Thomas Lempertz und Friedemann Vogel Der Mann an der Seite des Stuttgarter Ballett-Stars

Eines Tages hatte Thomas Lempertz genug vom engen Korsett des Balletts. Heute genießt er die Freiheit als Künstler und Kostümbildner – und lebt doch den strikten „Ballettkalender“ seines Freundes mit. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Er kannte Friedemann Vogel schon als Konfirmanden. Später besuchten beide die John-Cranko-Schule. Heute sind sie ein Paar. Thomas Lempertz hat seine Tanzkarriere beendet, sein Partner ist ein internationaler Ballett-Star geworden. Ihre Geschichte.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Plötzlich stand er auf der Hinterbühne, ein breit grinsender Schlacks. Und Thomas Lempertz dachte nur: „Der ist aber geschossen.“ Als er Friedemann Vogel zum letzten Mal gesehen hatte, waren sie beide noch Schüler an der Stuttgarter John-Cranko-Schule gewesen. Friedemann Vogel gehörte zu den Kleinen, auf die man ein bisschen herabschaute, wenn sie im Ballettsaal trainierten oder auf den Fluren herumalberten. Aber schon damals sah der fünf Jahre ältere Thomas Lempertz sofort: „Der hat Talent.“

 

Friedemann Vogel ist ein Star des Stuttgarter Balletts

Karriere haben sie beide gemacht. Thomas Lempertz wurde als Wunderkind gehandelt, nachdem er steppend mit dem Stuttgarter Ballett im Musical „On your Toes“ aufgetreten war. Nach dem Studium holte Marcia Haydée ihn in die Stuttgarter Company, wo er zum Solisten aufstieg. Als er Friedemann Vogel nach Jahren am Staatstheater Stuttgart wiedertraf, war der noch ein Frischling im Corps de Ballet – und weit entfernt von all den Preisen und Auszeichnungen, mit denen Vogel im Lauf der Jahre überschüttet werden sollte: „Herausragender Tänzer“, „Bester Tänzer des Jahres“, „Bester internationaler Tänzer“. Von diesem Tag an ging es für Friedemann Vogel steil aufwärts. Bis heute ist er eine herausragende Persönlichkeit im Stuttgarter Ballett.

Irgendwann ist es dann einfach passiert

Es dauerte aber eine Weile, bis aus dem Wiedersehen zwischen Lempertz und dem Schlacks eine Liebe fürs Leben werden sollte. Sie hat jetzt 22 Jahre auf dem Buckel, 22 Jahre, in denen die beiden eigentlich alles miteinander geteilt haben. Zunächst teilten sie sich nur das Zimmer, wenn das Stuttgarter Ballett auf Tournee ging. Thomas Lempertz steckte noch in einer anderen Beziehung. „Und dann ist es passiert“, erzählt er, als habe es gar nicht anders kommen können, sich in diesen jungen Mann aus Tübingen, auf dessen Konfirmation er schon gewesen war, irgendwann zu verlieben. „Wir sind zusammen in alles reingewachsen“, meint Lempertz, „ich will fast sagen, es war ein sehr natürlicher Fluss.“

Im Ballett ist die Konkurrenz enorm

Ballettkompanien sind oft wie eine große Familie. Das intensive Training führt zwangsläufig dazu, dass man die meiste Zeit miteinander im Theater verbringt. Nicht nur die körperliche Nähe verbindet, es bleibt auch wenig Raum für anderes, weshalb es in Kompanien sehr viele Paare gibt.

Im Ballett pflegt man meist einen ausnehmend höflichen, kultivierten Umgang miteinander. Aber trotzdem muss man sich nichts vormachen: Die Konkurrenz ist enorm, und nicht jeder kann die Titelrolle tanzen. So musste Thomas Lempertz wie auch die anderen im Stuttgarter Ballett zuschauen, wie Friedemann Vogel an allen vorbeizog. Wie er Halbsolist, Solist, Erster Solist und vom Publikum gefeiert wurde. Er erhielt Einladungen an die großen Bühnen der Welt – Mailänder Scala, Staatsballett Berlin, National Ballet of China, Marijnsky Theater in Sankt Petersburg. Da war kollegialer Großmut gefragt – und es wird auch für Thomas Lempertz nicht immer einfach gewesen sein. Aber sie bedienten verschiedene Genres. „Und es war nicht so schlimm. Weil man gesehen hat, dass sein Talent einfach so wahnsinnig ist.“

Thomas Lempertz ist ein sonniges Gemüt, ein freundlicher Zeitgenosse mit Elan, der mit seinem Rad durch die Stuttgarter City von einem Termin zum nächsten flitzt, weil er meistens schnell wieder in sein Atelier kommen will. Er blickt mit einem guten Gefühl auf seine Zeit als Tänzer zurück: „Ich war immer sehr zufrieden“, sagt er, „ich war in vielen Stücken, und ich habe tolle Rollen gehabt.“

Trotzdem beendete er seine Tanzkarriere von heute auf morgen. Ihn hatte schon länger das Gefühl umgetrieben, dass es im Leben doch mehr geben muss als diesen ewigen Drill, die vorgegebenen Schritte, die Choreografien, innerhalb derer man perfekt funktionieren muss. Ihn beschlich zunehmend das Gefühl, auch kreativ sein zu wollen. Seitdem er 14 Jahre alt war, hatte er auf der Bühne gestanden – aber plötzlich, mitten in der Sommerpause 2003, wurde im klar: „Ich muss raus hier.“ Der Intendant Reid Anderson hatte Verständnis und bot ihm an, er könne jederzeit zurückkommen, wenn er es sich anders überlegt. Er wollte nicht. Heute ist Thomas Lempertz als Künstler und Bühnenbildner tätig, macht Performances und Skulpturen und bewegt sich immer an der Schnittstelle zwischen Körper, Objekt und Tanz. Er profitiert davon, dass Friedemann Vogel weiterhin im Ballett tätig ist und ihm das Schicksal erspart blieb, das viele Kollegen schmerzlich heimsucht: Wer die große Familie des Balletts verlässt, ist oft plötzlich sehr einsam.

Der Ballettkalender gibt den Takt vor

Im Haus Lempertz/Vogel gibt der Tanz weiterhin den Takt vor. „Wir leben den Ballettkalender“, sagt Thomas Lempertz, „Friedemann hat einen strikten Ablauf – und ich füge mich.“ Das heißt: Um 10.30 Uhr beginnt für Friedemann Vogel das Training, danach hat er bis 18.30 Uhr Proben, manchmal auch noch am Abend. Wenn dagegen eine Vorstellung auf dem Programm steht, ist am Nachmittag „eher Ruhe angesagt“. Stellt er ihm dann ein Mittagessen auf den Tisch? „Nein“, sagt Thomas Lempertz, „da gibt es eher ein Vesper.“

Die beiden machen fast alles gemeinsam

Denn wenn gekocht wird, kochen die beiden zusammen – so, wie sie eigentlich alles gemeinsam machen. Den neuen Schrank aufbauen. Die neuen Projekte vom Lempertz besprechen. Friedemann Vogel hat schon in Performances von Lempertz getanzt – und er stand auch selbstverständlich hinter dem Tresen, als Thomas Lempertz nach seinem Abschied vom Stuttgart Ballett von heute auf morgen ein Knopfgeschäft am Charlottenplatz übernahm. Es war ein perfekter Zufall, dass das „Goldknopf“ schließen sollte. Thomas Lempertz, der immer schon eine Passion für Stoffe und Mode hatte, übernahm den Laden kurzerhand. Und da Friedemann Vogel zu der Zeit verletzt war, bauten beide das Geschäft gemeinsam um.

Auch im „Goldknopf“ hatte er irgendwann genug von der Routine

„Wir ergänzen uns sehr und teilen unsere Interessen unheimlich gut“, meint Thomas Lempertz. Deshalb macht er „alles in Rücksprache“ mit seinem Partner. „Wir besprechen nonstop, was passiert, und sind ständig im Austausch über unsere Arbeit.“ Wobei Arbeit eigentlich der falsche Begriff ist, sowohl der Tanz als auch die Kunst sind für beide eher Identität und Lebenselixier. Als Thomas Lempertz begann, im „Goldknopf“ eigene Kollektionen zu kreieren, brummte der Laden immer mehr. Als es sich dann aber plötzlich mehr nach Routine und Fronarbeit anfühlte, gab er das Geschäft wieder auf und orientierte sich mal wieder neu – hin zu dem, was ihn heute ausmacht.

„In der Kunstwelt ist Tanz sehr hoch angesehen“, sagt Thomas Lempertz, was ihm bei seinen künstlerischen Projekten geholfen habe. „Und durch Friedemann habe ich auch nie den Kontakt zum Ballett und dem Staatstheater verloren.“ Selbstverständlich schaut er sich die neuen Produktionen an, in denen sein Freund tanzt – und gerät liebevoll ins Schwärmen. Dass Friedemann Vogel mit seinen 43 Jahren weiterhin körperliche Hochleistung erbringt, bewundert er unüberhörbar: „Er hat einen Körper vom lieben Gott bekommen, der für den Tanz gemacht ist.“

Dann schaut er bei Vorstellungen den Freund also immer nur bewundernd an? „Nee, nee. Ich bin schon auch kritisch“, sagt er. Kritisch und manchmal auch mit aufgeregt, wenn die schwierigen Momente auf der Bühne anstehen. „Es ist ja alles live. Eine Tänzerin rennt auf dich zu, und du musst sie sekundengenau hochheben. Es muss einfach klappen.“ Das intensiviere den Austausch, dass Thomas Lempertz sehr genau weiß, was der Freund da auf der Bühne leistet. „Ich denke heute oft: Wow, ist das brutal!“

Friedemann Vogel ist ausgleichend

Durch die vielen Gemeinsamkeiten sind die beiden eng zusammengewachsen. „Wir sind ein Paar, das niemanden braucht, weil wir uns so ergänzen und alles, was wir teilen wollen, gegenseitig teilen.“ Natürlich gibt es auch im Hause Lempertz/Vogel Knatsch. Er sei eher „der Emotionale“, sagt Thomas Lempertz. „Ich kann aufbrausen, streiten, fetzen.“ Dass die Fetzen trotzdem eher selten fliegen, liege an Friedemann. „Er ist niemand, der Streit sucht, sondern eher friedlich.“ Letztlich sei es auch der Tanz, der dafür sorgt, dass sie so harmonisch durchs Leben gehen können. „Bewegung ist das Beste, um sich auszupowern.“

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