Tiere im Kreis Böblingen Wenn Silvesterknaller zu Todesängsten führen

Besonders Hunde leiden unter der Silvester-Böllerei. Zuhause suchen sie sich einen sicheren Unterschlupf. Foto: dpa-tmn/Archiv

Während viele Menschen an Raketen und Böllern ihren Spaß haben, erleiden Tiere Todesängste. Eine Holzgerlinger Tierärztin weiß Rat, wie Haustiere die leidvollen Tage überstehen können.

Böblingen: Martin Dudenhöffer (dud)

Mehr als zwei Millionen Menschen haben die Petition „Bundesweites Böllerverbot, jetzt!“ zum Verbot privater Silvesterböllerei unterschrieben. Die Petition liegt nun beim Vorsitzenden der Innenministerpräsidentenkonferenz – Ausgang offen. Wenn Tiere unterschreiben könnten, hätten auch sie es getan, denn sie leiden mit am meisten darunter, wenn es überall plötzlich ohrenbetäubend knallt.

 

Ob Hund, Katze oder Hasen – auch im Kreis Böblingen werden viele Haustiere die Tage vor und nach sowie die Silvesternacht selbst als Spießrutenlauf erleben. Einige von ihnen landen in Tierarztpraxen wie jener von Lena Schwab in Holzgerlingen. „Vor Silvester sehen wir täglich besorgte Tierhalter, die einige angsterfüllte Jahreswechsel durchgemacht haben vorbereitet sein wollen. Besonders problematisch ist – neben der Silvesternacht selbst – auch die unvorhersehbare Böllerei an den Tagen davor und danach“, erklärt Schwab.

Hunde entwickeln teils starke körperliche Symptome

Die Veterinärmedizinerin beobachtet seit Jahren Panik bei vielen Tieren: „Viele reagieren mit starker Angst: Sie verkriechen sich, fressen oder trinken nicht mehr, zittern oder koten sich ein.“ Bei vielen bleibt es nicht nur bei psychosomatischen Reaktionen, durch das Zünden von Böllern draußen kann es gerade für Hunde zu gefährlichen Situationen kommen, so die Tierärztin: „Hunde geraten beim Gassigehen teils in Panik, können sich losreißen und werden schlimmstenfalls bei der kopflosen Flucht verletzt.“ Gerade das Flüchten über befahrene Straßen birgt für Hunde das Risiko eines tödlichen Unfalls.

Für Hundehalter mit solchen Problemen rät Lena Schwab, sich gut auf die Silvestertage vorzubereiten: „Hunde sollten tagsüber mehrfach ausgeführt werden, sodass abends nur noch kurze Wege nötig sind. Während der Knallerei sollten sie im Haus bleiben und nicht alleine gelassen werden. Musik oder Fernseher sowie geschlossene Fenster und Rollläden können helfen, Außengeräusche zu reduzieren.“

Es gibt geschützte Rückzugsorte in der Region

Auch Beschäftigungen wie Leckmatten oder Schnüffelteppiche lenken Hunde ab. Die Erfahrung zeigt aber auch: Manchmal helfen nur Medikamente. „In schweren Fällen ist medikamentöse Unterstützung notwendig, teilweise mit angstlösenden oder sedierenden Medikamenten. Bei vielen reichen jedoch pflanzliche Beruhigungspräparate“, sagt Schwab. Eine weitere Option ist, über den Jahreswechsel in ruhigere Gegenden zu fahren – zum Beispiel in Naturschutzgebiete wie im Schwarzwald oder den Stuttgarter Flughafen. In den vergangenen Jahren ist das Airportgebäude zum sicheren Hafen für vor allem Hundebesitzer geworden – auch wenn sich in der Theorie nur Menschen mit gültigem Flugticket dort aufhalten dürfen. In der unmittelbaren Umgebung ist es durch Feuerwerksbeschränkungen deutlich ruhiger. Und zwei Flughafenhotels – das Wyndham und das Mövenpick – heißen Tierhalter in der Silvesternacht ausdrücklich willkommen. Immer mehr Hundebesitzer aus dem Raum Stuttgart nehmen das Angebot wahr.

Auch für die Tierheime stellt Silvester eine große Herausforderung dar. Im Kreistierheim Böblingen, das neben Hunden und Katzen auch Kaninchen, Vögel, oder Schildkröten beherbergt, gibt es neben tierärztlicher Betreuung ganz konkrete Pläne, ängstlichen Tieren bei Seite zu stehen. „An Silvester treffen sich bei uns treffen Gassigeher und Pfleger, um für die Tiere da zu sein und Trost zu spenden“, erklärt Mitarbeiterin Viktoria Gabriel. Fest darauf einstellen, wie sich welches Tier verhält, könne man nicht, so Gabriel: „Wir wissen nicht, wie gerade unsere neuen Tiere auf das Geböller reagieren.“

Nicht nur für Haustiere, sondern auch für Wildtiere beginnen leidvolle Tage. Wie der Deutsche Tierschutzbund auf seiner Website erläutert, schrecken Vögel durch die Knallgeräusche und Lichtblitze auf und fliegen vermehrt umher. Viele prallen gegen Häuserwände und verenden. Tiere im Winterschlaf wie Igel oder Fledermäuse können durch den Lärm aufwachen und in Gefahr geraten, wenn ihr Stoffwechsel plötzlich wieder hochfährt. Rehe, Wildschweine und Füchse laufen teils in Panik auf Straßen oder in Zäune – mit teils tödlichem Ausgang.

Angst und Schrecken auch bei Wildtieren

Lena Schwab kann Silvester trotz des Leids ihrer tierischen Patienten durchaus auch etwas abgewinnen: „Der Jahreswechsel hat gerade für Familien und Kinder einen Zauber. Den Wunsch nach einem kleinen Feuerwerk kann ich nachvollziehen. Persönlich und aus tierärztlicher Sicht sehe ich laute Böller jedoch kritisch.“ Daher plädiert sie für ungefährlichere Fontänen und Wunderkerzen oder auch zentral organisierte Feuerwerke wie in Holzgerlingen dieses Jahr: „Sie sind zeitlich klar begrenzt, werden von Profis durchgeführt, reduzieren Müll und minimieren Risiken für Mensch und Tier.“

Silvesterfeuerwerke im Kreis

Novum
In Holgzerlingen wird es am 31. Dezember ab 23 Uhr auf dem Marktplatz ein zentral organisiertes Feuerwerk geben. Der Ehninger Pyrotechniker Joachim Berner wird es zünden. Die Zusammenführung zu einem städtischen Feuerwerk soll Tierleid, Luftverschmutzung, Müll und Verletzungsrisiken minimieren.

Regelungen
Länder und Kommunen verfügen über keine Möglichkeit, private Feuerwerke gänzlich zu verbieten. Der Bundesinnenminister könnte durch eine Veränderung im Gesetz hier aber den Weg freimachen. Umfragen zufolge befürwortet eine Mehrheit in Deutschland die Abschaffung privater Böllerei.

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