Stuttgart - Mitten in der Stadt findet ein Aufbruch in eine neue Ära statt; mitten in der Stadt spielt die Musik. In Zeiten, in denen klassische Konzerte nicht mehr automatisch große Säle füllen, in denen die emotionale Nähe zu auratischen Künstlern oft wichtiger zu sein scheint als die Strahlkraft großer Komponisten und Werke, rücken Musiker dem Publikum auf die Pelle. Das tut jetzt auch das Stuttgarter Kammerorchester, indem es seine „Sternstunden“-Reihe programmatisch verändert und ins Stadtpalais verlagert hat. Dort stehen die Musiker in der Mitte, von drei Seiten umgeben von Besuchern, dort spielen sie zwei Werke des klassisch-romantischen bis modernen Repertoires, und zwischen diesen ist dem Abend eine kleine Brechung einkomponiert. Beethovens Streichquartett op. 95 in einer Fassung für Streichorchester und Richard Strauss’ „Metamorphosen“ für 23 Solostreicher werden bei der ersten „Sternstunde“ getrennt von freundlichem Trio-Jazz. Die vielleicht allerwichtigste Neuerung liegt allerdings wohl in einer Personalie: Das Stuttgarter Kammerorchester hat einen neuen, seinen fünften Chefdirigenten.
Thomas Zehetmair heißt der Mann, der den stets konzilianten, rhetorisch brillanten Ostwestfalen Matthias Foremny beerbt. Dieser hat gemeinsam mit den Intendanten Wolfgang Laubichler und Markus Korselt den Generationswechsel beim Kammerorchester begleitet und das Ensemble aus den teils schwierigen Zeiten unter Michael Hofstetter in solide Fahrwasser zurückgeführt. Nun kommt ein Mann aus Salzburg: ein Musiker durch und durch, ein demnächst 58-jähriger Geiger, der sich als Solist wie als Kammermusiker (unter anderem mit seinem Zehetmair-Quartett) bei zahllosen Live-Konzerten wie mit etlichen CD-Aufnahmen international einen guten Ruf erworben hat. Seit gut zwei Jahrzehnten steht Zehetmair außerdem immer mehr am Dirigentenpult. Fest war er lange der britischen Northern Sinfonia als Chef verbunden, seit drei Jahren leitet er das Musikkollegium Winterthur, und auch dabei ist sein Repertoire sehr breit, reicht vom Barock bis zu Zeitgenössischem.
Ein Kollektiv aus lauter Individuen
Das Foyer des Stadtpalais ist akustisch nicht schlecht, atmosphärisch ein bisschen nüchtern, aber das passt ganz gut zu dem schlaksigen, leicht spröden, ja durchaus ein wenig scheuen Österreicher. Bei Beethovens op. 95 treibt Thomas Zehetmair das Tempo der Streicher derart voran, dass sie an Grenzen gerieten, wären sie nicht so gut. Und bei Strauss’ „Metamorphosen“ kitzelt er die Solisten aus der Klangfläche, dem Kollektiv in einer Weise heraus, wie das vielleicht nur einer kann, der selbst ein Streicher ist. Unfallfreiheit ist dabei nicht das erste Ziel – auch den Geiger Zehetmair kennt man als einen, der um struktureller Klarheit und um der Unmittelbarkeit des Ausdrucks willen Risiken gerne in Kauf nimmt –, aber sie wird bei der Stadtpalais-Premiere des Stuttgarter Kammerorchesters nahezu erreicht. Dem neuen Chef am Pult mag es, das spürt man sofort und sehr unmittelbar, zwar auch um (klangliche) Schönheit gehen, aber diese Schönheit definiert sich anders. Sie ist das Ergebnis eines Arbeitsprozesses, der Einzellinien zusammensetzt, und einer sehr direkten Auseinandersetzung mit der Musik.
Was genau das bedeutet? In einem kurzen Gespräch nach dem Konzert braucht Thomas Zehetmair ein bisschen Zeit, bis er sich auch im verbalen Dialog mit dem Gegenüber eingerichtet hat. Seine „ganze Energie, Erfahrung und Emotion“, so beantwortet er zunächst etwas pauschal die Frage nach den Dingen, die er vor allem dem Orchester geben wolle. Mit welchen Stücken, welchem Repertoire? „Es kommen auch viele Anregungen vom Orchester, da bin ich sehr offen.“ Viel Mozart wird es jedenfalls geben, nächste Saison auch mit dem von ihm hoch geschätzten Pianisten Pierre-Laurent Aimard, außerdem Bearbeitungen von Kammermusik und, natürlich, moderne und zeitgenössische Werke wie zum Beispiel György Ligetis mit Viertelton-Reibungen spielende „Ramifications“, die beim Antrittskonzert des neuen Chefs am Sonntag zwischen einem „verrückten Stück“ des Barock-Komponisten Jean-Féry Rebel („Les Eléments“) und jener Haffner-Serenade stehen, die eigentlich eine Gelegenheitskomposition Mozarts war und dennoch ein hochvirtuoses Werk ist. Hier wird Zehetmair auch die anspruchsvollen Violinsoli spielen. Das tut er ohnehin gerne.
„Ich bin halt eher der subjektive Musiker“
Wie er’s mit der historisch informierten Aufführungspraxis hält? Thomas Zehetmair hat auch Barockgeige gespielt, „Nikolaus Harnoncourt“, sagt er, „war gewissermaßen mein Lehrer“. Aber in Konzerten arbeite er heute dann doch lieber „mit dem, was mir täglich vertraut ist“. Im übrigen möge er Regeln vor allem dann, wenn sie die Fantasie anregten. „Ich bin“, ergänzt er, „halt eher der subjektive Musiker.“
Das sagt der neue Chef am Pult des Kammerorchesters aber erst, als er sich verbal ein wenig freigeschwommen hat. Ein wenig Scheu und Zurückhaltung bleibt aber immer. Bezeichnend ist etwa seine Entgegnung auf die Bemerkung, dass das Orchester ihn spürbar positiv aufgenommen habe: „Ja“, lautet sie, „wir haben schon intensiv gearbeitet.“ Eigentlich ist das grundsympathisch: Da ist einer, der einfach gut musizieren will, und das ganz ohne Chichi und (Selbstvermarktungs-)Strategie. Gefragt, wie viel Einfluss er etwa auf die Auswahl von Gastdirigenten und Solisten nehme, antwortet Zehetmair: „Ich bin keiner, der alles kontrollieren will.“ Und überhaupt: „Offenheit ist meine Richtung.“ Damit meint er die Programmgestaltung ebenso wie seine Tätigkeit am Pult. Das Dirigieren selbst sei eine „Mischung aus Input und Laufenlassen“, und: „Als Chef muss man die Zügel in der Hand halten, aber die Musik machen die Musiker.“
Sagt’s, nimmt seinen Blumenstrauß, nickt den Musikern, die an der Bar noch mit Besuchern und miteinander lachen und reden, kurz zu und verschwindet ins frühherbstliche Dunkel.
Antrittskonzert: So, 29. September, 20 Uhr, Beethovensaal. Werke von Rebel, Ligeti und Mozart