Tierdressur im Zirkus Alessio Kleiner Zirkus, große Sorgen

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Der noch junge Zirkus Alessio gastiert gerade in Rudersberg. Mit dabei sind 50 Tiere. Seine 31-jährige Chefin kann sich eine Manege ohne Tierdressur nicht vorstellen – und würde sogar strengere Auflagen in Kauf nehmen.

Tina Quaiser mit Schakal, einem der drei Kamele. Foto: Gottfried Stoppel
Tina Quaiser mit Schakal, einem der drei Kamele. Foto: Gottfried Stoppel

Rudersberg - Während die menschlichen Mitglieder des Zirkus Alessio auf der durchweichten Wiese so einige Mühe mit dem Zeltaufbau haben, zeigen sich die tierischen Darsteller reichlich unbeeindruckt von dem Nieselregen. Bison Taurus liegt entspannt im Grün, auch die Kamele und Dromedare stapfen an dem grauen Novembermorgen unverdrossen über ihre Weide.

Mit rund 50 Tieren zieht der noch junge Familienbetrieb vor allem durch Baden-Württemberg und Bayern, derzeit gastiert der Zirkus in Rudersberg. Geführt – „zumindest auf dem Papier, weil wir alle zusammenarbeiten“ – wird er von Tina Quaiser. Die 31-Jährige stand vor gut zwei Jahren mit ihrem Verlobten André Kaiser vor der Entscheidung: Im Zirkus seiner Familie bleiben, was Eigenes aufziehen – oder gar etwas ganz anderes machen? „Ich habe schon auf dem Weihnachtsmarkt oder im Getränkehandel gearbeitet, aber das ist einfach nicht dasselbe“, sagt die Artistin, die seit dem sechsten Lebensjahr mit Hula-Hoops auftritt. Zumindest nicht, wenn man wie sie Sägespäne im Blut habe.

Glanz und Glitter in der Manege – Schweiß und Tränen hinter den Kulissen

Tina Quaiser stammt aus einer alten und traditionsreichen Zirkusfamilie, genauso wie André Kaiser. Und deswegen wagten sie dann doch den Sprung in die Selbstständigkeit. Tina Quaiser steht nicht nur in der Manege, sondern regelt auch Ton und Licht, fährt Reklame aus, macht Behördengänge, kümmert sich um die Tiere – und vieles mehr. Unterstützt wird die junge Familie von ihrer Mutter und ihrer Cousine samt Kindern.

„Die Zuschauer sehen Scheinwerferlicht und Glitzerkleider. Aber so sieht Zirkus nur für anderthalb Stunden aus“, sagt Tina Quaiser, die es aber nicht anders haben möchte, selbst „wenn es gerade eine schwierige Zeit ist“. Damit meint sie nicht die Tatsache, dass die als nächstes angepeilte Wiese in Schorndorf unter Wasser steht. Oder dass der Zirkus immer noch auf den Kosten für einen neuen Tiertransporter sitzt, weil das Vorgängergefährt bei Sturm Eberhard von einem umgestürzten Baum zerstört wurde.

Ein Programm ohne Tierdressur kann sie sich nicht vorstellen

Nein, es gibt andere Herausforderungen für die junge Familie, die ihren Betrieb nach dem kleinen Sohn Alessio benannt hat. „Wäre ja cool, wenn er einmal sagen könnte: Zirkus Alessio präsentiert von Alessio“, sagt Tina Quaiser. Ob es einmal soweit kommt, daran zweifelt sie manchmal. Denn für sie gehören zum Zirkus nicht nur die Clowns, die Feuerspucker und Akrobaten – sondern auch ihre Tiere: „Wir hatten früher Elefanten. Wir sind schon mit Antilopen und Kängurus aufgetreten“, sagt sie, die sich ein Programm ohne Tierdressur nicht vorstellen kann. Zurzeit gehören neben den bereits genannten Tieren unter anderem Hasen, Pferde, Lamas, Nandus, Wasserbüffel und ein Watussi-Rind zur Zirkusfamilie.

„Wir sind schon oft als Tierquäler beschimpft worden“, sagt und berichtet von beschmierten Wagen und durchgeschnittenen Weidezäunen. Dabei, und das betont Tina Quaiser immer wieder, würden ihr und ihrem Partner das Wohl der Tiere besonders am Herzen liegen. „Wir leben miteinander, bis sie ihre Augen zu machen“, sagt sie und erzählt von der 16-jährigen und lautstark bellenden Pudeldame, die schon lange nicht mehr auftritt und trotzdem noch zur Truppe gehört.

Kamele, Dromedare, Wasserbüffel und ein Watussi-Rind

Apropos Hunde: ihre Showeinlage bekommen die Zirkusbesucher derzeit nicht zu sehen – „zwei Hündinnen sind in Mutterschaftsurlaub. Sie sollen lieber bei ihren Welpen bleiben“, erzählt sie. Auch zu vielen der exotischen Tieren gibt es eine enge Beziehung. Bison Taurus sollte eigentlich zu Wurst verarbeitet werden, weil er so klein war. „André hat ihn hochgepäppelt und nur deswegen kann er mit ihm arbeiten“, erzählt sie. Die meisten der drei Kamele und drei Dromedare seien im Zirkus auf die Welt gekommen und ihr Partner sei immer dabei gewesen.

Mit ihnen wird gerade eine neue Nummern einstudiert: „Mit Futter, Geduld und unendlich viel Zeit“, sagt Tina Quaiser, die ihre Tiere genau beobachtet: „Ich habe eine Hündin, die ständig auf die Hinterbeine steht. Oder es gibt ein Kamel, das sich oft hinlegt. Und so weiß man, wer was vermutlich gut kann.“ Weil es sich beim Zirkus Alessio um einen kleinen Betrieb handelt, kommen die Tiere über einen abgesteckten Weg allein zu ihrer Nummer in die Manege: „Die wissen, wo sie hinmüssen und danach gehen sie wieder.“

Die Zirkusdirektorin kann sich sogar strengere Auflagen vorstellen

Die gesetzlichen Auflagen würden sie mehr als erfüllen, „das ist alles schriftlich festgehalten. Und wegen mir könnte man die Auflagen noch strenger machen, noch größere Weiden vorschreiben. Hauptsache, die Tiere können im Zirkus bleiben“, sagt sie. Jederzeit sei sie offen für Gespräche oder Besuche: „Wir haben nichts zu verbergen.“

Vorführungen: Der Zirkus Alessio gastiert bis Sonntag, 10. November 2019, am Sportplatzweg in Rudersberg-Schlechtbach. Vorführung ist immer um 16 Uhr, am Sonntag um 14 Uhr. Telefonisch ist der Zirkus erreichbar unter 01 52/07 97 34 99.