Therézia Mora erhält den Büchnerpreis Autoren mit Haltung der Bösewicht

Von Rolf Spinnler 

Die Schriftstellerin Terézia Mora hat in Darmstadt den diesjährigen Georg-Büchner-Preis entgegengenommen. In den Dankesreden fielen nachdenkliche Worte.

Die Büchnerpreis-Trägerin Terézia Mora Foto: dpa
Die Büchnerpreis-Trägerin Terézia Mora Foto: dpa

Dramstadt - Der Seufzer „Die Zeit ist aus den Fugen“, den Shakespeare seinem Hamlet in den Mund gelegt hat, ist mehr als vierhundert Jahre alt. Seither, so scheint es, ist immer Krise, glaubt jede Epoche stets von neuem, genau ihre Gegenwart und deren Verwerfungen seien mit dieser Formel gemeint und beschrieben. Krise der Demokratie und Krise Europas, aber auch Krise der Buchkultur, der Literaturkritik und der Lesefähigkeit – auf der diesjährigen Herbsttagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt kamen alle diese Themen zur Sprache. Die Tagung endete am Samstag traditionsgemäß mit der Verleihung von drei Preisen: des Johann-Heinrich-Merck-Preises für literarische Kritik und Essay, des Sigmund-Freud-Preises für wissenschaftliche Prosa, beide jeweils mit 20 000 Euro dotiert, und des mit 50 000 Euro ausgestatteten Georg-Büchner-Preises für Literatur als abschließendem Höhepunkt. Die Glücklichen waren dieses Jahr Martin Pollack (Merck), Wolfgang Kemp (Freud) und Terézia Mora (Büchner). Wer genau hinhörte bei den Reden der Laudatoren und den Dankesreden der Preisträger, konnte dort die Formel von der aus den Fugen geratenen Zeit als gemeinsame Basslinie entdecken.

Karl Schlögel würdigte in seiner Laudatio Martin Pollack als Spurensucher, der mit den Mitteln der literarischen Reportage die versunkene Welt Ostmitteleuropas wiederentdeckt habe, eine historisch-kulturellen Landschaft, die von Warschau bis Lemberg, von Prag bis Czernowitz reicht. Pollack schwelge dabei nicht in Nostalgie, zeichne vielmehr das „Relief eines versehrten Kontinents“, was „in einer Zeit der Wirren, die wir durchleben, dringlicher denn je“ sei. Pollack selbst hatte seine Dankesrede mit der Überschrift „Wir müssen Widerstand leisten“ geradezu als politischen Leitartikel angelegt, als Aufruf, „dem rechten Backlash, der Ausbreitung von Nationalismus und Fremdenhass, Hetze gegen Flüchtlinge und Andersdenkende Einhalt zu gebieten“.

Es geht um Widerstand

Widerstand leisten will auch Wolfgang Kemp, der diesjährige Träger des Freud-Preises, freilich auf einem ganz anderen Feld. Er beklagte die zunehmende Orientierung der Geisteswissenschaften am Ideal der Naturwissenschaften, wo nur noch „Papers“ produziert, aber keine Essays mehr verfasst werden: „Die Paper-Wirtschaft aller Wissenschaften wird auf ergebnisorientiert getrimmt, ereignisorientiert, das wird selten“. Barbara Vinken schloss sich in ihrer Laudatio dem an, beklagte die „Betonung des rein Faktischen“, die „Vernachlässigung des Wie zugunsten des Was“ in der Wissenschaft und pries Kemp als leuchtendes Gegenmodell zu diesem Trend, als schreibenden Flaneur und „Geistes-Dandy“.




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