Thomas Berthold im VfB-Interview „Ob Guido Buchwald wohl aufgestellt wird?“

Thomas Berthold sieht beim VfB viel ungenutztes Potenzial. Foto: dpa/Friso Gentsch

Thomas Berthold spricht im StZ-Interview über die Präsidentenwahl beim VfB, über seine eigenen Ambitionen und ganz neue Stadionpläne.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau: Peter Stolterfoht (sto)

Stuttgart - Er gilt als ewiger Fußballgrantler. Dessen Kritik hat sich zuletzt vor allem gegen den VfB Stuttgart gerichtet. Thomas Berthold kann seinem Ex-Verein aber auch ganz konkrete Lösungsvorschläge machen. „Der VfB braucht wieder ganz dringend eine Verlässlichkeit. Was gesagt wird, muss auch Gültigkeit besitzen“, sagt der 54-Jährige im Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung.

 

Herr Berthold, wie gefällt Ihnen das, was der VfB gerade auf dem Platz zeigt?

Ich bin kein großer Freund von einem Zwischenfazit. Ich kann aber schon so viel sagen: Der VfB wird aufsteigen.

Und ist dann auch gut für die erste Liga aufgestellt?

Ganz sicher nicht. So unsortiert wie sich die Defensive häufig präsentiert, würde die Mannschaft nicht nur von Bayern, Dortmund, Leverkusen und Leipzig die Bude voll bekommen. Es ist gerade ganz deutlich zu erkennen, dass der Leistungsunterschied zwischen erster und zweiter Liga immer größer wird. Der VfB muss aus dieser Erkenntnis die richtigen Schlüsse ziehen, um nicht zu einer Fahrstuhlmannschaft zu werden. Ab- und Aufstiege dürfen sich nicht wieder aneinanderreihen.

Wie schafft es der VfB, wieder eine feste Größe in der Bundesliga zu werden?

Das ist nicht mit einem Satz erklärt.

Sie dürfen weiter ausholen.

Dann fange ich mit den Gremien an, wo Kopflosigkeit herrscht und nicht die nötige Kontinuität. Geschweige denn Transparenz: Als VfB-Mitglied muss ich mir doch veräppelt vorkommen. Nur ein Beispiel: Es wird ein Stellenprofil für den Posten des Vorstandsvorsitzenden der AG erarbeitet. Darin ist unter anderem von einer jahrelangen Managementerfahrung in einem großen Wirtschaftsunternehmen die Rede. Dann bekommt Thomas Hitzlsperger – dem ich hier keinerlei Vorwurf mache – den Job, und es heißt: Das lässt sich alles lernen. Nichts gegen diese Entscheidung, aber der Weg dorthin ist doch völlig absurd. Was ich sagen will: Der VfB braucht wieder ganz dringend eine Verlässlichkeit. Was gesagt wird, muss auch Gültigkeit besitzen.

Wer hat denn beim VfB gerade das Sagen?

Auf mich als Außenstehenden macht es den Eindruck, dass dies Wilfried Porth ist. Er ist ein erfahrener Manager und in Bezug auf Durchsetzungsfähigkeit sicher der starke Mann in den Gremien. Was die nächste Personalentscheidung beim VfB jedoch sehr interessant macht.

Weil sich Guido Buchwald für das Präsidentenamt beworben hat, nachdem er zuvor nach einem Streit mit dem Daimler-Mann Porth aus dem VfB-Aufsichtsrat zurückgetreten ist.

Genau. Ich bin jetzt wirklich sehr gespannt, ob Guido Buchwald den Mitgliedern bei der Hauptversammlung am 15. Dezember als einer von zwei Kandidaten zur Wahl vorgeschlagen wird.

Wäre Buchwald ein guter Präsident?

Meiner Ansicht nach wäre er ideal. Guido Buchwald ist beliebt, wirtschaftlich aufgrund seiner eigenen Unternehmen erfahren. Im internationalen Fußball bekannt und exzellent vernetzt. Und ganz wichtig: absolut integer.

Als begnadeter Redner ist er allerdings noch nicht aufgefallen.

Ein Dampfplauderer ist er sicher nicht. Eher jemand, der Leute zusammenbringt und eint. Darauf kommt es im Moment an. Guido Buchwald wäre ein Präsident, der die VfB-DNA in sich trägt, der sportliche und charakterliche Werte vorlebt. Fans, Mitglieder und Mitarbeiter müssen wieder stolz auf ihren Präsidenten sein. Und auf ihn könnten sie stolz sein. Es muss beim VfB eine Art „Kontinuität des Charakters“ von ganz oben entstehen.

Was muss sich noch ändern?

Der VfB muss sich wieder in der Öffentlichkeit vernetzen, Doppelpässe mit der Kultur oder den Schulen spielen. Das Projekt „VfB-Akademie“ beispielsweise ist herausragend. Das muss in die Öffentlichkeit getragen werden. Der Club muss auch gesellschaftspolitisch Verantwortung übernehmen, sich mehr engagieren. Außerdem muss er Daimler noch mehr einbinden, dabei aber seine Eigenständigkeit wahren. Ziel sollte es sein, nicht mehr nur eine regionale Marke darzustellen. Die Fans haben das verdient. Auf die muss der VfB auch mehr hören, auch auf seine Mitglieder und Ehemaligen.

Also auch auf Sie?

Ich habe dem Club meine Unterstützung angeboten. Beim VfB habe ich sieben Jahre gespielt. Damals sind wir Pokalsieger geworden und standen im Finale des Europapokals der Pokalsieger. Ich bin dem VfB sehr verbunden und dankbar. Es war eine großartige Zeit. Zusammen mit Karl Allgöwer kann ich mir nach wie vor ein Engagement im VfB-Aufsichtsrat vorstellen, um in diesem Gremium für mehr sportliche Kompetenz zu sorgen. Die Achse Buchwald, Allgöwer, Berthold, Hitzlsperger wäre meiner Meinung nach herausragend. Also Weltmeister und deutsche Meister in den entscheidenden Positionen.

Und schon geht es mit dem VfB nach oben?

Das ist ein Prozess, der Jahre dauert. Zunächst muss von der Vereinsspitze – und damit meine ich Präsidium, Aufsichtsrat unter Einbindung aller sportlich Verantwortlichen – ein sportliches Konzept vorgegeben werden, das dann von der sportlichen Führung umgesetzt wird. Dabei ist attraktiver Fußball das Maß aller Dinge. Es muss den Leuten endlich wieder Spaß machen, ins Stadion zu gehen. Und dann muss natürlich die Jugendarbeit gestärkt und die zweite Mannschaft wieder ein Karriere-Sprungbrett werden. Deshalb muss dieses Team zwingend in der dritten Liga spielen und nicht in der Oberliga herumdümpeln. Und nicht zu vergessen der Frauenfußball, dem sich der VfB nicht länger verschließen darf.

Das alles kostet Geld, dazu ist der Platz für den VfB im Neckarpark begrenzt.

Bedingt. Ein sportliches Konzept mit den eigenen Ressourcen zu erstellen kostet nichts. Aber unabhängig davon muss das vorhandene Geld richtig eingesetzt werden. Der aktuelle Kader ist zum Beispiel für die zweite Liga viel zu teuer. Dann muss ein zweiter Investor neben Daimler gefunden werden, der nach einer besseren Bewertung der AG Anteile kauft.

Und mit diesem Geld wird dann die Mercedes-Benz-Arena auf den neuesten Stand gebracht?

Nein. Es sollte eine ganz neue Arena gebaut werden. Wenn ich jetzt lese, dass die Mercedes-Benz-Arena für 65 Millionen Euro modernisiert werden soll, macht mich das fassungslos. Ist das wirklich notwendig? Was haben die Fans davon? Und an der Finanzierung muss sich der VfB ja auch wieder im großen Stil beteiligen. Eine multifunktionale Arena – die das Stadion jetzt nicht ist – ist für jeden Spitzenclub heutzutage das zentrale Thema. Und bei diesem darf es auch in Stuttgart keine Denkverbote geben.

Wie sehen Ihre Überlegungen aus?

Ich denke an eine Arena auf den Fildern, direkt an der Autobahn. Hier wäre der nötige Platz vorhanden, dort könnte man auch die Verwaltung und das Trainingszentrum für alle VfB-Mannschaften anbinden. Dazu hätte das für Daimler sowie die anderen Geschäftspartner eine enorme Werbewirksamkeit, bei den unzähligen Autos, die täglich an der Arena vorbeifahren würden. Dazu käme eine perfekte Verkehrsanbindung. Dieses Thema bietet enorme finanzielle Möglichkeiten, die der VfB nicht nutzt. Und das in einer der wirtschaftsstärksten Regionen Europas.

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