Therapeutin Michelle Lobert zeigt den Snoezelen-Raum im Therapiezentrum Everest. Hier sollen Kinder mit Autismus zur Ruhe kommen können. Foto: Simon Granville
Im Kreis Ludwigsburg gibt es ein neues Therapiezentrum für autistische Kinder. Obwohl das für Eltern aus ganz Deutschland Hoffnung bedeutet, bleibt der Weg zur Therapie schwierig.
Ebru Mucip strahlt. Die junge Frau sitzt in einem Besprechungszimmer in Remseck am Neckar und erzählt von ihrem sechsjährigen Sohn. Der kleine Mehmet Alp ist Autist. Die richtige Therapie für ihn zu finden, hat Mucip Jahre gekostet.
Nun hat die Frau einen Ort gefunden, an dem sie sich gut aufgehoben fühlt. Dafür ist sie mit ihrem Sohn eigens für einige Monate aus dem etwa 500 Kilometer entfernten Wolfenbüttel in Niedersachsen an den Neckar gezogen.
Ebru Mucip ist froh, das Therapiezentrum in Remseck gefunden zu haben. Foto: privat
Der Grund für den Umzug ist das Everest-Therapiezentrum in Remseck, das dort vor etwa sechs Monaten den Betrieb aufgenommen hat. Den Umzug würde sie jederzeit wieder machen: „Er hat hier gelernt, alleine aufs Klo zu gehen, er kommuniziert und löst sogar Rechenaufgaben“, erzählt die junge Mutter.
Sie zeigt ein Video, das ihren Sohn mit einem anderen Jungen gemeinsam im Sand spielend zeigt. All das hätte sie kaum mehr für möglich gehalten. Im Alter von zwei Jahren haben die Eltern bei Mehmet Alp Veränderungen festgestellt. Nach einer Erkrankung hörte er auf zu sprechen – und schrie häufig unkontrollierbar.
Axel Fischle ist einer der Männer, die das Therapiezentrum in Remseck gegründet haben. Foto: Simon Granville
Mehmet Alps Eltern bekamen die Diagnose, dass ihr Kind eine Störung im Autismus-Spektrum hat. „Wir haben mit Therapien angefangen, aber sobald mein Sohn schrie, endete die Stunde“, sagt Mucip. Ein Erfolg blieb stets aus. Was läuft also in Remseck anders?
Das private Therapiezentrum geht auf die Initiative von zwei türkischstämmigen Vätern zurück. Beide haben autistische Kinder, beide waren mit den Therapieangeboten in der Region nicht zufrieden. Als sie auf Axel Fischle trafen und in seinem Gebäude Räume für ein Therapiezentrum frei wurden, starteten die drei Männer gemeinsam das Projekt. Fischle ist Geschäftsführer eines Unternehmens, das sich mit Kindern mit Lernschwierigkeiten beschäftigt.
Expertise aus der Türkei
„Erst dachte ich, für ein Therapiezentrum für autistische Kinder gebe es einfach zu wenig Bedarf“, sagt Fischle. Dann erfuhr er aber, dass weitaus mehr Kinder davon betroffen sind, als er glaubte. Nicht deutlich weniger als ein halbes Prozent, wie es in einigen Studien steht – sondern je nach Untersuchung und Land bis zu drei Prozent der Kinder werden laut Fischle heute mit einer Störung im Autismus-Spektrum diagnostiziert. Andere Experten sprechen von bis zu zwei Prozent der Kinder.
Das Everest-Therapiezentrum rühmt sich, Spezialisten für die Autismus-Therapie zu beschäftigen, und greift dabei auch auf Experten aus der Türkei zurück, wo die Autismus-Therapie verbreiteter ist. „Rund die Hälfte unserer Therapeuten, die eine pädagogische oder psychologische Ausbildung haben, kommen aus der Türkei“, sagt Fischle.
Zahl der Kinder mit Autismus steigt weiter an
Ein echtes Behandlungsgeheimnis gebe es nicht, weil die Störungen und Bedürfnisse im Autismus-Spektrum so unterschiedlich seien, wie die Kinder selbst. Was aber anders laufe, als an anderen Einrichtungen, sei die Anzahl der Therapiestunden. Ist der Bedarf da, können Kinder mehrere Stunden wöchentlich oder auch täglich in Therapie sein. Ebru Mucip glaubt daran, dass die Expertise und die intensive Therapie in Remseck zu den Fortschritten bei ihrem Sohn geführt haben. Sie wird im Herbst wieder kommen.
Angesprochen auf das private Therapiezentrum sagt Dr. Michael Buob, Ärztlicher Direktor am Sozialpädiatrischen Zentrum der RKH in Ludwigsburg: „Die therapeutischen Einrichtungen haben ihre Berechtigung, egal ob es sich um einen kommunalen oder privaten Anbieter handelt. Wichtiger ist die Zielrichtung der Behandlungen von Kindern und deren Familien im Alltag. Dies ist nur begrenzt in den Einrichtungen möglich.“
Laut Buob müssten insgesamt mehr aufsuchende Tätigkeiten angeboten und entsprechend finanziert werden, um den Familien in ihrem Alltag zu helfen. Denn Behandlungen von betroffenen Kindern seien Netzwerkarbeit. Das Sozialpädiatrische Zentrum, private Therapieeinrichtungen wie Everest, niedergelassene Therapeuten, pädagogische Institutionen und die Jugendhilfe seien wichtige Bausteine des Netzwerks.
Buob beobachtet auch, dass die Anzahl an Kindern mit einer Autismus-Spektrum-Störung seit Jahren steige. Woran das liege, könne man nicht genau sagen. „Unsere Gesellschaft wird immer autistischer“, sagt Buob. Die Umwelteinflüsse spielten sicher eine Rolle. Die Kommunikation zwischen Menschen komme immer kürzer. Corona habe auch dazu beigetragen. Hunderte Fälle behandeln er und sein Team jedes Jahr. Offensichtlich gibt es aber generell Probleme, die gestiegene Therapienachfrage zu befriedigen.
Michelle Lobert im größten Therapieraum in Remseck. Foto: Simon Granville
Thomas Bartenstein aus Bietigheim-Bissingen, ist Diplompädagoge und Vorsitzender des Vereins Autismus Stuttgart. „Die Wartezeit auf eine Diagnose beträgt etwa vier bis sechs Monate“, sagt er. Je nach Art und Umfang der Therapie kommen dann weitere Monate des Wartens auf einen Therapiebeginn hinzu. „Ambulante Hilfen oder Assistenzleistungen gibt es praktisch nicht. Deshalb sind die Therapeutinnen überlaufen“, erklärt Bartenstein.
Anträge auf Finanzierung der Therapie mit Hürden
Ebru Mucips Sohn Mehmet Alp wird im Herbst in eine Sonderschule eingeschult, schon im Kindergarten fehlte es an einer eigentlich notwendige Begleitung für ihn. Nun kämpft sie dafür, dass ihr Sohn auf eine Regelschule mit Schulbegleitung gehen kann. „Ich gebe nicht auf“, sagt sie. Kompetente Schulbegleitungen für Autismus zu finden ist ähnlich schwierig wie passende Therapieplätze.
Auch andere Eltern berichten vom beschwerlichen Ringen mit Ämtern und zuständigen Stellen, um die bestmögliche Betreuung und Therapie für autistische Kinder zu erhalten. Ein Grund für die Probleme könnten die Kosten sein und die schiere Menge an Anträgen.
Aber auch das Verfahren für die Bewilligung ist mit Hürden versehen. Je nach Diagnose, ob die Behinderung eher als seelische Beeinträchtigung oder als geistige Beeinträchtigung zu werten ist, ist eine andere Abteilung innerhalb des Landratsamts zuständig.
All das setzt Eltern von Kindern mit einer Autismus-Spektrum-Störung zusätzlich zu. Dabei ist der Alltag schon eine Herausforderung für sie. So können sie mit ihren Kindern oft nicht einmal einkaufen gehen – weil die Kleinen einer enormen Reizüberflutung ausgesetzt sind, schreien sie dann häufig.
Meist ist schon eine Kommunikation mit den Kindern schwer. Da sind kleine Therapieerfolge Balsam – wie der, von dem ein Vater berichtet, der anonym bleiben will: „Mein Sohn war nonverbal. Als er das erste Mal ,Papa’ sagte, kamen mir die Tränen. Ohne Therapie wäre das nicht möglich gewesen. Davon bin ich überzeugt.“
Das steckt hinter dem Begriff Autismus
Definition Als Autismus oder Autismus-Spektrum-Störungen werden Entwicklungsstörungen bezeichnet, die die Fähigkeiten zur Kommunikation und im sozialen Miteinander beeinträchtigen. Therapiemaßnahmen können die Selbstständigkeit von Menschen mit Autismus unterstützen und fördern.
Diagnose Autismus kann nur von Fachärztinnen und Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie oder von Psychotherapeutinnen oder Psychotherapeuten diagnostiziert werden. Bei Kindern und Jugendlichen sollten es Fachleute sein, die auf diese Altersgruppe spezialisiert sind.