Thomas Hitzlsperger (li.) und Claus Vogt im Januar 2021. Foto: Pressefoto Baumann
Aktuell fährt der VfB Stuttgart vereinspolitisch in ruhigen Gewässern. Das war zu dieser Zeit im Jahr schon einmal grundlegend anders. Ein Mega-Knall jährt sich nun zum fünften Mal.
Beim VfB Stuttgart herrscht gespannte Erwartung – auf alles, was sportlich so ansteht in den Wochen nach dem Jahreswechsel. In der Bundesliga geht es gegen die starken Teams aus Leverkusen und Frankfurt, in der Europa League will das Team auch nach der Ligaphase noch mitmischen, im DFB-Pokal ist das Erreichen des Halbfinals ein klares Ziel. Und sonst? Ruht still der See zwischen den Weihnachtstagen und dem Übergang ins Jahr 2026.
Logischerweise, sollte man meinen. Schließlich verfällt das Fußballbusiness zumindest in einen kurzen Winterschlaf in diesen Tagen im Jahr. Aber die jüngere Historie des VfB Stuttgart lehrt: Es geht auch ganz anders.
Sportlich, zum Beispiel. Ende 2019 hat der Club mal den Trainer Tim Walter am 23. Dezember entlassen und musste dann nach Weihnachten die Nachfolge regeln – kurz vor Silvester war dann klar: Pellegrino Matarazzo übernimmt. Noch viel unruhiger wurde es dann aber im Jahr darauf. Allerdings auf vereinspolitischer Ebene.
Der große Knall im Dezember 2020 jährt sich an diesem Dienstag zum fünften Mal – und mit Blick auf die derzeit so geordneten Verhältnisse in den weiß-roten Hallen ist es kaum zu glauben, dass die Unruhen von damals nicht schon viel länger zurück liegen. Alles begann seinerzeit mit einer Meldung in den Medien.
Der SWR verkündete, Thomas Hitzlsperger werde für das Präsidentenamt des VfB Stuttgart e.V. kandidieren – was deshalb so außergewöhnlich war, weil der frühere Nationalspieler zu jener Zeit hauptamtlicher Vorstandsvorsitzender der VfB Stuttgart AG war. Und es galt die Regel: Der Vereinsboss ist zugleich Aufsichtsratschef der AG. Damit war klar, dass sich Thomas Hitzlsperger im Falle einer Wahl selbst kontrollieren würde. Doch das war noch gar nicht der Gipfel der Aufgeregtheiten.
Der folgte am 30. Dezember 2020 – als der Meisterspieler von 2007 seine Kandidatur begründete. Und den damaligen Vereinspräsidenten und Aufsichtsratschef Claus Vogt hart und scharf attackierte.
Thomas Hitzlsperger wurde im Frühjahr 2022 als Vorstandschef der VfB AG verabschiedet, Claus Vogt wurde im Sommer 2024 als Vereinspräsident abgewählt. Foto: Pressefoto Baumann
„Ein tiefer Riss geht durch unseren Club“, schrieb Hitzlsperger – und wurde konkreter: „Der Riss verläuft zwischen unserem Präsidenten und Aufsichtsratsvorsitzenden Claus Vogt auf der einen Seite und dem gesamten Vorstand der AG und zahlreichen Gremienmitgliedern aus Präsidium, Aufsichtsrat und Vereinsbeirat sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf der anderen Seite.“ Vogt und dessen direktes Umfeld würden dem Verein „massiv schaden“, ergänzte Hitzlsperger und kritisierte Vogt für dessen Umgang mit der Datenaffäre, die den VfB damals schon einige Zeit beschäftigte. Der Präsident hatte damals die Kanzlei Esecon mit der Aufarbeitung beauftragt, laut Hitzlsperger ohne notwendige Vorprüfungen der Kostenschätzungen. „Der Profilierungswunsch eines Einzelnen“, schlussfolgerte er, „bedroht die Existenz des ganzen Vereins.“
Darüber hinaus habe Claus Vogt seine angekündigten Vorhaben seit seiner Wahl im Dezember 2019 nicht ungesetzt, er habe „keine Strategie“ und verliere sich „in der Gremienarbeit in Details, er führt nicht, er informiert zu wenig, er fällt selten Entscheidungen, er pflegt keinen offenen Austausch und keinerlei Streitkultur“. Die Vorwürfe waren massiv – und die Replik ließ nicht lange auf sich warten.
Der Konter von Claus Vogt folgt am Silvestertag
Am Silvestertag veröffentlichte Claus Vogt damals seine Sicht der Dinge – und erklärte zunächst, dass er es „nicht für möglich“ gehalten habe, „dass sich ein Vorstandsmitglied eines Clubs gegenüber seinem Aufsichtsratsvorsitzenden öffentlich derart im Ton vergreift. Und damit auch das Vertrauen, das alle Mitglieder seit einem Jahr wieder zum VfB haben, zum Einsturz bringt“. Den Wahrheitsgehalt von Hitzlspergers Ausführungen zweifelte er in der Folge offen an: „Ich bin in einer Art öffentlich angegriffen worden und die Öffentlichkeit ist mit zum Teil unwahren Behauptungen konfrontiert worden, dies kann ich so nicht stehen lassen.“
Er rechtfertigte die Beauftragung der Kanzlei Esecon, versicherte, die Kosten regelmäßig zu kontrollieren, zudem seien sie größtenteils durch eine Versicherung gedeckt. Zugleich drehte er den Spieß um: „Mehrfach“ sei versucht worden, die Arbeit der Kanzlei „zu torpedieren, ihren Auftrag einzugrenzen und schließlich sogar ohne Endergebnis zu den der für die im Raum stehende Datenweitergabe und Täuschungsversuchen verantwortlichen Personen zu beenden“. Claus Vogt betonte, man habe im ersten Jahr seiner Amtszeit „viel erreicht“, nun aber werde versucht, „all das kaputt zu machen“.
Was diesem großen Knall folgte? Zunächst eine Aussprache, später eine öffentliche Entschuldigung Hitzlspergers für seine Wortwahl, noch einmal später dann der Verzicht auf die Kandidatur. Beruhigt hat das alles die Lage nicht. Die Mitgliederversammlung wurde verschoben, das Präsidium war entzweit, ebenso der Vereinsbeirat. Es dauerte und dauerte, bis wieder Ruhe einkehrte unter dem roten Dach.
Thomas Hitzlsperger kündigte im Herbst 2021 an, seinen im Oktober 2022 auslaufenden Vertrag als Vorstandschef der VfB AG nicht zu verlängern. Man trennte sich schließlich bereits ein halbes Jahr später, Alexander Wehrle übernahm den Posten. Claus Vogt war noch länger im Amt.
Am 18. Juli 2021 wurde er auf der Mitgliederversammlung für vier Jahre im Amt bestätigt, die Kritik an ihm verstummte aber nie so ganz. Und führte im März 2024 dazu, dass er innerhalb des Gremiums als Chef des Aufsichtsrats abgesetzt wurde. Rund vier Monate später wurde Vogt von der Mitgliederversammlung als Präsident abgewählt. Seit August 2024 ist Dietmar Allgaier Clubchef.