Thema Stress am Zentrum für Psychiatrie Winnenden Auch Social Media kann ordentlich stressen

Das digitale Zeitalter als Fluch und Segen: Die ständige Erreichbarkeit und die viele Beschäftigung mit dem Smartphone sorgen mitunter für zusätzliche Belastung. Foto: dpa/Hannes P Albert

Alina Pusch, Personalentwicklerin, und Andreas Raether, Chefarzt – beide beim Zentrum für Psychiatrie Winnenden – befassen sich damit, Stress zu erkennen und wieder aus der Stressfalle herauszukommen. Manchmal müssen dafür Gewohnheiten verändert werden.

Rems-Murr: Simone Käser (sk)

Wenn Andreas Raether von Stressreizen, Überforderung und den Rückzug an innere Wohlfühlorte erzählt, dann weiß der Chefarzt der Klinik für Alterspsychiatrie und Psychotherapie am Zentrum für Psychiatrie Winnenden genau, wovon er spricht – nicht nur als Psychiater und Psychotherapeut, sondern auch als ganz privater Mensch. „Ich hatte früher richtig stark ausgeprägte perfektionistische und zwanghafte Züge. Stress hat mich ordentlich an die Wand fahren lassen, und ich habe lange gebraucht, um da wieder rauszukommen.“

 

Andreas Raether wird persönlich und spricht von Hilflosigkeit

In seiner persönlichen Schilderung spricht Andreas Raether von Hilflosigkeit und Orientierungslosigkeit und davon, dass die Veränderungen hin zu einer Besserung sehr viel langsamer vonstattengingen, als ihm damals lieb gewesen sei. „Aber es lohnt sich“, sagt der Chefarzt am ZfP und ist damit schon mittendrin in den Ausführungen darüber, was Stress eigentlich ist, was Dauergestressten helfen kann und was sich verändern muss, damit es für Leidgeplagte besser wird. „Stress ist ein großes und wichtiges Thema, und ich habe mein Wissen darüber immer wieder erweitert“, sagt er und hat mit Alina Pusch eine Fachfrau an seiner Seite.

Mit der Personalentwicklerin am ZfP, die auch als betriebliche Gesundheitsmanagerin sowie als Stress- und Burnout-Coach tätig ist, hat Raether unlängst einen Vortrag mit dem Titel „Wenn Stress die Kraft raubt – wie Sie ihn positiv nutzen lernen“ am Zentrum für Psychiatrie in Winnenden gehalten.

Die Fachleute warnen vor Folgeerkrankungen durch Dauerstress

Aber auch losgelöst davon, werden die beiden nicht müde, über Stress zu sprechen, vor möglichen Folgeerkrankungen zu warnen und Tipps für Gegenmaßnahmen zu geben. „Stress kann krank machen. Die Sorge darüber, was der Arzt womöglich findet, kann weitere Symptome auslösen, denn die Sorge um Krankheit kann krank machen. Für Ärzte und Therapeuten gilt es, das eine vom anderen zu unterscheiden“, sagt Raether und betont, dass lang anhaltender Stress ohne Erholungsphasen zu Angsterkrankungen oder depressiven Störungen, zu Herzkrankheiten, Verdauungsproblemen sowie Burn-out und vielen weiteren ernsten Krankheitsbildern führen kann. Die Zunahme an Patienten mit Überforderung sowie an stressbedingten Krankschreibungen wundert den 58-Jährigen nicht. „Die ständigen Krisen, die Pandemie, die Überreizung durch soziale Medien und daraus resultierendes Cybermobbing sorgen schon bei jungen Leuten für ein hohes Stressniveau.“

Andreas Raether weiß, was Stress anrichten kann. Foto: privat/Simon Hofmann

Was aber tun, wenn der Alltag stressig ist und teils bis ans Limit überfordert? Andreas Raether und Alina Pusch sind sich einig: Der Schlüssel liegt nach Einschätzung der Fachleute in der inneren Haltung und darin zu wissen, wie man sich Auszeiten und Erholungsphasen gönnt. „Das kann Yoga, Atemtechnik oder das geistige Abtauchen an einen schönen Ort, der kurz Ruhe reinbringt, sein“, sagt Raether und beschreibt, wie er gedanklich immer wieder an seinen Wohlfühlstrand reist. „Wenn man übt, fühlt man irgendwann den Sand und hört Wellen.“

Alina Pusch betont, dass es auch helfen könne, die sogenannten Stressoren zu eliminieren. Heißt: Wen Lärm stresst, der kann einen Gehörschutz nutzen; wer bei Hitze in Wallung gerät, könnte über eine Klimaanlage nachdenken. „Stressoren sind all die individuellen Ereignisse und Empfindungen, die den jeweiligen Körper in Alarm versetzen“, sagt die 36-Jährige und erklärt, dass den Stressoren die Ressourcen gegenüber stehen würden, also die inneren Fähigkeiten, die man der Stress auslösenden Situation entgegenstellen könne. „Das können Humor, Bewegung oder ein kraftspendendes Hobby sein.“ Also weg mit dem Smartphone und einen Waldspaziergang machen? „Ja, aber nur, wenn ich da wirklich abschalten kann. Es muss individuell passen. Hilfreich kann auch sein, umzudenken und anders mit der stressigen Situation umzugehen.“

Beschäftigt sich viel mit Stress – Alina Pusch Foto: privat//Simon Hofmann

So könne ein Stau auf dem Weg zu einem wichtigen Meeting auch als Geschenk betrachtet werden, die vorbereitete Präsentation noch mal durchzugehen. Dass es bei Weitem nicht so leicht ist, wie es klingt, seine komplette Einstellung zu ändern, wissen sowohl Andreas Raether als auch Alina Pusch. „Stress ist Teil des Lebens und damit eine Lebensaufgabe, bei der es gilt, einen besseren Umgang zu erlernen, Gefahren zu erkennen und Maßnahmen, die zur Ruhe führen, zu fördern“, erklärt der Chefarzt am ZfP. Ein achtsamer Umgang mit sich selbst sei dabei wichtig und hilfreich, sagt Alina Pusch und erklärt, dass Stress grundsätzlich nichts Negatives sei. „Bei Angriff machte Stress die Menschen früher handlungsfähig. Wir brauchen ein moderates Stresslevel, um leistungsfähig zu sein. Es ist schade, dass immer nur von Disstress gesprochen wird.“

Woche der seelischen Gesundheit

Info
Anlässlich der Woche der seelischen Gesundheit findet auch an diesem Mittwoch ein Vortrag statt. Titel: „Psychische Gefährdungen am Arbeitsplatz, die jeder kennen sollte!“. Referent ist Andreas Raether. Am Donnerstag geht es mit Marija Eckert-Bilic, stellvertretende Pflegedirektorin und Pflegedienstleiterin und Chefarzt Patrick Wörner um: „Wenn der Körper die Seele spiegelt“. Die Vorträge finden um 18 Uhr im Festsaal statt, Einlass jeweils 17.30 Uhr.

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