Therapie für Flüchtlinge „Gewalterfahrung steht der Integration im Weg“

Katalin Dohrmann im Beratungsgespräch Foto: Oliver Hanser/Furchtlos

Katalin Dohrmann leitet in Konstanz ein Projekt, das Flüchtlingen helfen soll, ihre Erlebnisse zu verarbeiten. Die Psychologin sagt: Wer viel Gewalt erlebt hat, neigt selbst zu Gewaltbereitschaft.

Familie/Bildung/Soziales: Lisa Welzhofer (wel)

Im Projekt „Furchtlos“ der Universität Konstanz wird jungen Geflüchteten geholfen, die von Traumata geplagt werden. Leiterin Katalin Dohrmann erklärt im Interview, warum psychische Gesundheit kein Luxusthema ist, sondern die Voraussetzung für Integration. Und wie ihre Arbeit dazu beitragen kann, dass die Männer nicht gewalttätig werden.

 

Frau Dohrmann, junge Geflüchtete fallen teils als Gewalttäter auf. Wie gefährlich ist diese Gruppe?

Aus unserem Projekt kann ich sagen: Wir haben mittlerweile mit mehreren hundert jungen Geflüchteten gearbeitet. Gut jeder Dritte hat als Kind schwere körperliche Gewalt erlebt, die Hälfte war während der Flucht in Schlägereien verwickelt, manche haben getötet. Wer selbst Gewalt erlebt hat, besonders in sensiblen, frühen Entwicklungsphasen, wird später eher kriminell und gewaltbereit. Dieser Kreislauf muss durchbrochen werden, um die jungen Geflüchteten vor ihrem eigenen Leiden, aber auch die sie umgebende Gesellschaft zu schützen. Hier setzt „Furchtlos“ an.

Wie?

Wir gehen in die Gemeinschaftsunterkünfte oder Wohnheime. In einem ersten Schritt lassen wir die unbegleiteten Minderjährigen und jungen Asylsuchenden einen Fragebogen beantworten, um herauszufinden, wie belastet jemand ist und ob er Hilfe braucht. Es wird nach Anzeichen für posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen, Angst, aber auch körperlichen Leiden wie Kopfweh oder Gliederschmerzen gefragt. Ein Ampelsystem von grün bis rot zeigt, wie hoch die Belastung ist.

Wie viele benötigen Hilfe?

58 Prozent zeigen eine deutliche Belastung, sind also im gelb-roten Bereich. Die Restlichen zeigen zum Zeitpunkt unserer Erhebung eine geringe oder keine Belastung. Aber auch bei ihnen fragen wir nach neun Monaten erneut nach, wie es ihnen geht.

Und die Belasteten bekommen ein Therapieangebot?

Wir bieten allen weitere Hilfen an, aber das muss nicht immer eine vollumfängliche Psychotherapie oder psychiatrische Behandlung sein. Manchen hilft schon eine kurze Beratung, in der sie verstehen, was eine Traumafolgestörung bedeutet, woher die Schlafstörungen oder schlimmen Bilder im Kopf kommen. Dafür bilden wir auch so genannte Laien-Berater aus und Paten, die aus der jeweiligen Community kommen, selbst geflüchtet, aber mittlerweile gut integriert sind.

Nehmen die Geflüchteten die Angebote an?

Wer einen hohen Leidensdruck hat, nimmt das Angebot an. Viele vermeiden aber auch die Hilfen, was mitunter Teil des Störungsbildes ist. Hinzu kommt, dass Geflüchtete aus ihrer Kultur die Konzepte der Psychotherapie oder Beratung nicht kennen. Wenn sie dann womöglich mit einer jungen deutschen Therapeutin über ihre Erlebnisse sprechen sollen, machen viele einen Rückzieher. Aber auch von Seiten der Behandelnden gibt es Vorbehalte.

Welche?

Es ist nicht einfach, belastende Erlebnisse und Taten, wie einen Mord oder eine Vergewaltigung offen und wertfrei aufzuarbeiten. Man hat es mit der Vermeidung des Patienten und nicht zu selten auch mit der eigenen Vermeidung zu tun. Weitere Hindernisse sind die Bürokratie, weil die Krankenversicherung fehlt, oder die Unpünktlichkeit vieler junger Patienten.

Was sollte sich ändern?

Wenn die Geflüchteten von Anfang an Zugang zum Gesundheitssystem hätten, also eine Gesundheitskarte, würde das vieles erleichtern. Es gibt eine Studie, die vergleicht, wie viel es kostet, wenn die Geflüchteten Zugang zum Gesundheitswesen haben, und wie viel, wenn nicht. Das Ergebnis ist: Fehlt den Betroffenen dieser Zugang, entstehen für das System 40 Prozent mehr Kosten Die ohne Zugang kosten das System 40 Prozent mehr, weil sie beispielsweise etwa häufiger Notdienste nutzen.

Wie funktioniert die Therapie, die Sie an der Universität Konstanz für solche Fälle entwickelt haben?

Wir arbeiten gemeinsam mit dem Patienten sein Leben biografisch von der Geburt bis heute auf, mit dem Schwerpunkt auf den belastenden Erlebnissen. Wichtig ist, die Empfindungen in den damaligen Zusammenhang einzubetten. Bei der Aufarbeitung kommen viele Gefühle hoch. Neben Angst, Scham und Ekel kann manchmal auch Lust empfunden werden bei der Ausübung von Gewalt. Diese lustvolle Seite der Aggression ist nicht zu unterschätzen und muss genauso aufgearbeitet werden. Wenn diese Arbeit getan ist, stellen sich Fragen wie: wer Wer bin ich, wenn ich kein Kämpfer mehr bin? Die jungen Männer müssen für sich eine neue Rolle finden. Zum Beispiel über den Weg der Bildung, der hier in Deutschland zu Status führt. Dies kann man sehr gut in Gruppensitzungen erarbeiten.

Das hört sich nach einem langen Therapie-Weg an.

Nein. Die Aufarbeitung dauert etwa zwölf bis 15 Doppel-Sitzungen. Die Zukunftsarbeit noch mal einige Sitzungen. Das sind theoretisch etwas vier bis sechs Monate. In der Realität dauert es oft ein bisschen länger, durch die beschriebenen Hindernisse.

Welcher Fall ist Ihnen besonders in Erinnerung?

Der eines jungen Gambiers. Er hat viel Gewalt in seiner Kindheit erlebt. Und auf seiner beschwerlichen Flucht von Gambia über Mali und Libyen wurde er mehrfach gekidnappt und gezwungen, andere auszurauben oder zu töten. Als er ins Projekt kam, konnte er kaum schlafen, sich nicht konzentrieren. Deutsch zu lernen fiel ihm schwer. Auch durch die Therapie musste man ihn tragen, an jeden Termin erinnern. Aber er hat seine Vergangenheit aufgearbeitet und sortiert. Er hat gut Deutsch gelernt, eine Ausbildung als Altenpfleger absolviert, wurde vom Betrieb übernommen. Sein Rollenwechsel war vom Kämpfer zum Helfer und Läufer – er läuft bei Marathons mit und belegt oft vordere Plätze.

Was wird aus jenen, die nicht therapiert werden? Werden diese zwangsläufig auffällig?

Die psychischen Folgen von Traumata verschwinden nicht von alleine . Im Gegenteil, Symptome chronifizieren und verschlimmern sich. Sie verlagern sich in späten Jahren auf körperliche Erkrankungen bis hin zu früherer Sterblichkeit. Zudem wirkt sich die Traumatisierung auch auf sein das Umfeld und seine die Nachkommen negativ aus.

Demnach werden Traumata weitergegeben?

Traumata sind ansteckend über Generationen hinweg. Wir wissen, dass das Kind einer traumatisierten Mutter mit einer höheren Stressempfindlichkeit geboren wird. Außerdem erkennen traumatisierte Eltern Bedürfnisse ihrer Kinder nicht so schnell, befriedigen sie nicht adäquat. Sie sind leicht reizbar und erziehen ihre Kinder tendenziell gewalttätiger. Hätte beispielsweise die Kriegsgeneration in Deutschland ihre Traumata aufgearbeitet, wären deren Kinder friedlicher und vielleicht glücklicher aufgewachsen.

„Furchtlos“ läuft seit 2020. Wie geht es weiter?

Ursprünglich hat sich das Projekt nur an junge Männer gerichtet. Als der Ukrainekrieg begann, bekamen wir von der Baden-Württemberg Stiftung den Auftrag, es für ukrainische Geflüchtete, darunter hauptsächlich Frauen und deren Kinder, zu öffnen. Mittlerweile können sich Menschen aller Altersstufen und aus allen Herkunftsländern beteiligen. „Furchtlos“ läuft bis Ende 2025.

Wie belastet sind die geflüchteten Frauen aus der Ukraine?

Teils sehr stark. Zum einen natürlich durch die Kriegserlebnisse, aber wir hören auch, dass körperliche Bestrafung in der Ukraine oft eingesetzt wird. Zerrüttete Familienverhältnisse, Alkoholmissbrauch, Gewalt gegenüber Frauen, Missbrauchs- und Vernachlässigungserfahrungen sind nicht selten. Viele Frauen, vor allem Mütter, versuchen die Fassade aufrecht zu erhalten und weiter zu funktionieren. Die meisten wollen keine Behandlung anfangen, da sie ja quasi „morgen“ schon zurück wollen. Das ist umso zermürbender ist, je länger der Krieg andauert.

Aus den Erkenntnissen von „Furchtlos“: Was ist Ihre migrations- und gesundheitspolitische Vision?

Psychische Gesundheit ist kein Luxusthema, sondern die Voraussetzung für Integration. Wer sich nicht konzentrieren, nicht schlafen kann, von Flashbacks geplagt wird, der kann kein Deutsch lernen, und keine Schule erfolgreich besuchen. Wer sich andauernd bedroht fühlt, der schlägt auch jetzt schneller zu. Wir müssen hier unbedingt hinschauen. So früh wie möglich, am besten nach der Einreise der Geflüchteten in Deutschland, einen psychologischen Check machen.

Wie könnte das ablaufen?

Parallel zu den Gesundheitschecks auf Masern oder Corona, die es schon gibt, zum Beispiel in den Landeserstaufnahmestellen. Einen entsprechenden Fragebogen auszufüllen, ist in 30 Minuten machbar. Aber natürlich muss man die dann „Entdeckten“ weiter behandeln. Wir hoffen sehr, dass „Furchtlos“ kein Uni-Projekt bleibt, sondern sich verstetigt. Dafür bilden wir Akteure wie Gesundheitspaten, Dolmetscher, Therapeuten aus, die zukünftig diese Arbeit machen könnten. Wir müssen präventiv arbeiten, damit Fälle wie in Illerkirchberg nicht passieren.

Katalin Dohrmann – Expertin für Traumata

Werdegang
Katalin Dohrmann ist klinische Psychologin und Psychotraumatologin. Die 46-Jährige wurden in Klausenburg (Cluj-Napoca) in Rumänien geboren und studierte Psychologie und Statistik an der Universität Konstanz. Seit 2009 forscht und lehrt sie im Bereich der Traumafolgestörungen.

Furchtlos
Sie leitet das Kompetenzzentrum Psychotraumatologie der Universität Konstanz. Das Zentrum beschäftigt sich seit über mehr als 20 Jahren mit den Entstehungsbedingungen, Folgen und Behandlungsmöglichkeiten von Traumafolgestörungen bei Geflüchteten in Deutschland. Derzeit koordiniert Katalin Dohrmann das von der Baden-Württemberg Stiftung für fünf Jahre mit 1,2 Millionen Euro geförderte Projekt „Furchtlos“ zur Umsetzung wissenschaftlich fundierter Hilfsmaßnahmen in das bestehende Gesundheitssystem des Landes.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Flüchtlinge Trauma Interview