Thomas Adès „The Exterminating Angel“ in Salzburg Surrealismus? Ah, geh!

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Bei den Salzburger Festspielen ist Thomas Adès „The Exterminating Angel“ uraufgeführt worden, ein Musiktheater frei nach Luis Buñuels Film „Der Würgeengel“ – mit Effektmusik, die dem Publikum runter geht wie nichts.

  Foto: Salzburger Festspiele/Monika Rittershaus
  Foto: Salzburger Festspiele/Monika Rittershaus

Stuttgart - In der Pause der Opernuraufführung von „The Exterminating Angel“ sitzt im Universitätsgarten, keine hundert Meter vom Salzburger Haus für Mozart entfernt, eine Dame, die später beim Applaus mit ihren Juwelen klimpern wird. Sie gibt via Smartphone letzte Anweisungen für den hernach stattfindenden Empfang im Landhaus. Man kann sie schlecht überhören: Nein, sagt sie, den Saibling vor den Eierschwammerln, unbedingt. Und dass genug Getränke gekühlt sein sollen. Und dass das Personal aufmerksamer ist als beim letzten Mal. Und dass jemand nach den Labradoren schaut. Aber bitte gleich. Bis später. Baba. Die Wirklichkeit in der Welt ist relativ unüberbietbar.

In diesem speziellen Salzburger Festspielfall liefert die Realität den passenden Hintergrund für eine Geschichte, die der surrealistisch geprägte Regisseur Luis Buñuel 1962 verfilmte: „El angél exterminador“, auf Deutsch, nicht schön, übersetzt mit „Der Würgeengel“ (aus dem Buch der Könige, wo ein Engel massenhaft vor Jerusalem stehende Assyrer eliminiert). Buñuel war überzeugt davon, dass der Film an sich, als „Instrument der Poesie“, die Funktion habe, das Unbewusste aufzuschließen, anstatt das sogenannte normale Leben cineastisch zu verlängern. Der Zuschauer sollte also nie das Gefühl haben, daheim zu sein, sondern immer mit etwas Fremdem konfrontiert werden. Im Zweifel mit dem Abgrund und am besten: mit seinem eigenen. „Im Würgeengel“, in Schwarzweiß auf engstem Raum und ohne jede Musik gedreht, geht das so, dass nach einer Aufführung von „Lucia di Lammermoor“ insgesamt 19 Gäste vom Ehepaar Nobile auf ein Malteser Ragout (Leber, Honig und Mandeln) und Champagner eingeladen werden. Man hofiert sich, flirtet, redet geschraubtes Zeug („Das Vaterland ist nichts als eine Ansammlung von Flüssen, die ins Meer fließen“) und hält spitze Antworten parat („Und das Meer ist der Tod“). Bourgeoisiegeplauder und Fassadenmalereien. Dahinter ist, außer Hochmut, buchstäblich: nichts. Außer Grauen.

Gefangen im Salon der Bourgeoisie

Als es Zeit wird für den Aufbruch – das ist die Generalpointe – stellt sich dieser als unmöglich heraus. Gastgeber und Gäste sitzen in einer anfangs noch luxuriösen Falle. Buñuel selber hielt die Situation in seinen Memoiren „Mein letzter Seufzer“ lakonisch fest: „Was ich sehe, ist eine Gruppe von Leuten, die nicht tun können, was sie tun möchten: ein Zimmer verlassen.“

Diese Absurdität führt zu Endzeitsituationen: Am Ende muss zur notdürftigen Versorgung eine Wasserleitung angebohrt werden. Mobiliar dient als Feuerholz. Kostbare chinesische Vasen werden zu Toilettenschüsseln umfunktioniert. Ein Paar bringt sich um. Ein Mann stirbt und wird im Wandschrank entsorgt. Naturgemäß riecht es danach nicht mehr allzu gut im Salon, was die ohnehin verunsicherten Hinterbliebenen zu Hyänenkämpfen anstachelt. Niedertracht dominiert. Weil wenigstens eine Frau, Leticia, hier nur „die Walküre“ genannt, die Nerven behält und gewissermaßen den Film zurückdreht, indem sie die ursprüngliche Versuchsanordnung im Salon wiederherstellt, kommt das Kollektiv wieder zu sich und gelangt nach draußen, um dortselbst wieder auf neues Chaos zu treffen, wo Polizisten im Ausnahmezustand Demonstranten metzeln. Buñuel bedauerte später, dass er seine Eingesperrten nicht endgültig zu Kannibalen hatte werden lassen.

Lange Vorrede, nicht ohne Grund. Der britische Komponist Thomas Adès nämlich, Jahrgang 1971, dessen Shakespeare-Oper „The Tempest“ vor allem in der englischsprachigen Welt als Ausweis von modernem Pragmatismus mit tonalen Mitteln gilt und von der Met und Covent Garden gerne genommen wurde, auch Simon Rattle schätzt ihn, geht die Sache mit dem Librettisten und Regisseur Tom Cairns im Prinzip eins zu eins an. Als sei der Surrealismus nicht auch eine fragliche Größe, weil er mit Mitteln operiert, die sich teilweise überlebt haben, wird versucht, Buñuel teuer, aber platt bühnentauglich zu machen. Der Film kommt also umstandslos auf die Bretter, was sich rächt, weil allein schon perspektivisch nicht zu leisten ist, was Buñuel vermochte. Klaustrophobische Gefühle angesichts eines bühnenhohen Palisanderrahmens in einem der größten Musikhäuser Europas wollen sich schwerlich einstellen. Und Tom Cairns probiert auch nicht mehr als eine dekorative Anordnung der handelnden Personen innerhalb der monströsen Ausstattung. Alles hier ist XXL: die Möbel, die Kostüme, die Körpersprache. Und nicht zuletzt die Musik. Aber Surrealismus? Ah, geh.

Das Nichts unter der gelackten Oberfläche

Wenn es Thomas Adès Absicht gewesen sein sollte, jenseits seiner teils virtuosen Fähigkeiten in der Oper, auch im Orchestralen und Kammermusikalischen unter Beweis zu stellen, dass man ein einzelnes Wort rufen und er dazu im Handumdrehen ein Werk generieren könne, ist ihm das gelungen. Es wimmelt in der Partitur nur so von Materialformen: Fugen, barocke Verläufe, Impressionistisches, Walzer, Rockrhythmen gar, Glockengeläute. Jeder Furor kann mit einer Feinheit, gerne vom Flügel, gekontert werden. Allerdings wird der Text, genau genommen, immer nur reflexhaft musikalisch illustriert. Angst heißt Klangballung, bei jeder Outriertheit spreizt sich ein Akkord wie ein Pfau. Polystilistischer Doppelrahm, wenn man so will. Man will dann aber schon bald nicht mehr.

Unter der, kein Zweifel, in den Details glänzend gelackten Oberfläche nämlich, die Adès selber als Dirigent mit dem ORF-Radio-Symphonieorchester Wien energisch bespielt (dazu ein gigantisches Ensemble mit Anne Sofie von Otter, Sally Matthews und Charles Workman unter vielen anderen), ist keine zweite Ebene. Drei Akte und zweieinhalb Stunden verröchelt eine High Society. Brav, nett und ansehnlich. Dass einem nur einmal wegen des Unbehagens an der nur vorgetäuschten Kultur die Luft wegbliebe, lässt sich kaum behaupten. Wem bringt eine solche Effekt heischende Uraufführung etwas?

Die Salzburger Festspiele immerhin können sagen, dass sie mit allen vor Ort zur Verfügung stehenden Mitteln, also als Leistungsschau, mal wieder eine Uraufführung gestemmt haben, die schon nach New York, London und Kopenhagen verkauft ist. Das Salzburger Publikum im lange nicht ausverkauften Haus, das sich zu großen Teilen entschlossen in Begeisterung darüber klatschte, die Premiere locker ausgehalten zu haben, mag für sich in Anspruch nehmen, dass Luis Buñuel jetzt praktisch eingemeindet ist. Schräger Vogel, aber unser. Mithin besteht nicht der leiseste Grund zur Unruhe. Außer, das Personal im wirklichen Leben, wo man immer noch aus dem Zimmer kommt, wenn man will, hätte nicht an die Labradore gedacht.