Theaterpremiere in Stuttgart Dürrenmatts „Die Physiker“ im Schauspielhaus

Von Nicole Golombek 

Wie Regisseurin Cilli Drexel im Schauspielhaus Stuttgart zeigt, taugt Friedrich Dürrenmatts Wissenschaftsdrama „Die Physiker“ auch als Klamotte.

Alle verrückt: Szene aus Dürrenmatts „Die Physiker“ im Schauspielhaus Stuttgart mit Klaus Rodewald, Marco Massafra, Benjamin Pauquet als Insassen der von Frau von Zahnd (Marietta Meguid im Vordergrund) geführten Heilanstalt. Foto: Thomas Aurin 12 Bilder
Alle verrückt: Szene aus Dürrenmatts „Die Physiker“ im Schauspielhaus Stuttgart mit Klaus Rodewald, Marco Massafra, Benjamin Pauquet als Insassen der von Frau von Zahnd (Marietta Meguid im Vordergrund) geführten Heilanstalt. Foto: Thomas Aurin

Stuttgart - Fast jedes Stück hat seine Untiefen, seine heiklen Aspekte. Bei Friedrich Dürrenmatts Erfolgsstück „Die Physiker“ ist es die Klamotte. Es ist zwar nichts weniger als die ganze Welt, die auf dem Spiel steht, die Frage, wie viel kann, darf der Mensch, wo sind die Grenzen der Wissenschaft. Doch dem Irrsinn eines drohenden Atomkrieges oder einer anderen Möglichkeit, den Planeten Erde zu vernichten, begegnet der Dramatiker auch mit paradoxen Wendungen, mit schrägem Personal, mit sprachlichem Witz.

Brisante Erkenntnisse, rivalisierende Agenten

Ein Physiker namens Möbius lässt sich in eine Irrenanstalt einweisen, damit er seine Erfindungen geheim halten kann. Er vermutet, dass seine hoch brisanten Erkenntnisse in die falschen Hände geraten könnten, was ungeheuer tragische Folgen für die Weltgemeinschaft hätte. Rivalisierende Geheimdienste sind dem Wissenschaftler aber auf der Spur. Zwei Agenten, ebenfalls Physiker, haben sich ebenfalls einweisen lassen, um ihn anzuwerben und zwar notfalls mit Gewalt – was zu allerhand schrägen, komischen Szenen führt, etwa wenn sich die Agenten angstschlotternd gegenseitig mit Pistolen bedrohen.

Dass freilich gerade in der Heilanstalt das heillose Unheil seinen Lauf nimmt, ist die bittere Pointe. Die schmerzvolle Aussage des Dramatikers, dass das Unheil nicht abzuwenden ist, an der wiederum ist die Regisseurin Cilli Drexel an Samstag im Schauspielhaus Stuttgart weniger interessiert. Sie hat dafür einigen Ehrgeiz entwickelt zu beweisen, dass auch das staatlich subventionierte Theater den Boulevard beherrscht. Sie inszeniert das 1962 in Zürich uraufgeführte Stück in einer Fernsehfilmtauglichen Länge von 90 Minuten und mit einem Großeinsatz an Requisiten.

Impertinente Insassen

Die Kostümbildnerin Janine Werthmann verpasst Michael Stillers Kommissar psychedelisch gemusterte Krawatten und 80er-Jahre-Wildlederblouson zum albernen Hütchen. Die Anstaltsleiterin Mathilde von Zahnd, gespielt von Marietta Meguid, hat eine mächtige Hornbrille mit einer Sehhilfe dick wie zwei Glasbausteine auf der Nase sitzen. Der Kommissar tritt auf den Plan, weil einer der vermeintlichen Irren eine Krankenschwester getötet hat, und verzweifelt schier an der Impertinenz der Insassen und des Klinikpersonals sowie daran, dass er der Gerechtigkeit nicht genüge tun und den Mörder einsperren kann.

Die Bühnenbildnerin Judith Oswald baut in den mit Neonlicht erhellten aufgebockten Klinikraum zwei - natürlich viel zu kleine und niedrige - Türen ein und stellt zu schmale schräggestellte Armstühle hinein, hängt ein allerliebst altmodisches Wärmfläschchen (als Spirituosenversteck für die Insassen) an den Handtuchhalter neben einem Waschbecken. Sie ermöglicht so jede Menge Tür-auf-Tür-zu-Slapstick und akrobatische Einlagen, sobald die Protagonisten versuchen, es sich auf einem der Stühle bequem zu machen.

Schnurrbärte und wirre Locken

Die Agenten Ernest und Beutler, gespielt von Klaus Rodewald und Benjamin Pauquet, tragen Schnurrbärte zu wirren Lockenhaaren oder Vokuhila-Frisur zu romantischer Halsbinde. Alle brüllen und rollen mit den Augen, jodeln alpenländische Weisen, grimassieren, zucken, greinen, fiedeln eifrig. Man wähnt sich mitten in einer Silvester-Sketchparade mit Eddi Arent, Christine Kaufmann und Harald Juhnke.

Schwer, da noch mal die Kurve zu kriegen: die tragische Seite der „Physiker“, die möglichen Ambivalenzen, nichts, was die Regie interessiert. Was eigenartig ist, da doch gerade das dezidiert im Stück behandelte Thema des Nuklearkrieges angesichts der Spannungen zwischen den USA und dem Iran aktueller denn je wirkt.

Hier hingegen ist alles klar. Halten wir es einfach: Die Welt ist nun mal längst irre geworden, sagt sich die defätistische Regie. Und die Frage nach der Ethik? Was kann, was darf der Mensch, wo verlaufen die Grenzen der Wissenschaft? Brauchen wir den Menschen überhaupt noch? Oder können bereits Roboter ethisch verantwortungsvoller handeln als jene, die sie erfunden haben? All das darf in Ethik-Seminaren und auf Kirchentagen, im Programmheft und an der Universität erörtert werden. Letztere schließt sich dieses Semester tatsächlich mit dem Theater mit dem Projekt „Eine Uni - ein Buch“ zusammen. Am Beispiel von „Die Physiker“ sollen in den Hörsälen und im Schauspielhaus Themen diskutieren werden wie „intelligente Systeme für eine zukunftsfähige Gesellschaft“.

Durchgeknallte Krankenschwester

In ihrer theoriebefreiten Sicht aufs Stück gibt Cilli Drexel dem Affen reichlich Zucker, Diabetesgefahr inklusive. Sowohl die Anstaltsleiterin ist verrückt, wiewohl eine Lesart nahe läge, sie als durchaus clever perfide und von wirtschaftlichen Interessen rational geleitet zu interpretieren. Als auch die Krankenschwester Monika: durchgeknallt. Sie hat sich in den Wissenschaftler Möbius verliebt und will mit ihm die Anstalt verlassen.

Amina Merai spielt sie mit einem beseelt grenzdebilem Dauergrinsen, während Marco Massafra sie nur starr anblickt, während er doch betont, sie ebenfalls zu lieben. Eine Liebe, die nicht sein darf, um das Weltenheil nicht zu gefährden? Diese durchaus tragische Wendung ist hier reine Behauptung. Eher hilflos wirkt das betont schmerzhafte Sich-gegen-die-Wand-Lehnen Massafras, als er beschließt, die Geliebte zu töten, um weiterhin als verrückt zu gelten und in der Anstalt bleiben zu dürfen.

Mit großer Lust hingegen zeigt das Ensemble seine Begabung auch zu Jux und Dollerei. Mit Spielfreude zelebrieren Michael Stiller und Marietta Meguid ihre erotischen Tanzeinlagen, verrenken sich wie fremdgesteuert zur gefiedelten Musik von Ernesti, der sich scheinbar für Albert Einstein hält. All dies zur großen Freude des Szenenapplaus spendenden Publikums, das sich auch von einem so einsamen wie energischen Buh zum Schlussapplaus nicht den Spaß verderben lässt.

Info

Weitere Vorstellungen: 25. Juni, 2., 15., 16. 24. Juli. Kartentelefon: 07 11 / 20 20 90. Diskussionsrunde zum Thema „Die Physiker heute – Verantwortung in der Wissenschaft“: im Foyer des Schauspielhauses Stuttgart am 2. Juli um 21 Uhr, veranstaltet von der Universität Stuttgart und dem Schauspiel Stuttgart im Rahmen des Projekts „Eine Uni – ein Buch“.