Therapien bei Krebs Wenn Krebspatient und Arzt kein Team mehr sind
Ein Lungenkrebskranker gilt als austherapiert – doch er will weiter kämpfen. Welche Möglichkeiten bleiben? Das sagen Experten.
Ein Lungenkrebskranker gilt als austherapiert – doch er will weiter kämpfen. Welche Möglichkeiten bleiben? Das sagen Experten.
Stuttgart - Als Malik seinen Ärzten gegenüber saß, die ihm gerade gesagt hatten, dass sie im Grunde nichts mehr für ihn tun könnten, hatte er nur einen Gedanken: „Hier läuft irgendwas nicht richtig“, sagt der 35-Jährige, der seinen wahren Namen nicht veröffentlicht haben möchte.
Seit nahezu vier Jahren wird der ehemalige Angestellte einer Industriereinigungsfirma gegen eine besonders aggressive Form des Lungenkrebses behandelt. Immer wieder wurden neue Therapien ausprobiert. Mal sah es gut aus, dann sackten die Werte in den Keller, neue Metastasen wurden gefunden. Zuletzt hatte der Krebs die Leber angegriffen. Malik, einst ein sportlicher Mann, der ohne Probleme zehn Kilometer am Stück joggen konnte, war – wie er erzählt – ein Schatten seiner selbst: „Die Haut gelb, der Körper komplett ausgemergelt.“ Er forderte eine neue Kombination an Chemotherapien. Die Ärzte lehnten ab, boten ihm stattdessen psychologische Unterstützung an – im Rahmen einer palliativen Behandlung. „Doch ich wollte auf mein Bauchgefühl hören.“
So ein Konflikt sei gerade in der Onkologie nicht selten, heißt es seitens des Krebsinformationsdienstes (KID), der dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg angegliedert ist. Wissenschaftliche Erhebungen dazu gibt es nicht. Doch schon frühere repräsentative Befragungen wie die der Bertelsmann-Stiftung und der Barmer GEK im Jahr 2016 haben gezeigt, dass Betroffene vor allem zu Fragen der Krebsbehandlung eine Zweitmeinung einfordern. „Motive für die Patienten gibt es viele“, sagt die KID-Leiterin Susanne Weg-Remers. „So wünschen sie sich zum Beispiel Bestätigung, oder sie zweifeln eine Arztempfehlung an.“ Gerade wenn es heißt, man sei am Ende der Therapiemöglichkeiten angelangt, rufen Betroffene beim KID an und bitten um eine Einschätzung. „Teils können wir Behandlungswege nennen, die der behandelnde Arzt eventuell nicht auf dem Schirm hat“, sagt Weg-Remers
Auch Malik hat mit dem Gedanken gespielt, einen weiteren Onkologen zurate zu ziehen: Seine Therapie habe sich stets angefühlt, als würde sie auf einer Schiene sein, bei der keinerlei Abweichungen vorgesehen sind, sagt er. In Foren chattete er mit anderen Krebspatienten, die ihm Mut machten, die leitlinienbasierte Medizin auch mal infrage zu stellen. „Es ging mir nie darum, die Schulmedizin in Abrede zu stellen“, sagt Malik. „Aber ich habe mir einfach eine Therapie gewünscht, die besser auf meine Erkrankung und meine Bedürfnisse zugeschnitten ist.“
Der Vorsitzende des Landeskrebsverbands, Uwe Martens, weiß um die Herausforderung, Krebspatienten so individuell wie möglich zu therapieren. Der Onkologe ist nicht nur Direktor der Klinik für Innere Medizin III an den SLK-Kliniken GmbH in Heilbronn, sondern hat auch dort das Molit-Institut gegründet, dessen Schwerpunkt auf der Entwicklung maßgeschneiderter Therapien für Krebserkrankungen liegt. „Insbesondere bei so komplexen Erkrankungen wie Krebs ist es wichtig, dass Arzt und Patienten zu einer gemeinsamen Lösung finden.“ Die verschiedenen Behandlungsoptionen können sich hinsichtlich Ergebnis, Risiken und Nutzen stark unterscheiden. „Die Sichtweise des Patienten, seine Vorstellungen, seine Risikobereitschaft, sein Sicherheitsbedürfnis sollten daher Berücksichtigung finden“, sagt Martens. Zumal die Chancen für eine erfolgreiche Behandlung steigen, wenn Patienten in medizinische Entscheidungen einbezogen werden.
Zunächst ist es an dem behandelnden Onkologen, herauszufinden, wie ein Krebspatient therapiert werden kann, bestätigt Gerald Illerhaus, Ärztlicher Direktor des Stuttgart Cancer Center – Tumorzentrum Eva Mayr-Stihl und Leiter des Onkologischen Zentrums am Klinikum Stuttgart. Grundsätzlich werden Tumorerkrankungen nach bestimmten Leitlinien behandelt, die höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügen müssen. Diese helfen Medizinern dabei, Patienten einheitlicher und besser beraten zu können. „Der Großteil der Therapien, die auf diesen Leitlinien basieren, spricht auch bei den meisten Patienten an.“
Allerdings gibt es immer wieder Fälle, die nicht leitliniengerecht behandelt werden können. Hier sei es besonders wichtig, mit dem Patienten t ausführlich und offen über seine Erkrankung und etwaige Behandlungsmethoden zu sprechen, so Illerhaus. Dazu gehört der Hinweis des Arztes, dass er nicht immer garantieren könne, dass die getroffene Entscheidung die richtige ist und dass es für eine Krankheitssituation oft auch mehrere Empfehlungen gibt. Zudem besteht bei jeder Therapie ein Risiko, zu versagen. „Misserfolge im Sinne eines unerwartet schnellen oder aggressiven Fortschreitens der Krankheit sind immer eine Bewährungsprobe für das Arzt-Patientenverhältnis“, sagt Illerhaus. Drohe ein Konflikt, biete er daher nicht nur die Möglichkeit einer Zweitmeinung an, sondern auch die Option, selbst mit anderen Medizinern aus dem Fachbereich den Fall zu besprechen.
Allerdings besteht für Krebspatienten kein genereller Anspruch auf eine zweite Meinung, warnt der KID. „Jede Krankenkasse kann selbst entscheiden, welche Leistungen sie im Rahmen der zweiten ärztlichen Begutachtung übernimmt,“ sagt Susanne Weg-Remers. „Krebspatienten sollten daher schon vorab mit ihrer Krankenversicherung klären, ob und unter welchen Voraussetzungen die Kosten für eine Zweitmeinung übernommen werden.“ Wichtige Unterlagen, wie etwa Befunde aus der Bildgebung, sollten möglichst dem zurate gezogenen Arzt gleich vorgelegt werden – damit dieser nicht alle Untersuchungen erneut vornehmen muss. „Die werden nämlich von der Kasse unter Umständen nicht bezahlt“, so Susanne Weg-Remers.
Malik ist dieser Weg erspart geblieben: Die Ärzte sind seinem Vorschlag, zwei Chemotherapeutika neu zu kombinieren, gefolgt. Inzwischen gehe es ihm merklich besser, sagt er. „Ich fühle mich fitter, habe Appetit, und meine Leberwerte haben sich verbessert.“ Die Computertomografie, die detaillierte Innenaufnahmen des Körpers ermöglicht, brachte die Gewissheit: Die Metastasen in der Leber sind nahezu verschwunden. Die Klinik will Malik dennoch wechseln: „Obwohl wir am Ende zu einem gemeinsamen Konsens gefunden haben, ist das Vertrauen weg.“ Er hofft, nun mit einem neuen Behandlungsteam den Kampf gegen seinen Krebs fortzuführen.