Therapieschafe in Nürtingen Sieben tierische Therapeuten machen glücklich

Gitti Wierichs (links) und der 19-Jährige Justin haben eine gute Zeit mit den Schafen. Foto: Ines Rudel

Tierische Therapeuten wie Hunde oder Pferde sind keine Seltenheit mehr – Schafe hingegen schon. Die kleine Herde auf der Wiese im Nürtinger Stadtteil Neckarhausen sorgt für Glücksgefühle und Entspannung bei Jung und Alt.

Schon von Weitem ist das Blöken der Schafe auf der Streuobstwiese im Nürtinger Stadtteil Neckarhausen zu hören. Die Tiere werden jedoch nicht wegen ihre Wolle, sondern wegen ihre therapeutischen Wirkungen gehalten. Denn die sieben Schafe rund um das dreijährige Leitschaf Frederike sind zertifizierte Therapieschafe des Vereins Wiesenliebe. Leonie Waldner und Gitti Wierichs, die beiden Vorstandsvorsitzenden und Fachkräfte für Tiergestützte Intervention, haben den sozial gemeinnützigen Verein vor einem Jahr gegründet. „Wir hatten die Vision, einen Ort der Begegnung zu schaffen, wo niemand gewertet wird“, sagt Gitti Wierichs. Mittlerweile reichen die tiergestützten Angebote von Geburtstagsfesten, verschiedenen Veranstaltungen mit Schulen und Kindergärten bis zu Fördermöglichkeiten.

 

Tierische Therapeuten

Sofort wird klar, dass es sich dabei um besondere Schafe handelt: Ohne Scheu und Angst wird man sofort von der Herde begrüßt, die direkt auf einen zukommt. „Unsere Alpinen Steinschafe sind vom Charakter her sehr zutraulich und offenherzig“, sagt Wierichs. Ungewöhnlich, da Schafe eigentlich Fluchttiere sind und im Normalfall den Kontakt zu Menschen scheuen. Von klein auf haben die Tiere gelernt, mit Menschen in Kontakt zu treten und Vertrauen aufzubauen. Trotzdem muss den Schafen mit Ruhe begegnet werden, da Hektik sie aufschrecken lässt. „Kinder und Jugendliche lernen, durch die Tiere Grenzen zu akzeptieren und sich zu beruhigen“, sagt Wierichs. Denn damit die Schafe überhaupt auf einen zukommen, muss man ihnen ruhig begegnen. Die tiergestützte Therapie kommt nicht nur bei jungen Menschen aus der Eingliederungs- oder Jugendhilfe zum Einsatz, sondern findet auch bei tierbegeisterten Erwachsenen Anklang.

Schafe sorgen für Entspannung

Die Schafe eigneten sich unter anderem als Therapeuten, weil manche Kinder und Jugendliche sich den Tieren besser öffnen könnten und ihnen Dinge erzählten, über die sie sonst ungern sprächen. So auch bei dem 19-jährigen Justin, der vor circa einem Jahr mit einer Entwicklungsverzögerung und einer Spastik in den Händen zu ihnen auf die Wiese kam. „Er hat anfangs hauptsächlich in Ein- bis Zwei-Wort-Sätzen gesprochen, hatte einen geringen Wortschatz und war sowohl fein- als auch grobmotorisch eingeschränkt“, sagt Waldner. Seitdem er bei den Tieren sei, habe er einen deutlich größeren Wortschatz und ein extremes Selbstvertrauen entwickelt. Auch seine Feinmotorik habe sich verbessert. Beispielsweise könne er mittlerweile eigenständig die Zäune für den Pferch setzen und die Wasserkanister öffnen. Der Kontakt mit den Tieren sorge für physische und psychische Entspannung. Dabei werde das Glückshormon Oxytocin ausgeschüttet. Mit den Schafen spazieren, zu kuscheln oder einfach nur in unmittelbarer Nähe zu sein, reiche aus, um Glücksgefühle zu wecken: Nach der Zeit mit den Tieren und in der Natur merke man Menschen jeden Alters sichtlich an, dass sie glücklicher und entspannter nach Hause gingen.

Ausbildung zum Therapieschaf

Im Sommer des vergangenen Jahres haben die Tiere ihre Ausbildung beendet und sind seitdem als offizielle Therapieschafe im Einsatz. „Wir konnten mit den Schafen direkt die praktische Teamprüfung ablegen, da wir beide schon die Ausbildung zur Fachkraft bestanden hatten“, sagt Waldner. Bei der Prüfung gehe es unter anderem darum, wie die Tiere auf Menschengruppen reagieren und sich dabei verhalten. Im Prinzip könne man fast alle Tiere zu Therapeuten ausbilden – egal ob Hase, Schildkröte oder Pferd. Die sieben Schafe seien geimpft und würden zweimal im Jahr von einem Nutztierarzt untersucht – über Entwurmung bis hin zur Klauenpflege. „Wir werden regelmäßig vom Veterinäramt kontrolliert und die Tiere müssen natürlich auch gesund sein, damit die nahen Begegnungen mit Menschen möglich gemacht werden können“, sagt Wierichs.

Neben den tierischen Begegnungen haben es sich die beiden Gründerinnen von Wiesenliebe auch zur Aufgabe gemacht, den Erhalt der vom Aussterben bedrohten Tierrasse der Alpinen Steinschafe sowie die Pflege der Streuobstwiesen zu unterstützen. Ihr Projekt haben sie nach eigenem Bekunden in kurzer Zeit erfolgreich umgesetzt und es solle auch künftig Begegnungen zwischen Mensch, Tier und der Natur ermöglichen. „Wiesenliebe ist für uns eine Herzensangelegenheit, wir sind auf Spenden und Hilfe angewiesen und wollen auch weiterhin ein Wohlfühlort für alle sein“, sagt Wierichs.

Tiergestützte Therapie

Tierische Helfer
Nutz- und Arbeitstiere helfen bereits seit Jahrtausenden bei alltäglichen, aber auch fast unmöglichen Aufgaben, zu denen selbst der begabteste Mensch nicht imstande wäre. Seien es Fährten- oder Therapiehunde mit ihren ausgeprägten Sinnen oder Jagdfalken, die selbst aus enormer Höhe Beute erspähen können.

Wiesenliebe
Alpine Steinschafe sind die historische Ausgangsrasse der Bergschafzucht im Ostalpenraum. Heutzutage gehört diese Rasse zu den am stärksten vom Aussterben bedrohten deutschen Schafrassen. Events-Veranstaltungen.. Weitere Informationen zu den Therapie-Schafen und dem Verein Wiesenliebe gibt es unter www.wiesenliebe-org.jimdosite.com.

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