Theaterschüler in Zeiten des Coronavirus Sie reiten die Welle

Solo-Picknick mit Blick aufs Häusermeer: Szene aus „Kein Eisberg in Sicht“ mit Schauspielschülerin Liliana Merker Foto: /Nick Hartnagel

Mit einem großartigen Film für das Staatsschauspiel Stuttgart trotzen die Schauspielschüler der Hochschule in Stuttgart dem Spielverbot. Schulleiterin Franziska Kötz sagt, was die Studierenden sonst noch planen.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Also zusammenkommen – aber ohne Anfassen! Das ist das, was Schauspielschülern der Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst erlaubt ist. Im jetzt beginnenden Semester können die angehenden Schauspieler sich wieder vor Ort in der Hochschule in der Urbanstraße in kleinen Gruppen von maximal vier Studierenden begegnen. Und live lernen, wie man spricht, wie man spielt, wie man sich im Raum bewegt – selbstverständlich nur mit Abstand. „Dank ausgeklügeltem Hygienekonzept und täglicher Gratis-Schnelltests ist das bei strikter Beachtung aller Regeln vorsichtig möglich geworden“, sagt Franziska Kötz, die Leiterin des Studiengangs.

 

Wie charmant, witzig und heiter so ein kontaktloses Spiel aussehen kann, zeigen die Studierenden des dritten Jahrgangs mit „Kein Eisberg in Sicht“: Wiktor Grduszak, Cora Kneisz, Natalja Maas, Jonas Matthes, Liliana Merker, Félicien Moisset, Jakob Spiegler. Da diese Koproduktion mit dem Schauspiel Stuttgart nicht auf der Bühne stattfinden kann, haben sie sich entschieden, einen Film statt eines Stücks zu erarbeiten. „Sie sagten, statt uns von der dritten Welle reiten zu lassen, reiten wir lieber die Welle, das hat mir sehr imponiert“, sagt Kötz.

Und da sieht man sie einmal dabei, wie sie auf dem Gelände der Stuttgarter Wagenhallen zwischen Wohnwagen und Containern und in ihren schäbig-schick glamourösen Zirkus- und Matrosenkostümen umher springend immer wieder aufs Neue eine Reihe bilden. Meist aber spielt jeder für sich – mal vor der Kulisse der Musikhochschule, mal in einer Wohnung, mal mit einer Katze vor dem Haus.

Inspiriert von Hans Magnus Enzensbergers Stück „Der Untergang der Titanic“, das sie eigentlich auf der Bühne zeigen wollten, haben sie mit Videokonferenzen, Themenfindung, Formatentwicklung, Schreibwerkstatt, Fotoexperimenten und Hörspielproben den Film erarbeitet. „Das alles online und ohne dass das Studienjahr und ich uns davor kannten“, sagt der Regisseur Nick Hartnagel. „Ich war selbst überrascht, als nach zehn gemeinsamen Sitzungen schon ein kleines Drehbuch und sogar erste Filmskizzen auf dem Tisch lagen.“

Der größere Teil des halbstündigen Werks besteht aus einer Art Fotoroman, einer Folge von beeindruckend suggestiven Schwarz-Weiß-Bildern und Text über Verlust, Sehnsucht, Hoffnung, die den Bildern mal folgen, mal widersprechen. Eine Entscheidung, die der Regisseur gemeinsam mit den Studierenden getroffen hat: „Uns erschien das Einfrieren des Spiels durch Fotografie auch als passender Ausdruck für unsere Gemütslage in dieser kulturfeindlichen Zeit“, sagt Nick Hartnagel. Doch es war vor allem auch eine künstlerische Entscheidung: „Eine fotografische Momentaufnahme in der Kombination mit einer Hörspielstimme bringen sollte eine Bewegung im Kopf der Zuschauer und Zuschauerinnen in Gang setzen“, das sei ihre Hoffnung.

Wer den Film vom 1. Mai an auf der Seite des Schauspielhauses anschaut und sich an Gesichter erinnert, gehört wahrscheinlich zu den wenigen Glücklichen, die eine Vorstellung des Abends „Fälle. Fallen“ im Herbst 2020 im Wilhelma-Theater sehen konnte, nach nur drei Abenden musste wegen der Coronapandemie die Bühne geschlossen werden.

„Unsere große Hoffnung ist es, dass der Regisseur Jozef Houben aus Frankreich über die Grenze darf, um mit uns für die Wiederaufnahme zu proben“, sagt Franziska Kötz. „Dann machen wir auch eine Aufzeichnung, die man notfalls streamen kann. Toll wäre, im Sommer auf einer der Freilichtbühnen zum Beispiel mit den Zirkusszenen auftreten zu können. Unsere Studenten haben so eine Sehnsucht zu spielen, ich kann es kaum in Worte fassen.“

So oder so: Mit ihren nur drei Auftritten vor Publikum haben diese Studenten immer noch deutlich mehr Bühnenerfahrung als die anderen Studierenden. Franziska Kötz: „Der erste Jahrgang kennt das Studium nur unter Coronabedingungen. So bitter das klingt, aber diese Studierenden wissen nicht einmal richtig, was ihnen fehlt. Der zweite Jahrgang hat keine einzige Szene vor Publikum gespielt, auch nicht vor uns Lehrern. Wir haben immer nur alles digital gesehen. Dafür sind sie nun immerhin gut geübt im Spiel vor der Kamera. Das ersetzt aber nicht das Spiel im Raum.“

Deshalb bietet die Schule nun auch im nächsten Wintersemester die Möglichkeit eines zusätzlichen Splitting-Semesters für alle Jahrgänge. „,Sie können dann die Unterrichte nachholen, die wegen Corona im vergangenen Jahr nur eingeschränkt gegeben werden konnten. Oder einfach normal weiter studieren“, sagt Franziska Kötz. Wir wollen nicht so tun, als ob drei Semester Corona unter normalen Bedingungen stattgefunden haben. Spiel mit einem Partner konnte so gut wie nicht unterrichtet werden, vor Publikum war es gar nicht möglich, Spielen im Raum mit dem Raum war auch nicht möglich – das geht an die Substanz der Ausbildung und ist – wenn das so weiter geht - kein Schauspielstudium mehr.“

Wie viel der Beruf wert ist und welch ein Verlust es wäre, nur noch stillstehende Bilder zu sehen, zeigt ja ganz eindrücklich auch der Film. So apart sie auf den Schwarz-Weiß-Fotos aussehen – es geht eben nichts über live, in Bewegung und in Farbe.

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