Das genaue Geburtsdatum des heiligen Thomas von Aquin ist nicht bekannt, wir wissen nur, dass er um die Jahreswende 1224/25 auf der Burg Roccasecca nahe Aquino das Licht der Welt erblickte. Das Städtchen Aquino liegt in Latium, auf halber Strecke zwischen Rom und Neapel, unweit des benediktinischen Klosters Monte Cassino. Dorthin wurde Thomas als Nachgeborener eines zum Hofadel Friedrichs II. von Hohenstaufen zählenden Grafen gegeben. Er kam in die Obhut eines Onkels, der dem Kloster als Abt vorstand. Von 1239 bis 1244 studierte der junge Mann an der Universität Neapel, der ersten „staatlichen“ Universität. Sie war von Friedrich II. gegründet worden, einem Herrscher, der seiner als „modern“ erscheinenden Persönlichkeit wegen als „Stupor mundi“, als Staunen der Welt, in der Erinnerung blieb.
In Neapel hatte Thomas Zugriff auf die Schriften des Aristoteles, die erst zu jener Zeit über arabische Gelehrte nach Europa einsickerten. Die islamische Kultur war der abendländischen bis ins Hochmittelalter hinein voraus; sie brachte bedeutende Denker hervor wie den persischen Arzt und Philosophen Avicenna (980 bis 1037) oder den in Córdoba geborenen Averroes (1126 bis 1198), einen berühmten Aristoteles-Kommentator. Thomas schloss sich zum Entsetzen seiner Familie den Dominikanern an, dem erst 1215 gegründeten Predigerorden, der – wie auch die Franziskaner – der Armut verpflichtet war. Der Familie passte diese Entscheidung, weil nicht standesgemäß, ganz und gar nicht.
Thomas erwies sich als aufgeweckter Junge. Sein Orden schickte ihn an die Universität Paris, der damals wichtigsten Stätte für die Ausbildung von Theologen. Dort traf er auf Albertus Magnus, einem aus dem schwäbischen Adel stammenden Universalgelehrten, der den aufstrebenden Studenten unter seine Fittiche nahm. Albert weihte, das nur nebenbei, 1268 das heutige Münster St. Paul in Esslingen, das als Dominikanerkirche erbaut worden war. Die beiden Theologen, Albert und Thomas, gingen nach Köln, wo sie 1248 die Grundsteinlegung des neuen Doms erlebten. Später kehrte Thomas nach Paris zurück und avancierte 1256 zum Professor. Bald schon fand man ihn wieder in Italien, wo er Ordenshochschulen aufbaute: in Orvieto, Viterbo und Rom. Danach folgten erneut Paris und Neapel. 1274 starb Thomas, keine 50 Jahre alt, auf dem Weg zum Zweiten Konzil von Lyon im Kloster Fossanova in Latium. Bereits 1323 wurde er heiliggesprochen, nicht wegen vermeintlicher Wunderkräfte, sondern seiner Gelehrsamkeit wegen, die in ihrer Fülle einem Wunder gleichkam.
Er hinterließ ein gewaltiges Werk, darunter die „Summa theologiae“ und die „Summa contra gentiles“ (Gentiles = Heiden). Mehr als 25 000 Seiten hat er hinterlassen. 15 000 Kilometer, so hat man errechnet, legte der Denker im Auftrag seines Ordens zurück, alles zu Fuß. Es war das Leben eines Ordensmanns und Intellektuellen im 13. Jahrhundert. Thomas bewegte sich in einem neuen Koordinatenfeld, zu dessen Bezugspunkten die Universitäten zählten. Im Frühmittelalter waren es die Klöster gewesen, welche Bildung, überhaupt Schriftlichkeit in roher Zeit bewahrt hatten. Später übernahmen dies die Kathedralschulen in den heranwachsenden Städten. Dort entwickelte sich im Spannungsfeld zwischen Kirchendoktrin und freiem Denken ein intellektuelles Klima, das sich nicht immer an die Grenzen hielt, welche der imperative Wahrheitsanspruch einer machtbewussten Kirche setzte.
Engel auf der Nadelspitze
Die erste Universität des Abendlandes, Bologna, war als Stätte der Rechtskunde gegründet worden. Der monumentale Konflikt zwischen Kaisertum und Papsttum um die Vorherrschaft schuf auf beiden Seiten eine steigende Nachfrage nach Juristen, welche die jeweiligen Machtpositionen formulieren und rechtlich absichern sollten. Der päpstlichen Verwaltung strömten die Juristen aus Bologna zu, Friedrich II. zog sie in Neapel heran. Kirche und weltliche Herrschaft entflochten sich. Die Rezeption des Aristoteles mündete in eine frühe Wissenschaftlichkeit. Der Historiker Johannes Fried schreibt: „Ein Denkstil breitete sich aus, der ohne Zauber und ohne Gott auskam.“ Fried spricht von einer Säkularisation des Geistes.
Die Scholastik wird gern lächerlich gemacht. Man bekommt eifernde Kleingeister vor Augen gestellt, die sich Fragen stellten wie diese: Wie viele Engel finden auf der Spitze einer Nadel Platz? Christian Morgenstern (1871 bis 1914) gab in seinem Spottgedicht „Scholastikerprobleme“ eine Antwort: „Keiner – Denn die nie Erspähten / können einzig nehmen Platz / auf geistlichen Lokalitäten.“ Klar, Engel sind immateriell. Andererseits trat der Erzengel Gabriel nach dem „Bericht“ des Evangelisten Lukas sichtbar vor Maria, als er ihr die Geburt eines Sohnes offenbarte. Letztlich berührt das Thema den Leib-Seele-Dualismus, das Verhältnis des Geistes zur Materie. Platon zum Beispiel denkt sich die Welt der Ideen ganz getrennt von Körperlichkeit. Aristoteles hingegen postulierte: Es gibt kein Denken ohne Körper.
Thomas von Aquin repräsentiert geradezu idealtypisch die Methodik des scholastischen Denkens. Er stellte eine Position dar, beleuchtete die Gegenposition – und zog seine eigenen Schlüsse daraus. Viele Debatten unserer Tage könnten aus diesem dialektischen Vorgehen Gewinn schöpfen.
In Thomas von Aquin kommt eine Denkbewegung zu ihrem Höhepunkt, die Glaube und Vernunft nicht als Gegensätze versteht, sondern als komplementäre Elemente eines Wahrheit stiftenden Weltbildes. Sie brauchen einander nicht zwingend. Der Gottesglaube lässt sich auch allein aus der göttlichen Offenbarung herleiten, wie sie sich in der Heiligen Schrift mitteilt. Dies ist der Weg der Gotteserkenntnis, den Thomas den einfacheren Gemütern zuweist – oder jedenfalls jenen, die in der Handhabung philosophischer Begrifflichkeiten nicht geübt sind. Die Existenz Gottes – nicht sein Wesen, das kein Mensch vollständig erfasst – lässt sich indes nach seinem Dafürhalten mit Vernunftgründen nachweisen. Thomas hat dies an verschiedenen Orten seiner Schriften versucht, vor allem in seinen Hauptwerken, der „Summa theologiae“ und der „Summa contra Gentiles“.
Schon im Paulus-Brief an die Römer findet sich der Hinweis, „Gottes unsichtbares Wesen, seine ewige Macht und Göttlichkeit“ seien „seit Erschaffung der Welt an seinen Werken durch die Vernunft zu erkennen“. Derselbe Paulus allerdings formuliert im Korintherbrief die bloß rhetorisch gemeinte Frage: „Hat Gott nicht die Weisheit der Welt als Torheit entlarvt?“ Einerseits die Bejahung der menschlichen Erkenntnisfähigkeit, andererseits deren Verneinung: zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die theologisch-philosophische Diskussion seit dem Eintritt der christlichen Offenbarungsreligion in die griechisch-römische Kultur – jene Kultur, die eine Vielfalt von Religionen und eine Philosophie auf hohem Abstraktionsniveau auszeichnete – die Welt von Platon und Aristoteles.
Vom Versuch, die Existenz Gottes zu beweisen
In dieser Welt des „vernünftelnden“ Denkens musste sich der sehr konkrete und auch ziemlich hemdsärmelige, sogar blutdürstige Gott Abrahams und Isaaks erst bewähren. Als Paulus in Athen vor dem Areopag auftrat, wurde er, so berichtet die Apostelgeschichte, von den epikureischen und stoischen Philosophen als Schwätzer und Märchenerzähler verlacht. Seither gilt das christliche Philosophieren dem Nachweis, dass es nicht wider die Vernunft ist, an Gott zu glauben: kein Hokuspokus, sondern eine seriöse Angelegenheit.
An einem Beispiel sei dies kursorisch demonstriert: Unter anderem in der „Summa theologiae“ führt Thomas fünf Gottesbeweise an, von denen sich zumal der erste direkt auf Aristoteles und dessen These vom ersten unbewegten Beweger zurückführen lässt. Thomas nimmt wahr, „dass manches in der Welt der Bewegung unterliegt“. Jede Bewegung (das Wort ist weit zu fassen im Sinne von Veränderung) müsse aber von etwas anderem angestoßen werden. Diese Reihe lasse sich beliebig verlängern, aber nicht ins Unendliche. „Notwendigerweise also muss folgerichtig eine erstbewegende Kraft angenommen werden, die selber völlig unbeweglich ist und sonach keiner anderen bewegenden Kraft bedarf; diese aber ist nach dem Geständnis aller Gott.“
Die Kerze und die Sonne
Der Rekurs auf die Vernunft war nicht selbstverständlich. Der Kirchenlehrer Petrus Damiani (gestorben 1072) nannte die Philosophie eine Erfindung des Teufels. Nur die heilige Einfalt führe zu Gott. Vor Gott ende alles Forschen und Erkennen. Damiani findet dafür ein schönes Bild: Man zünde ja auch keine Kerze an, um die Sonne zu erkennen.
Thomas von Aquin aber schrieb und lehrte über die ganze Breite des damaligen Weltwissens hinweg: über Himmel und Hölle, über den gerechten Krieg oder das richtige Leben. Die Frauen betrachtete er als Missgriff der Natur, „eine Art misslungener Mann“. Auch große Geister produzieren Unsinn. Dennoch: Die Scholastik hat nach einem Wort des Theologen Jörg Lauster „das Christentum zu einer denkenden Religion gemacht“. Thomas von Aquin aber war der „Fürst unter den Scholastikern“, wie Papst Leo XIII. 1879 schrieb.