InterviewThomas Strobl im Interview „Da ist etwas bei der Integration schiefgelaufen“

Von Reiner Ruf 

Landesinnenminister Thomas Strobl plädiert für einen von türkischen Behörden unabhängigen Islam in den Moscheen in Baden-Württemberg.

„Die innertürkischen Konflikte dürfen nicht über die türkische Religionsbehörde in die Moscheen in Baden-Württemberg getragen werden“, sagt Thomas Strobl Foto: dpa
„Die innertürkischen Konflikte dürfen nicht über die türkische Religionsbehörde in die Moscheen in Baden-Württemberg getragen werden“, sagt Thomas Strobl Foto: dpa
Stuttgart – - Herr Strobl, viele türkischstämmige Bürger in Deutschland formieren sich nach dem gescheiterten Militärputsch in der Türkei zu einer Lobby für den Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Das war etwa bei der Kundgebung in Köln zu sehen, die sich als Meer von roten Flaggen mit Mondsichel und Stern darstellte. Wie beurteilen Sie dies?
Die Bilder von der Kölner Demonstration bereiten mir große Sorgen. Viele der Menschen, die dort für Erdogan demonstrierten, sind sicher in zweiter oder dritter Generation in Deutschland. Da ist bei der Integration etwas schiefgelaufen – sie haben schließlich für einen türkischen Präsidenten gejubelt, der über die Einführung der Todesstrafe nachdenkt.
Sie haben aber das Recht, für ihre politischen Überzeugungen zu demonstrieren.
Die Menschen, die Wurzeln in der Türkei haben, sollen gut integrierte Mitbürgerinnen und Mitbürger sein. Deren Präsident heißt Gauck, nicht Erdogan.
Kann man als Deutschtürke nicht für Erdogan sein und sich zugleich zum Grundgesetz bekennen?
Bei ganz vielen ist das sicher so: Sie schätzen und achten unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung, sie fühlen sich als Deutsche. Aber es sind offenbar zu viele, die nicht richtig hier angekommen sind. Es geht nicht darum, dass die Menschen ihre Wurzeln verleugnen: Sie können und sollen ihre Identität leben, aber sie sollen sich auch mit Deutschland identifizieren – jedenfalls, wenn sie deutsche Staatsbürger sind. Wir möchten ihnen dabei auch mehr helfen, als wir das in der Vergangenheit getan haben.
Sehen Sie Anlass, bei der Vergabe der doppelten Staatsbürgerschaft umzusteuern?
Bei der doppelten Staatsbürgerschaft gab es zu viele zu romantische Vorstellungen. Denn wahr ist: Die deutsche Staatsbürgerschaft muss am Ende eines Integrationsprozesses stehen, nicht am Anfang. Die doppelte Staatsbürgerschaft ist, wie man gerade jetzt sieht, in vielen Fällen problematisch – wenn man unser Wertefundament nicht teilt oder wenn man Probleme mit der Loyalität zu unserem Staat hat.
Wie stehen Sie zur Kritik an der türkischen Religionsbehörde?
Türkische Imame, die sich hier in Deutschland nicht verständigen können und auf Türkisch zentrale Botschaften der Regierung aus Ankara vertreten, sind überhaupt kein Beitrag zur Integration in die baden-württembergische Gesellschaft. Die innertürkischen Konflikte dürfen nicht über die türkische Religionsbehörde in die Moscheen in Baden-Württemberg getragen werden. Das ist absolut nicht zu akzeptieren. Wir bauen das Ausbildungsangebot für Islamwissenschaften an unseren Hochschulen weiter aus. An den Schulen soll sich ein regulärer islamischer Religionsunterricht entwickeln – mit Geistlichen und Lehrkräften, die in Deutschland ausgebildet wurden. Dann wissen wir, welche Inhalte an unseren Schulen unterrichtet werden. Dann werden auch mehr in Deutschland ausgebildete Imame in den Moscheen predigen. All das braucht seine Zeit – doch das ist unser Weg.




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