Theaterpremiere in Stuttgart Wie spannend ist „Der Hexer“ am Alten Schauspielhaus?

Hannah Sophie Schad als Lizzy und Jörg Pauly als Bezirksinspektor Higgs Foto: Schauspielbühnen Stuttgart/Tobias Metz

Mit der Premiere des Edgar-Wallace-Klassikers „Der Hexer“ starten im Alten Schauspielhaus die 17. Stuttgarter Kriminächte. Aber ist das auch spannend?

Kultur: Tim Schleider (schl)

Krimispaß im Alten Schauspielhaus – eigentlich bräuchte es nur vier Wörter für diese Kritik; das Wesentliche wäre damit auf den Punkt gebracht.

 

Aber dann bliebe natürlich sträflich unerwähnt, dass es zum Auftakt und im Rahmen der Stuttgarter Kriminächte wieder eine wunderbar nostalgische und dennoch zeitgemäße Krimikomödie eben auf der Stuttgarter Traditionsbühne in der Kleinen Königstraße zu sehen gab und gibt. Dass es der Regisseurin Eva Hosemann gelungen ist, nach der „Mausefalle“ einen weiteren britischen Bühnenklassiker und deutschen Publikumsliebling gründlich zu entstauben. Und dass hier ein veritabel inspiriertes und markantes Ensemble zusammengefunden hat, das den Vergleich mit den Stars aus dem BRD-Schwarz-weiß-Kino der 1960er-Jahre nicht zu scheuen braucht.

Der Abend beginnt mit einem Frauenschrei

Denn natürlich: Liest man auf dem Programmheft „,Der Hexer’ nach Edgar Wallace“, denkt man unwillkürlich an die herrliche und dezent gruselige Kinofilmserie, die nun schon eben seit Jahrzehnten durch die TV-Programme rauf und runter läuft, denkt an Joachim Fuchsberger und Siegfried Lowitz, an Heinz Drache, Margot Trooger, Eddi Arendt. Eva Hosemann und ihr Stuttgarter Inszenierungsteam sind schlau genug, solche wohligen Erinnerungen nicht ausblenden zu wollen, sondern daran anzuknüpfen. Darum eröffnen ein Frauenschrei, Schüsse und die dunkle Stimme aus dem Off – „Hier spricht Edgar Wallace“ – den Abend. Und schon seufzt unten im Parkett ein Zuschauer direkt hinter dem Berichterstatter wohlig: „Megaaaaaa“. Und recht hat er.

Wer sich nicht mehr so genau an die Handlung erinnern kann, dem sei hier nur das Nötigste verraten, um kein Spielverderber zu sein: Scotland Yard schraubt schon seit geraumer Zeit erfolglos an den Ermittlungen um eine Wasserleiche herum. Die junge Frau war zuletzt Privatsekretärin bei einem zwielichtigen Anwalt, vor allem aber war sie Mündel von Henry Arthur Milton. Als anonym bleibender „Hexer“ übte dieser solang Selbstjustiz an frei laufenden Übeltätern, bis er selbst vor der Justiz ins Ausland fliehen musste. Nun kehrt er nach London zurück, um den Mord an besagtem Mündel zu rächen. Und so muss Bezirksinspektor Higgs nicht nur seine Freundin Lizzy beschützen, die sich allen Ernstes als neue Sekretärin in den Dienst des schlimmen Anwalts begeben hat, sondern muss auch noch herumraten, unter welcher Maske ihm der Hexer womöglich in die Quere kommt.

Bemerkt? Jetzt haben wir hier selbst schon zweimal das schöne, aber ziemlich aus der Mode geratene Wort „Mündel“ benutzt, und allein dafür, dass es an diesem Abend gleich mehrfach auf der Bühne fällt, ist selbiger unbedingt zu loben. Und natürlich für die wunderbaren Bühnenbilder von Steven Koop, die den Theaterabend immer wieder in Schwarzweiß hüllen. Oder für die Bühnenmusik von Denis Fischer mit vielen Wiedererkennungs-Motiven.

Guter Mix aus Spannung, Humor und Selbstironie

Doch im Mittelpunkt steht eben das Ensemble – zuvörderst Jörg Pauly als Bezirksinspektor; wunderbar, wie er das typisch englische „isn’t it?“ am Ende von kleinen oder großen Feststellungen in das deutsche „oder nicht?“ überträgt; very british indeed. Dazu Ralph Hönicke als schmieriger Rechtsanwalt Messer, Gideon Rapp als diebischer Butler und Stefan Müller-Doriat als hackenknallender Bobby. Aber Axel Preuß, der den Bühnentext erarbeitet hat, tat vor allem gut daran, die beiden Frauenrollen des Stücks nachhaltig zu modernisieren; das gibt Hannah Sophie Schad und Bernadette Hug Gelegenheit, deutlich mehr Charakter zu zeigen, als es Schauspielerinnen im westdeutschen Kino der 1960er-Jahre zugestanden ward.

Gekonnt balanciert der Abend zwischen Spannung, Humor und Selbstironie. Natürlich ahnt der Zuschauer bereits vor der Pause durchaus, unter welcher Maske auf der Bühne sich der Hexer verbirgt. Aber wie Eva Hosemann dann in der finalen Szene alle Stränge zusammenbringt und dann doch noch einen Überraschungsknaller bietet – das ist echtes Krimivergnügen. Insofern reichen nicht vier Worte. Es müssten schon fünf sein: Großer Krimispaß am Alten Schauspielhaus.

Der Hexer: Altes Schauspielhaus, bis 18. April

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