Thomas Thieme im Porträt Wie gemacht fürs Schurkenfach

Von Tilmann Gangloff 

Thomas Thieme ist eine Art Oliver Kahn des Theaters. Mit seiner Wucht verleiht er am Montag im ZDF dem Ex-Dorfpolizisten Gerhard Mühlfellner im Krimi „Mörderische Jagd“ Charakter.

Privatdetektiv Finn Zehender (Hinnerk Schönemann, li.) und sein Freund Mühlfellner (Thomas Thieme) werden von gefährlichen Gangstern bedroht. Foto: ZDF
Privatdetektiv Finn Zehender (Hinnerk Schönemann, li.) und sein Freund Mühlfellner (Thomas Thieme) werden von gefährlichen Gangstern bedroht. Foto: ZDF

Stuttgart - E s gibt Menschen, die ziehen einfach die Blicke auf sich. Nicht, weil sie besonders schön oder besonders groß sind, sondern weil sie Charisma haben. Der Schauspieler Thomas Thieme zum Beispiel ist offenbar eine Art Oliver Kahn der Bühnenwelt. Kollegen nennen ihn respektvoll „Theatertitan“ oder „Theatertier“, in Porträts und Kritiken wird der 64-Jährige als „sensibler Koloss“ bezeichnet und mit einem „atmenden Felsen“ verglichen. Auf die Frage, ob er damit etwas anfangen könne, schmunzelt Thieme bloß und versichert, er habe ein sehr sachliches Verhältnis zu allem, was über ihn gesagt und geschrieben werde.

Thieme, geboren in Weimar, doch schon Jahre vor dem Mauerfall in den Westen übergesiedelt, ist seit vier Jahrzehnten Schauspieler. In Kino- und Fernsehfilmen ist er jedoch erst seit rund 15 Jahren so richtig präsent. Er erklärt das so: „Vor dreißig Jahren war ich für die Figuren, für die ich offenbar determiniert bin, noch zu jung. Irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem sich Physis und Seele endlich im Einklang befunden haben.“

„Zum Glück neige ich nicht zu Hysterie“

In vielen Stasi- oder Nazigeschichten taucht er als Offizier auf, dessen Jovialität umso furchterregender wirkt, weil man stets die Abgründigkeit dahinter ahnt. Die meisten Kollegen wären kreuzunglücklich über solche Schubladen, er nicht: „Zum Glück neige ich nicht zu Hysterie. Natürlich könnte ich jetzt lang und breit versichern, dass ich nicht so ein furchtbarer Kerl bin wie viele der Typen, die ich verkörpere. Ich muss akzeptieren, dass ich anscheinend gute Voraussetzungen fürs Schurkenfach mitbringe.“

Natürlich hat Thieme allein aufgrund seiner imposanten Erscheinung auch auf der Bühne Schurken verkörpert; Richard III. zum Beispiel ist wahrlich kein sonderlich sympathischer Mensch. Aber im Theater, erklärt er, „hat man die Möglichkeit, solche Rollen differenziert darzustellen. Im Film hat man bei Hauptrollen gerade mal drei Wochen und bei Nebenfiguren bloß drei oder vier Tage. In dieser Zeit muss man die Situation erfassen und seinen Beitrag leisten. Das empfinde ich als Bestandteil meiner Arbeit. Und wenn die Rolle wieder mal ein Mann von der Gestapo oder der Stasi ist, dann ist das halt so.“

Seit einem Kopfschuss ist der Beamte völlig unberechenbar

Umso dankbarer ist Thieme vermutlich für das Potenzial der makabren Krimis von Holger Karsten Schmidt (Buch) und Markus Imboden (Regie). In „Mörderisches Wespennest“ spielte er erstmals den Dorfpolizisten Gerhard Mühlfellner. Zunächst war auch diese Figur eine ­typische Thieme-Rolle. Seit einem Kopfschuss aber ist der Beamte außer Dienst völlig unberechenbar: Mühlfellner wirkt wie ein schlummernder Vulkan, hat jedoch auch komische Momente und überrascht gelegentlich mit philosophischen Anwandlungen.

Eigentlich, erinnert sich Thieme, „sollte Mühlfellner im ersten Film sterben, aber dann haben Schmidt und Imboden die Figur offenbar lieb gewonnen. Durch die ­Kugel in seinem Kopf ist er etwas seltsam geworden, und allein diese Charakterisierung, ‚etwas seltsam‘, ist für einen Schauspieler eine tolle Voraussetzung. Ich spiele diesen seltsamen dicken Dorfpolizisten außer Dienst ungeheuer gern.“ Auch in der Actionkomödie „Mörderische Jagd“, in der es um Steuerhinterziehung und Erpressung geht und die das ZDF am Montag zeigt, hat Mühlfellner wieder einige große Szenen. Thieme schätzt vor allem die Schrägheit der Geschichten des in Ludwigsburg lebenden Autors Schmidt: „Der Humor der Filme hat etwas Englisches, er streift die Groteske, rutscht aber nie in den Klamauk ab. Schmidt trifft den Ton der Figuren.“ Nicht zu unterschätzen sei auch der Anteil von Imboden: „Das ist ein derart feinfühliger, auf sehr zurückgenommene Weise dominanter Regisseur, wie ich das selbst am Theater selten erlebt habe. Seine Arbeit ist der Schlüssel zum Erfolg dieser Filme.“

Viele Schauspieler betrachten das Theater als ihre eigentliche Bühne, Film und Fernsehen sind für sie nur Kunst zweiter Klasse. Das ist bei Thieme anders. Er hält schon den Vergleich für unzulässig: „Wenn man sieht, zu welchen Leistungen die wirklich großen Filmschauspieler fähig sind, wird die Behauptung, das Theater sei die wahre Kunst, ad absurdum geführt.“