Thomas Quasthoff in Stuttgart Hinter jeder Waffe steht ein Mensch
„Humanity in War“: der ehemalige Weltklassebariton Thomas Quasthoff und das Amatis-Trio bringen beim Auftritt in der Liederhalle Kriegsdokumente und Musik zusammen.
„Humanity in War“: der ehemalige Weltklassebariton Thomas Quasthoff und das Amatis-Trio bringen beim Auftritt in der Liederhalle Kriegsdokumente und Musik zusammen.
Hier ein Schützengraben, dort der andere. Dazwischen fünfzig Meter und zahlreiche Tote. Der erste große Krieg des letzten Jahrhunderts ist gerade ausgebrochen, und es ist Weihnachten. Zwei Divisionen entscheiden sich für etwas, das kaum zu glauben ist: Briten und Deutsche legen die Waffen nieder, gehen aufeinander zu, tauschen Tabak und Fotos, reden miteinander, singen Lieder mit- und füreinander. „Natürlich“, schreibt der englische Hauptmann John Armes an seine Frau, „fängt es morgen wieder an, und wir werden unser Möglichstes tun, um einander umzubringen.“
Thomas Quasthoff, der als Bariton Weltkarriere machte, ist heute nur noch mit seiner Jazz-Band und als Rezitator unterwegs. Am Donnerstagabend bringt er gemeinsam mit dem Amatis-Trio ein Programm in den Stuttgarter Mozartsaal, das unter die Haut geht: „Humanity in War“ verbindet Tagebuch-Eintragungen und Briefe von Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg mit Musik von Schubert und Schumann bis hin zu Anton Webern und Rebecca Clarke verbindet. Dass von den ausgewählten Stücken nie mehr als ein Satz zu hören ist, stört nur bei den zweiten Klaviertrios von Schubert und Schostakowitsch negativ ins Gewicht, die beide auf den jeweils zweiten Satz reduziert sind. Diese Sätze reagieren aber mit wehmütigem Gesang über marschartigem Klavier-Staccato (Schubert) und mit bedrohlichem Grimassieren (Schostakowitsch) unmittelbar und stark auf das Gelesene.
Überhaupt bildet die gesamte Musik auf sehr stimmige Weise Echo und Gegenpart zu Texten, die rau sind, direkt, naiv, erschütternd, berührend. Zwischen den Alltags-Dunkelheiten der Front gibt’s als kleinen, lustigen Lichtblick den Brief einer Frau, die um Fronturlaub für ihren Gatten bittet; ihre körperlichen Bedürfnisse blieben ohne diesen doch allzu unbefriedigt.
Vor dem Hintergrund der heutigen Kriege erschüttert die Nüchternheit der Dokumente. „Hinter jeder Waffe steht ein Mensch“, sagt Thomas Quasthoff. Und fordert: „Würde und Toleranz müssen auch unter Gegnern gelten.“ Das ist die Botschaft der Briefe und Notizen, der das Amatis-Trio mit Präzision und viel Gefühl Nachdruck verleiht. Dass sich der Pianist nicht immer optimal einbindet in die emotionale Hochspannungsleitung zwischen Violine und Cello, bemerkt man nur am Rande. Der Gesamteindruck des Abends ist stark. Am Ende mag das Publikum erst gar nicht zu klatschen beginnen – und würde danach am liebsten nicht mehr damit aufhören.