Am ersten Tag kamen 25 Jugendliche, dann wurden es weniger
Angeleitet hat den Workshop Max Frank (40), eine in der Szene bekannte Graffitigröße, gebürtiger Sindelfinger studierter Sozialarbeiter, der als Jugendreferent bei der Stadtverwaltung in Weil der Stadt angestellt ist. Von Mittwoch bis Freitag haben Jugendliche vor den Augen Max Franks die Spraydose in die Hand nehmen und sich an zwei Wänden verewigen dürfen. „Der Auftrag von Stadt und City-Marketing bestand darin, passend zur Tiefgarage, etwas zum Thema ‚Mobilität’ zu kreieren. Deshalb haben wir neben dem Auto, einer Dame mit Gehhilfe, einem Rollstuhlfahrer auch ein Fahrrad und den Slogan ‚On the Move’ – deutsch ‚in Bewegung’ auf die Wand gebracht“, erklärt Max Frank.
Mit der Anzahl der Interessenten an den drei Workshoptagen waren Frank und seine Graffitikollegen zufrieden: „Am ersten Tag kamen 25 Jugendliche. Das ist eine große Zahl. Es hat uns gezeigt, dass es gerade bei Jugendlichen ein Interesse für diese Form der Subkultur gibt, neben dem mit Graffiti verwandten Hip-Hop oder Breakdance. Zwar hat nicht jeder das Durchhaltevermögen, das an drei Tagen nacheinander zu machen, trotzdem freuen wir uns über jeden, der vorbeigeschaut und mitgemacht hat.“
Graffiti verlangt viele verschiedene Fertigkeiten
Einer derer, die sich schon ziemlich eigenständig mit Dose und Pinsel bewegen können, ist Max. Der 14-Jährige braucht keine Erklärungen mehr von Mentor und Namensvetter Max Frank. „Max ist ein Talent. Es ist toll, dass er sich hier ausprobieren und seine Stärken, das Malen, umsetzen kann“, findet Max Frank. Während der Mentor voll des Lobes ist, konzentriert sich der Schüler Max auf die realitätsgetreue Darstellung einer grau-schwarz-getigerten Katze. Im Gegensatz zu Schriftzügen oder großflächigen Malereien erfordert das Malen dort ein Auge für das Filigrane. „Die Konturen habe ich gesprayt, die Gesichtszüge zum Beispiel sind mit einem Pinsel ausgemalt“, sagt er.
Wie das andere halbe Dutzend Mitstreiter, das am Freitagmittag in der Marktplatz-Tiefgarage mitmacht, schätzt er die Gelegenheit unter Anleitung und nach Auftrag künstlerisch Hand anlegen zu dürfen. Denn die Möglichkeiten, im öffentlichen Raum Graffiti zu betreiben, sind rar.„Das ist schade. Es handelt sich hierbei um eine Kunstform und für Jugendliche bietet es eine der wenigen Chancen im öffentlichen Raum, sich ausdrücken zu dürfen. Nicht umsonst sind Graffiti-Workshops Teil der Jugendarbeit“, sagt Max Frank.
„Wenn Jugendliche Fußball spielen wollen, können sie in einen Verein eintreten, der wiederum gefördert ist. Graffitivereine finden sich keine, weil es oft noch abgetan wird als Schmiererei. Hier wären Strukturen und Angebote wichtig. Auch deswegen greift so mancher zur Spraydose und sprüht illegal“, bemängelt der Pädagoge und führt weiter aus: „Legal Graffiti zu sprühen ist auch eine Form der Jugendbeteiligung. Diese muss sich nicht immer nur auf die Integration in kommunalpolitische Prozesse beschränken. Graffiti ermöglicht es jungen Menschen den öffentlichen Raum mitzugestalten, in dem sie leben und noch lange leben werden.“
Graffitikunst ist Beteiligungsform für Jugendliche
Über viele Jahrzehnte hätten andere, heute ältere Generationen bestimmt, wie der öffentliche Raum aussieht, sagt er. Wandmalereien oder kreative Schriftzüge seien nach Meinung des Künstlers optisch schöner einzustufen, als das „typisch deutsche Asphaltgrau“, das es landauf landab zu sehen gebe. Mit Graffiti-Aufträgen, sei es für Schallschutzwände oder Autobahnbrücken, könnten Stadtverwaltungen zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Einerseits jungen Menschen unter Anleitung Gestaltungsraum gewähren und andererseits betonfarbene Wände bunt bearbeiten. „Das wäre eine Win-Win-Situation“, ist Frank überzeugt.
Der 40-Jährige muss es eigentlich wissen. Seit er 15 Jahre alt ist, greift er zur Sprühdose. Nicht nur im Kreis Böblingen hat sich Frank bereits verewigt, erst kürzlich hat er in New York City, der Wiege des Graffitis, mit anderen Größen zusammen gearbeitet. Dieser eine Traum ist schon in Erfüllung gegangen ist, einen weiteren Wunsch hegt Frank noch: „Ich würde gerne hier in Sindelfingen am Mercedes-Benz-Werk künstlerisch die Evolution der S-Klasse darstellen.“ Damit hätte er auch eine ständige Präsenz in seiner Heimatstadt. Die Wände in der Tiefgarage, auf denen Frank und Co gesprüht haben, könnten in zwei Jahren nämlich den Sanierungsarbeiten zum Opfer fallen.