurden die Wahlbezirke nach Fidesz-Interessen umgestaltet. Außerdem hat Viktor Orbán die Autonomie der lokalen Regierungen in den letzten Jahren völlig ausgehungert und zerstört. Es gibt eine große Kluft zwischen Stadt und Land. Nur in einigen wenigen Großstädten wie Budapest hatte die Opposition überhaupt eine Chance.
Schon in den letzten Jahren hat die Regierung Kunst und Wissenschaft strukturell beschnitten und Institutionen wie zum Beispiel die Central European University aus dem Land gedrängt. Was bedeutet das Wahlergebnis für die Kunstfreiheit in Ungarn?
Ein solches Regime hat seine eigene Logik und zerstört jede Form der Autonomie. Mit dieser 2/3-Mehrheit kann Orbán so gut wie alles tun. Als freie Kunstszene haben wir kaum noch Hoffnung und befinden uns in einer schwierigen Lage. Unser Verein „Freeszfe“ arbeitet im Moment in den leer stehenden Gebäuden der ehemaligen Central European University in Budapest. Aber wie lange das noch geht, wissen wir nicht. Unsere Unterstützer haben Angst, sich offen für uns einzusetzen.
Ihr Verein „Freeszfe“ ist eine Reaktion auf die Übernahme der Universität für Theater und Filmkunst in Budapest (SZFE) durch eine regierungsnahe Stiftung. Damals haben Sie und zahlreiche andere Lehrende und Studierende die Universität verlassen. Wie sieht die Situation dort heute aus?
Ich habe kaum noch Kontakt zu denen, die geblieben sind. Meiner Ansicht nach kann man unter solchen Bedingungen nicht arbeiten. Die Universität muss die Freiheit haben, selbst zu gestalten und Entscheidungen unabhängig von der Regierung zu treffen.
Was sind aktuell die größten Herausforderungen für Ihren Verein „Freeszfe“?
Ein wichtiger Punkt ist die Finanzierung. Unsere Lehrer unterrichten momentan gratis – das ist kein Dauerzustand. Die große Frage ist, wer uns finanziell unterstützen kann.
Der Fokus der europäischen Ausgaben liegt momentan eher auf der Ukraine-Krise. Beeinflusst das Ihre Arbeit?
Ja, die Krise hängt wie ein Damoklesschwert über uns. Natürlich ist es richtig, sich jetzt um vom Krieg betroffene Menschen und die Lage in der Ukraine zu kümmern. Wir helfen dabei selbst, wo wir können. Aber gleichzeitig verändert es auch den europäischen Fokus und unsere Notlage gerät in den Hintergrund.
Eine Reaktion auf die Repression ist das Programm „Emergency Exit“, mit dem Ihr Verein ehemaligen Studierenden der SZFE hilt, ihren Abschluss an Universitäten in Europa zu machen. Wie ist der aktuelle Stand?
Die ersten Studierenden haben an der Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg und am Mozarteum Salzburg schon ihr Diplom erhalten. Im Sommer wird die zweite Welle der Studierenden ihren Abschluss machen. Das werden rund 50 Menschen sein, darunter auch meine Regieklasse und viele aus dem Filmbereich.
150 Studierende kommen durch dieses Programm zu einem Abschluss. Gibt es konkrete Pläne für die Zeit danach?
Langfristig wollen wir eine internationale, staatlich unabhängige Universität schaffen. Der Unterricht soll an verschiedenen Orten stattfinden - digital und analog. Es sollen mehrsprachige Projekte für Studierende ins Leben gerufen werden, die in Zusammenarbeit mit verschiedenen europäischen Institutionen geplant werden. Wir wollen neue Lehrmethoden entwickeln, um diese Art von Universität sinnvoll zu gestalten. Denn der gegenwärtige Krieg ist ein Kampf für europäische Werte, für eine demokratische Weltordnung, zu der auch die Autonomie der Universitäten und die künstlerische Freiheit gehören.
László Bagossy
Person
László Bagossy leitete von 2017 bis 2020 das Theaterinstitut an der bedeutenden Universität für Theater und Filmkunst in Budapest (SZFE). Als die Universität von einer regierungsnahen Stiftung übernommen wurde, legte er seinen Posten aus Protest nieder und gründete den Verein „Freeszfe“, der sich für die Unabhängigkeit von Kunst und Lehre engagiert.
Aktivitäten
Mit dem Programm „Emergency Exit“, das 2021 mit dem europäischen Bürgerpreis ausgezeichnet wurde, ermöglicht László Bagossy ehemaligen Studierenden der Universität in Budapest, im europäischen Ausland ihren Abschluss nachzuholen. Am Theater tri-bühne in Stuttgart inszenierte er jüngst das Stück „Snowden 3.3“, in dem er Parallelen zwischen sich und dem Whistleblower Edward Snowden zieht.