Theaterpreis für Brigitte Dethier Kinder müssen sich auch mal gruseln dürfen
Brigitte Dethier ist eine der besten Regisseurinnen im Kinder- und Jugendtheater. Sie will den Nachwuchs nicht schonen. Nun wird sie mit dem Deutschen Theaterpreis geehrt.
Brigitte Dethier ist eine der besten Regisseurinnen im Kinder- und Jugendtheater. Sie will den Nachwuchs nicht schonen. Nun wird sie mit dem Deutschen Theaterpreis geehrt.
Wer in vergangenen Jahren häufiger als Zuschauer im Jungen Ensemble Stuttgart (Jes) war, den wunderte die offizielle Pressemitteilung des Deutschen Bühnenvereins Anfang Oktober gar nicht. Brigitte Dethier dagegen ging es anders, als sie an einem Jurorentreffen für den alljährlich vergebenen Deutschen Theaterpreis namens „Der Faust“ teilnahm. Sie selbst war Teil der Findungskommission für die Sparten „Regie“ und „Darstellende Kunst“. Aber als sie las, wer im Rennen ist für den Preis für sein Lebenswerk, fiel sie aus allen Wolken: Ihr Namen war gleich zweimal genannt.
An diesem Samstag wird Brigitte Dethier nun tatsächlich im Theaterhaus Stuttgart mit dem Lebenswerk-Faust ausgezeichnet – und das mehr als verdient. Denn Dethier hat 2002 das Jes, das Junge Ensemble Stuttgart, nicht nur aufgebaut, sondern zu einer der führenden Kinder- und Jugendbühnen deutschlandweit gemacht. Dass sie nebenbei auch eine herausragende Regisseurin ist, beweisen die zahllosen Inszenierungen, die sie nach ihrem Jes-Abschied 2022 abgeliefert hat.
Erst vor wenigen Wochen hatte sie Premiere an der Deutschen Oper in Berlin mit der Kinderoper „Die drei Rätsel“ von Detlev Glanert auf der großen Bühne mit mehr als hundert Personen. Dabei konnte sie „aus dem Vollen schöpfen konnte“, wie sie begeistert erzählt, „zehn Ankleiderinnen links, zehn Ankleiderinnen rechts“. Das gesamte Haus habe „uneingeschränkt dafür gearbeitet“. Ein Luxus, der im Kinder- und Jugendtheater selten ist.
Mit ihren 66 Jahren ist Brigitte Dethier mehr als gefragt. „Wo ich arbeite, wollen auch alle, dass ich wiederkomme“, sagt sie und meint das keineswegs eitel. Brigitte Dethier ist eine erfrischende und fröhliche Person, was einen Teil ihres Erfolgs ausmachen mag, aber vor allem scheint an den Theatern ihre erklärte Arbeitshaltung zu überzeugen: „Freundlichkeit und Arbeiten auf Augenhöhe“. Darauf hat sie einst schon im Jes gesetzt – ganz bewusst.
Denn wer im Kindertheater arbeitet, verdient grundsätzlich weniger als im Erwachsenentheater. Warum, ist Dethier bis heute ein Rätsel. Der Erfolg des Jes liegt aus ihrer Sicht vor allem daran, dass es eine eigenständige Bühne ist und man sich also „nicht ständig mit anderen Kollegen vergleichen muss“, nämlich mit den Kollegen aus der Erwachsenensparte. Die sind gleich gut ausgebildet, arbeiten gleich viel, aber verdienen „einen gehörigen Teil“ mehr. Das hat sie als Jes-Intendantin mit einer guten Atmosphäre versucht auszugleichen, „damit die Leute gern für Kinder und Jugendliche arbeiten“.
Dabei hat sich das Erwachsenentheater in den vergangenen Jahrzehnten aus ihrer Sicht sogar sehr viel abgeschaut von den Kinder- und Jugendbühnen – etwa die Partizipation. Die heutigen „Bürgerbühnen“ sind nichts anderes als Kinder- und Jugendspielklubs für Erwachsene. Auch das Erzähltheater hat sich längst auf den großen Bühnen durchgesetzt, ebenso wie Produktionen, in denen mehrere Sparten mitmischen. Wie diese neuen Konzepte aussehen, hat Brigitte Dethier gerade beispielhaft vorgemacht bei ihrem mehrteiligen Projekt „Das Ring Ding“, mutig angelehnt an Richard Wagner, das sie demnächst mit dem vierten Teil am Theater in Luzern abschließen wird: „Das Rheingold“ war ein Partizipationsprojekt mit Bürgerinnen und Bürgern; „Die Walküre“ kam als Rap-Oper heraus, auch „Siegfried“ wurde neu vertont. Zum Abschluss wird Dethier nun noch die „Götterdämmerung“ in der Tanzsparte herausbringen – für Kinder und Erwachsene gleichermaßen.
Kurzum: Brigitte Dethier hat sich bestens „abgenabelt“ vom Jes, wie sie sagt, auch wenn sie immer noch gern vorbeischaut. Aber würde sie auch in diesen Zeiten noch einmal ein neues Theater aufbauen wollen? „Ja, immer wieder“, sagt sie, auch wenn sie die Kollegen nicht beneidet, die derzeit vor allem mit Spardebatten zu tun haben. Sie würde weiterhin alles tun, damit Kinder und Jugendliche am Kulturleben teilhaben können. Aber dass Engagement für den Nachwuchs nötig ist, der in unserer Gesellschaft in vielen Bereichen zu kurz kommt, steht für sie außer Frage. „So viel in Sonntagsreden auch behauptet wird, wir haben lange nicht erreicht, was wir erreichen müssten.“
Dabei ist aus ihrer Sicht die Kultur elementar wichtig für eine funktionierende Gesellschaft. Zum Beispiel hätten die Kinder und Jugendlichen im Jes in all den Jahren in jedem Fall mitbekommen, „wie man eine Haltung entwickelt und zivilisiert über Dinge spricht“. Ob sie im Team mitgearbeitet hätten oder bei den Spielklubs, wo man gemeinsam etwas entwickelt: „Ich glaube daran, dass das etwas Gutes bewirkt.“
Eines hat sich aus ihrer Sicht während ihrer Theaterkarriere aber nicht verändert: Eltern und Erwachsene seien nach wie vor überängstlich, wenn es ums Kindertheater gehe. Trotzdem will sie in ihren Inszenierungen nicht „die Welt draußen“ ausklammern und ist überzeugt, dass es auch mal ein bisschen gruselig sein darf. „Wir müssen die Kinder doch herausfordern, ohne sie zu überfordern“, sagt sie und will, dass das Publikum im Nachgang noch darüber nachdenkt, was es besonders gepackt hat. Von der „zwanghaften Vorstellung, dass man den ganzen Tag glückselig sein müsse“, hält Brigitte Dethier in jedem Fall nichts – und wenn etwas beweist, dass mit ihrem Konzept das interessantere Theater herauskommt, so ist es definitiv dieser „Faust für ihr Lebenswerk“.
Person
Brigitte Dethier, 1959 geboren, war nach dem Germanistik-Studium und einer Schauspielausbildung zunächst Regieassistentin, leitete dann die Kindersparten an der Württembergischen Landesbühne Esslingen und am LTT in Tübingen, bevor sie 1996 das Schnawwl am Nationaltheater Mannheim übernahm. Sie baute das Junge Ensemble Stuttgart im Tagblattturm auf, das 2002 an den Start ging und erhielt 2009 mit dem Choreographen Ives Thuwis-De Leeuw bereits einen FAUST für die JES-Produktion „Noch 5 Minuten“.
Preis
Die Theatercompany Familie Flöz wird die Preisverleihung am 15. November im Theaterhaus Stuttgart gestalten, die auch als Livestream zu sehen sein wird. adr