THG-Rektor Michael Burgenmeister „G 9 lässt mehr Raum für soziales Lernen“

Der Esslinger Schulleiter Michael Burgemeister ist im Ruhestand. Foto: Ro/bin Rudel

Michael Burgenmeister hat die Schulkultur in und um Esslingen geprägt. Zum Abschied in den Ruhestand spricht der Rektor des Theodor-Heuss-Gymnasiums über den Wandel an den Schulen und des Lehrerberufs sowie über die Unterschiede zwischen G 8 und G 9.

31 Jahre lang war Michael Burgenmeister Lehrer, davon viele Jahre in der Schulleitung am Theodor-Heuss-Gymnasium (THG) in Esslingen. In dieser Zeit hat er viele Veränderungen miterlebt und durch Gremienarbeit in der Direktorenvereinigung Nordwürttemberg und im Landesschulbeirat mitgeprägt. Wir sprachen mit ihm über Folgen von Corona, eine heterogene Schülerschaft und Lust und Frust des Lehrerberufs.

 

Trotz Pandemie und Unterrichtsausfall:  Laut einer Statistik der Kultusministerkonferenz für das Prüfungsjahr 2022 haben sich in Baden-Württemberg die Einser-Abschlüsse im Vergleich zu 2019 verdoppelt. Ist das Abi zu einfach?

Der Gesamtdurchschnitt liegt im Land etwa bei der Note 2,3. Das hat sich in den letzten Jahren kaum verändert. Ich sehe keine Inflation der Einser-Abschlüsse. Es hat sich aber eine gewisse Spreizung entwickelt: Die Guten sind noch besser geworden und andererseits gehen einige Schüler früher ab. Beides hat auch etwas mit der neuen Form des Abiturs zu tun, die 2021 eingeführt wurde.

An der neuen Oberstufe waren Sie als damaliger Vorsitzender der Direktorenkonferenz mitbeteiligt. Wie hat sich die Reform ausgewirkt?

Vor allem, dass nun Mathe und Deutsch im Abitur geprüft werden müssen, hat vieles verändert und für manche Schüler vielleicht die Hürden erhöht. Es wurde von der Politik festgelegt, dass an allgemeinbildenden Gymnasien beides Teil der Abiturprüfung ist, gegen die wir lange gekämpft haben. Inhaltlich gibt es dafür keinen Grund. Wer abgehen möchte, kann mit zwei aufeinander folgenden Oberstufen-Kursen und einer anschließenden Ausbildung oder einem sozialen Jahr inzwischen die Fachhochschulreife erlangen – ganz ohne Prüfung. Das ist eine gute Alternative, die die Reform ermöglicht hat. Sogar ein Studium ist so noch möglich.

Welche Herausforderungen bringt der große Zulauf an Gymnasien mit sich?

Die Heterogenität hat seit Corona nochmals zugenommen. Die Lücken vor allem im sozialen Bereich sind teilweise groß. Hier wirkt sich aus, dass während der Pandemie vieles in der Grundschule nicht stattfinden konnte. Dass es keine bindende Grundschulempfehlung mehr gibt, begrüße ich dennoch. Kinder haben ein großes Entwicklungspotenzial, gleichzeitig sollte man ihnen aber keine zu große Last aufbürden. Mit einer Hauptschulempfehlung tun sich Kinder sehr schwer am Gymnasium. Das muss nicht heißen, dass sie später nicht doch irgendwann Abitur machen werden, aber sie brauchen noch mehr Zeit. Das versuche ich auch den Eltern klarzumachen. Mit einer Realschulempfehlung haben wir oft richtig gute Erfahrungen gemacht, wenn die Kinder motiviert sind.

Eine landesweite Elterninitiative fordert die einheitliche Rückkehr zu G 9 und sammelt derzeit Unterschriften für einen Volksantrag. Überfordert G 8 Kinder und Jugendliche?

Bis 2003 hatten wir am THG das G 9 mit einem zusätzlichen Turbozug. Das fand ich eine gute Lösung, um auf die Fähigkeiten und Möglichkeiten der Schüler unterschiedlich einzugehen. Wenn Schülerinnen und Schüler einen Nachmittag mehr Schule haben, bleibt natürlich weniger Zeit für andere Dinge. G 8 oder G 9 ist eine politische Entscheidung und leider auch eine finanzielle. Letztlich ist es eine Frage, welche Prioritäten man setzen möchte. Geht es nur um den Lernstand oder auch um soziales Lernen? Wenn man alles gleichzeitig haben möchte, wird es irgendwann zu viel. G 9 hat allein schon den Vorteil, dass die Absolventen ein Jahr älter sind, das wirkt sich auf das Reflexionsvermögen aus.

Personalmangel gehört laut der repräsentativen Cornelsen-Schulleiterstudie mit zu den größten Herausforderungen für Schulen. Warum wollen immer weniger Lehrer werden?

Die Attraktivität hat gelitten. Man hat so lange an der Schraube gedreht und etwa die Wochenstunden erhöht, bis es zu viel war. Das sieht man auch daran, dass immer mehr Lehrer die Arbeitszeit reduzieren wollen. Sie verzichten auf Geld und Altersbezüge, weil es sonst nicht zu schaffen ist. Gleichzeitig brennen aber sehr viele Kolleginnen und Kollegen für ihr Fach. Auch öffentliche Äußerungen mindern das Image des Lehrerberufs, zuletzt etwa die von Ministerpräsident Kretschmann, selbst Lehrer, der den Sinn des Französisch-Unterrichts infrage gestellt hat. Der ließe sich durch eine App ersetzen.

Auch Schulleiterposten zu besetzen, ist schwierig geworden. In der Pandemie waren die Rektorinnen und Rektoren extrem gefordert.

Es wurden immer mehr Aufgaben an die Schulleitungen übertragen, aber dafür hat es an anderer Stelle keine Entlastung gegeben. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass Schulleiter ein eigener Beruf ist. Es ist nicht nur eine Lehrkraft mit organisatorischen Zusatzaufgaben, gleichwohl ist der pädagogische Blick gefragt. Ich selbst habe bis zu 80 Unterrichtsbesuche im Jahr gemacht. Nicht umsonst gibt es etwa in Bayern ein eigenes Vorbereitungsseminar für Schulleitungen. So etwas würde ich mir bei uns auch wünschen, nicht nur eine Fortbildung.

Nie mehr Schule! Davon würden so manche Kinder wahrscheinlich träumen. Kommt bei Ihnen Wehmut auf?

Nein, alles hat seine Zeit. Mir war wichtig, meine Aufgabe bis zuletzt gut auszuführen, um einen sauberen Übergang zu schaffen. Meine Frau und ich wollen ein Jahr lang Pause machen, um uns neu zu sortieren. Ins Konzert, Ballett oder in die Oper gehen – all das werden wir jetzt mit mehr Ruhe tun. Nicht zuletzt haben wir ja auch noch sechs Enkel.

Zur Person

Lebenslauf
Michael Burgenmeister ist 64 Jahre alt und war Lehrer für Mathematik, evangelische Theologie und Psychologie. Er hat ein Vikariat abgeschlossen, wechselte dann aber in den Schuldienst. Vor allem habe es ihn gereizt, Mathe zu unterrichten. Seit 2007 leitete er das Esslinger Theodor-Heuss-Gymnasium mit derzeit rund 800 Schülerinnen und Schülern. Seine Nachfolge auf der Schulleiterstelle ist noch offen, eine dritte Ausschreibung läuft.

Nebenjobs Bis 2021 war Michael Burgenmeister Vorsitzender der Direktorenvereinigung Nordwürttemberg, die rund 150 Schulen im Regierungsbezirk Stuttgart vertritt. Bis zuletzt war er dort noch im Vorstand tätig. Er war zudem Mitglied der Bundesdirektorenkonferenz für Gymnasien und saß zeitweise im Landesschulbeirat als Vertreter der Gymnasialschulleiter.

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