Theaterstück zur Finanzkrise Der Zorn hat sich verstärkt

Kultur: Roland Müller (rm)
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Auch in Ihren Augen?
Im Verlauf meiner Recherchen hat sich der Zorn bei mir sogar noch verstärkt. Denn mich interessiert die Verantwortung des Einzelnen in einem anonymen System. Ich hatte es mit Menschen zu tun, die über Jahre die Entwicklung des Systems aktiv betrieben haben. Einige haben wider besseres Wissen Entscheidungen zugestimmt – mit fatalen gesellschaftlichen Folgen. Viel zu spät haben sie versucht, sich zu widersetzen. Dann wurden sie aus dem System katapultiert, sie sind also Täter und Opfer zugleich. Und ich will nun begreifen, wie diese Banker und Broker ticken, wie sie in einem Haifischbecken überleben, wie die Politik von außen Einfluss nimmt.

Banker und Politiker sind die Bösen?
Nein, das wäre zu einfach. Investmentbanker zum alleinigen Sündenbock zu machen ist falsch. Sie stehen für ein Wachstumsmodell, das wir alle mittragen. Der Zahnarzt gibt sich nicht mit 2,5 Prozent Zinsen auf das Sparbuch zufrieden, er will mehr. Mehr für seine Stadt will auch der Kämmerer, der die Wasserversorgung verkauft. Mehr will also im Grunde jeder: mehr Rendite, eine höhere Ausschüttung bei der Lebensversicherung, ein optimiertes Steuersparmodell. Damit machen wir uns zu Verbündeten, manchmal freilich, ohne es zu wissen.

Sind Ihnen bei den Gesprächen auch skrupellose Banker begegnet?
Ja, manche hatten und haben Skrupel: weil sie von einem System profitieren, dessen Ungeheuerlichkeit sie glasklar sehen. Bislang sind hundert Milliarden Euro, immerhin ein Drittel des jährlichen Bundeshaushalts, im Rahmen des Bankenrettungsfonds in die marode Branche investiert worden. Das sind Steuergelder. Die Hypo Real Estate, Industriekreditbank, Commerzbank und indirekt die Deutsche Bank waren die Nutznießer. Wenn ein Geldinstitut das Gütesiegel „too big to fail“ trägt . . .

Dann gilt es als „systemrelevant“  . . .
 . . . und dann lässt es der Staat nicht mehr untergehen. Die Bank wird für ihre Zockereien nicht bestraft, sondern mit Steuergeldern gerettet und – tendenziell – belohnt. Der Bankenrettungsschirm sieht Mittel bis zu fünfhundert Milliarden Euro vor. Am Abend, bevor diese Nachricht verkündet wurde, hatte man den Chef einer großen deutschen Bank ins Kanzleramt gebeten und gefragt: Wie viel soll’s denn sein? 300,  400,  500  Milliarden? Am nächsten Tag stand in der Regierungserklärung: bis zu 500 Milliarden sind garantiert. Das war im Oktober 2008.




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