Theaterprojekt zum Neonazi-Terror NSU-Morde kommen auf die Bühne

Beate Zschäpe musste sich wegen der NSU-Morde vor Gericht verantworten. Foto: dpa/Tobias Hase

In Städten, in denen die neonazistische Terrorgruppe NSU mordete, wird der Komplex künstlerisch aufgearbeitet. Auch der Mord an der Polizistin Michele Kiesewetter in Heilbronn.

Heilbronn - Zu den Tagen, die eine Stadt und ihre Menschen nicht vergessen, gehört in Heilbronn der 25. April 2007, ein sonniger Frühlingstag, an dem in der Stadt seit dem frühen Nachmittag „nichts mehr ging“. Heilbronn war abgesperrt, auf der Theresienwiese, wo sich bei Volksfesten und Messen die Massen tummeln, waren Schüsse gefallen. Sie töteten die Polizistin Michele Kiesewetter und verletzten ihren jungen Kollegen so schwer, dass er heute nur noch im Innendienst einsatzfähig ist. Im Dienstwagen sitzend hatten die beiden hier Mittagspause gemacht. Es dauerte, bis man auch Heilbronn begriff, dass dieser Mord in die Serie der „NSU-Morde“ gehörte.

 

Betroffene Städte im Projekt

15 Städte, in denen der NSU sein Unwesen trieb, haben sich nun unter dem Motto „Kein Schlussstrich“ zusammengetan zu einem Theaterprojekt mit „künstlerischen und zivilgesellschaftlichen Interventionen zum NSU-Komplex“, wie es dazu heißt. Es soll vom 21. Oktober bis zum 7. November laufen. In Heilbronn sind mehrere Dutzend Veranstaltungen dazu vorgesehen.

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Träger des Projekts ist der Verein „Licht ins Dunkel“, zu dessen Initiatoren auch der Heilbronner Theaterintendant Axel Vornam gehört. Dabei sind neben anderen das Nationaltheater Weimar, die Münchner Kammerspiele, die Staatstheater Kassel und Nürnberg oder das Theaterhaus Jena und das Schauspiel Köln.

Umfeld wird einbezogen

Die Art und Weise, wie Land und Landtag agierten, die Ergebnisse und der Verlauf der Untersuchungsausschüsse wie der polizeilichen Ermittlungen werden wesentliches Thema sein in Theaterprojekten, Workshops, Podiumsdiskussionen, Ausstellungen und anderen Formaten. Viele hoffen auf neue Erkenntnisse zur Aufarbeitung der Mordtat wie auch in der Darstellung des Umfelds in Heilbronn, in dem rechtsradikale Sumpfblüten bis heute ein Biotop fänden.

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Ein herausragendes Projekt wird die szenische Dokumentation am Theater Heilbronn werden, mit dem Titel „Verschlusssache“ und der Frage: „Warum gerade Heilbronn?“ Regine Dura und Hans-Werner Kroesinger, eines der renommiertesten Teams für dokumentarisches Theater, führten schon im vergangenen Jahr in Heilbronn Interviews mit Zeitzeugen, mit Polizisten, Vertretern der Stadt, Journalisten und Politikern aus Stadt, Land und Bund. Aus 950 Seiten Gesprächsprotokollen und umfangreichem Aktenstudium entstand die Bühnenfassung – ausschließlich aus Originaltexten. Premiere ist am 22. Oktober.

Aufgezeigt werden die vielen Leerstellen und Pannen in der Bearbeitung des Komplexes und wie der Kiesewetter-Mord erst nach der Enttarnung des NSU-Mördertrios diesem zugeordnet wurde. Schmeichelhaft wird das weder für die Stadt noch für die Behörden werden. Das Studium vielfach geschwärzter Akten war nur in abgeschlossenen Räumen erlaubt, aus denen man nicht einmal eine notierte Silbe mitnehmen durfte.

Darbietungen im Freien

In Heilbronn wird „Kein Schlussstrich“ auch optisch sehr präsent sein. Das große Auftragswerk, das Oratorium „Manifesto“ findet bei freiem Eintritt im Freien statt, weitere öffentliche Plätze mit Geschichtsbezug werden bespielt. Auf der langen Liste der Teilnehmer stehen Vertreter von Politik, Literatur, Theater, Musik, Film, Jugendorganisationen, von der Gruppe „Wehret den Anfängen“ bis zum Türkischen Frauenverein.

„Denn nur mit vereinten Kräften“ sagen die Verantwortlichen vom Theater Heilbronn, neben dem Intendanten sind es die Dramaturginnen Mirjam Meuser und Sophie Püschel, „kann sich eine Stadtgesellschaft wirksam gegen das Vergessen stemmen und der zunehmenden rechten Tendenzen in Politik und Zivilgesellschaft erwehren, die auch vor Heilbronn nicht halt machen.“ Dass beim großen Abschlusskonzert auch das Polizeiorchester mitspielt, das steht für versöhnlichere Töne.

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