Sehenswerte Produktion der DAT Kunstschule: Heldsein mit dem Herzen Foto: Eibner-Pressefoto/Max Vogel
Um Selbstfindung vor unterschiedlichen kulturellen Hintergründen geht es in der sehenswerten Koproduktion der DAT Kunstschule „Hero by Heart“ mit jungen Akteuren aus Bangalore.
Anne Abelein
07.05.2025 - 12:46 Uhr
Sieben Jugendliche werden aus ihrem Alltag gerissen und kommen in einem unterirdischen Tempel wieder zu sich, in dem ein Orakel weissagt. Erst scheint das alles höchst mysteriös, doch dann erkennen sie einen Zusammenhang der Prophezeiungen mit ihren persönlichen Problemen. Und schließlich kommen ihnen via Video sogar sieben indische Altersgenossen zur Hilfe – und das nachgerade leibhaftig.
Am Sonntag hat die Koproduktion „Hero by Heart“ des Teen-Theaterclubs der DAT Kunstschule und der Theatergruppe der Head Start Educational Academy in Bangalore erstmals das Bühnenlicht erblickt. Regie führten die Kunstschul-Leiterin Prisca Maier-Nieden und die Theaterpädagogin Samta Shikhar aus Bangalore.
Auf der Suche nach dem Held im eigenen Herzen
Foto: Eibner-Pressefoto/Max Vogel
Das Publikum sieht einen Tempelraum mit roten Stufen, der von bunten Bändern überfangen wird. Dort verbergen sich sieben in weiße Judo-Anzüge gekleidete Akteure hinter Schildern in Form von Tangramteilen; einem Legespiel aus Plättchen in einfachen geometrischen Formen. Sie hadern mit diversen kleinen Problemchen wie Hunger- und Kicheranfällen, als auf einmal eine Jugendliche auf eine Matte purzelt.
Sieben weitere folgen, die sich den Fragen der Tangram-Träger stellen müssen. Wie sich zeigt, assistieren diese einem indisch gewandeten Orakel. Die Tangram-Teile dienen dabei als Projektionsflächen oder die Trägerinnen formen mit ihnen Buchstaben – gewitzte Kniffe der Regie und Ausstattung (Katharina Müller). Ein Entkommen ist für die Jugendlichen erst einmal nicht möglich, und daher machen sie sich auf die Suche nach sich selbst. Da formen die Orakel-Assistenten vor ihren Augen Standbilder, die sinnfällig die Beziehungen und Probleme der Jugendlichen mit Gleichaltrigen und Erwachsenen darstellen. Mobbing, Schüchternheit und Freundschaft auch in schweren Tagen sind etwa Themen.
Wie nun den Problemen begegnen? Die Orakel-Assistenten formen mit ihren Platten ein S – wie „Superkraft“. Und tatsächlich nehmen die Jugendlichen besondere Kräfte bei sich wahr. Sie können zum Beispiel Gegenstände oder Menschen bewegen. Wie sie ihre neuen Fähigkeiten einsetzen können, zeigen ihnen nun die sieben Jugendlichen aus Bangalore per Video. Jeder der Böblinger Hauptdarsteller erhält von ihnen ein Geschenk. Und da bringt die Inszenierung kulturelle Besonderheiten als Bereicherung ins Spiel: Bei den Präsenten handelt es sich nämlich um Gegenstände aus dem indischen Alltag oder dem Hinduismus, deren Zweck und Bedeutung die Inder den Jugendlichen erklären. Als da wären zum Beispiel eine Diya (eine Öllampe aus Ton oder Metall), ein Rakhi-Armband (mit dem die Inder beim Rakhi-Festival die Verbundenheit mit ihren Geschwistern feiern) oder eine Ganesha-Figur (ein indischer Gott mit Elefantenhaupt, der Glück und Weisheit bringt) und weitere mehr.
Auch in den Besucherreihen findet das Spiel statt. Foto: Eibner-Pressefoto/Max Vogel
Anhand von Beispielen ergründen nun die Jugendlichen, was einen Helden ausmacht. Die Inszenierung bringt eine große Bandbreite von Vorbildern an: Sie stellt unter anderem das Wirken von Hans Scholl, Greta Thunberg und Jeanne D’Arc vor; das Tun Letzterer auch als Spiel im Spiel. Savitribai Phule, indische Pionierin der Frauenbildung, Lukas Pohland, der 2017 den Verein Cybermobbing-Hilfe e. V. gründete, und der Bauarbeiter Zeki Yasik, der in Böblingen vor zwei Jahren einen Mann an der Entführung eines Jungen hinderte, sind weitere Genannte.
Indische Busfahrer und Straßenkehrer
Aber wie diesen Helden das Wasser reichen? Alltagshelden müssen her, und alle gemeinsam suchen Beispiele. Denn sind indische Busfahrer in Fahrzeugen ohne Klimaanlage, indische Straßenkehrerinnen oder alleinerziehende Mütter nicht auch Helden? Sollte es den Jugendlichen am Ende gelingen, ihre Probleme zu bewältigen und darüber hinaus dem Orakel zu Hilfe zu eilen, dass im Ansturm der ständigen negativen Nachrichten kollabiert ist? Das ist noch bis zum 28. Mai zu erleben.
Jugendtheater mit Herz
Projekt Seit Oktober 2024 haben sich jeweils 16 Jugendliche des Teen-Theaterclubs der DAT Kunstschule und der mit Montessori-Methoden geführten Head Start Educational Academy in Bangalore im Alter von 11 bis 14 Jahren für ein Theaterstück zeitgleich mit dem Thema „Held*innen“ befasst. Die Jugendlichen setzten sich im Zuge der Recherche mit der indischen und deutschen Kultur auseinander. Den Text verfasste die Regisseurin Prisca Maier-Nieden im Austausch mit Samta Shikhar. Die beiden hatten schon vorher gemeinsam für Workshops kooperiert.
Stoff Den Hintergrund der Handlung bildet persönliche Materie, mit Fiktion kombiniert. In Zoom-Konferenzen zeigten sich Parallelen: Mobbing etwa kennen alle. „Jugendliche sind Jugendliche“, so auch Samta Shikhar, die seit den Osterferien in Böblingen zu Gast ist. In Bangalore, wo das Stück am 1. August Premiere hat, werden die Jugendliche der DAT-Kunstschule die Rolle der Orakel-Assistenten übernehmen. Im Juli und August reist Prisca Maier-Nieden mit ihren Videos nach Bangalore.
Termine Weitere Aufführungen gibt es am 8., 16. und 17., 23. und 24. und 28. um 19 Uhr und am 25. Mal ab 18 Uhr. Tickets unter bei Reservix ab 14 Euro