Stuttgarter Schauspielhaus Premiere für Theresia Walsers „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“

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Was wir schon immer über die Gattinnen der Diktatoren wissen wollten: Burkhard C. Kosminski inszeniert im Stuttgarter Schauspielhaus Theresia Walsers Komödie „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“.

Christiane Roßbach als Frau Margot vor der Asche ihres Mannes Erich – Szene aus der Walser-Groteske Foto: Björn Klein
Christiane Roßbach als Frau Margot vor der Asche ihres Mannes Erich – Szene aus der Walser-Groteske Foto: Björn Klein

Stuttgart - Mit Komödien ist das Stuttgarter Publikum in den vergangenen Jahren nicht gerade verwöhnt worden. Das könnte sich ändern, denn im Zuge des ästhetischen, atmosphärischen und organisatorischen Relaunchs des Schauspiels setzt der neue Bühnenchef Burkhard C. Kosminski auch auf Lachtheater. Mehr noch: auf Lachtheater von quicklebendigen Zeitgenossen. Clemens Setz’ „Abweichungen“ sind am ersten Premierenwochenende der neuen, frischen Intendanz herausgekommen, am zweiten ist jetzt Theresia Walser dran gewesen mit „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ – und wie Setz, der die Miniaturkunst einer toten Putzfrau durchs Leben ihrer Arbeitgeber spuken lässt, geht auch Walsers Groteske von einem schrägen Setting aus: Treffen sich die Ehefrauen dreier Diktatoren. Ihre Leben sollen als Biopic verfilmt werden . . .

So beginnen Witze. Und so beginnt auch Walsers Apfelkomödie, die ihren Titel einer Gedichtzeile des libyschen Despoten Gaddafi verdankt – mit dem Unterschied, dass die jüngste der vier Töchter von Martin Walser in ihrer fein komponierten Partitur nicht nur wie bei einem Witz eine, sondern viele Pointen knallen lässt, meistens laut im Crescendo der Tiraden. Hochmusikalisch gestaltet die Autorin ihr Diktatorengattinnen-Treffen: Sie nimmt Motive auf und lässt sie fallen, wiederholt Strophen, variiert Sätze und arbeitet mit Refrains und verzerrten Echos, bis am Ende eine in ihrer Lustigkeit unheimliche Kakophonie an die Ohren dringt. Auch wenn nicht alles zündet: Walser schreibt mit der Sprachmacht ihres Vater, schließt zu Thomas Bernhard auf und wäre fast eine deutsche Yasmina Reza, wären ihre Szenen nur etwas besser miteinander verfugt. Aber der „Gott des Gemetzels“, Rezas Welthit, waltet hinterrücks auch in den „Äpfeln“.

Gouvernante mit Blockwart-Gen

Die Bühne von Florian Etti ist überschaubar. Neben einem Servierwagen und einem Rednerpult hat er drei Drehsessel in rotem Kunstleder und einen Hocker in grünem Plastik ins Schauspielhaus gestellt – vier Sitzgelegenheiten für das Spielerquartett, das unter der Regie des Hausherrn Kosminski das Satzstreichquartett flink, flott und frech herbeispielt. Die drei von Ute Lindenberg typgenau kostümierten Damen versetzt er in divahaft-despotische Smalltalk-Laune mit Ticks und Neurosen, den ergänzenden dolmetschenden Herrn in beflissene Angestellten-Wuselei.

Frau Leila, Gattin des tunesischen Diktators Ben-Ali, spielt Paula Skorupa als blasierte Chanel-Puppe. Frau Imelda, Angetraute des philippinischen Schreckensherrschers Ferdinand Marcos, wird von Anke Schubert in eine eitle Matrone verwandelt. Und Frau Margot, wie Christiane Roßbach sie gibt, trägt Erich – Nachname Honecker – als Asche in der Urne bei sich. Aschgrau ist auch sie selbst, diese verbitterten Blockwartgouvernante, die sich mit den anwesenden Damen in den betonierten Haaren liegt und nur zwei Dinge mit ihnen teilt: die Verachtung für die Medien – nichts als Lügen: Folter, Leichenberge, Korruption – und die Verachtung für das Volk, von dem nicht nur sie und Erich, sondern auch die anderen Tyrannenpaare als Folge einer „krampfhaften Aufstandsmasturbation“ aus den Palästen gezerrt wurden. „Nörgelsüchtig, empörungsgeil“ sei das schlecht erzogene Volk, ereifert sich die eisige Margot – und ein Vertreter der undankbaren „Meute“ hat sie in Gestalt des Dolmetschers an ihrer Seite.

Der Übersetzer als Untertan

Als Gottfried kriecht Sven Prietz in die Hirnwindungen der Despotinnen und übersetzt, wie es ihm gefällt: mal richtig, mal falsch, mal verkürzt, mal ausgeschmückt, mal gar nicht. In verschwitzter Agilität spielt dieser von Margot traumatisierte Untertan, dieser „Hampelmann aus Jena“ mit dem „klopfenden Schulhofherzen“, sein eigenes, undurchsichtiges Spiel. Sehr virtuos schlängelt sich Prietz über den amüsanten Hochglanzboulevard, auf dem jede Dame eine gute, er aber eine noch bessere Figur macht.

Walsers „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ ist eine Übernahme aus Mannheim, wo Kosminski die Komödie 2013 uraufgeführt hat. Jetzt hilft ihm die kurzweilige 90-Minuten-Groteske beim raschen Ausbau seines Repertoires – und gibt obendrein einen Vorgeschmack auf die nächste Zusammenarbeit des Regisseurs mit der Autorin. Im Sommer bringt er bei den Salzburger Festspielen die „Empörten“ heraus, das jüngste Stück von Theresia Walser. Neben Caroline Peters und André Jung ist auch der elastische Sven Prietz mit dabei. Spielt er nörgelsüchtig- empörungsgeil wieder das Volk?