Tiere im Schwarzwald Mit Lamas auf Entschleunigung

Von Von Maren Recken 

Wer es in seiner Freizeit lieber ruhig mag, für den könnte ein Spaziergang mit Lamas genau das Richtige sein. Denn die Ruhe der ulkigen Tiere überträgt sich rasch auf die menschliche Begleitung.

Gassigehen geht auch mit Lamas, zum Beispiel im Schwarzwald. Foto: Recken
Gassigehen geht auch mit Lamas, zum Beispiel im Schwarzwald. Foto: Recken

Freudenstadt - „Sozialisierte Lamas spucken nicht auf Menschen.“ Nadja Viehmann räumt gleich einmal mit dem ersten Vorurteil über Lamas auf. Und erklärt weiter, wenn Lamas spucken würden, dann nur untereinander. Aus Futterneid, um die Rangordnung zu klären oder wenn ein Lama dem anderen zu nahe kommt.

Nadja Viehmann muss es wissen. Gleich sechs Lamas grasen vor ihrem idyllischen Haus im unweit von Freudenstadt gelegenen Schwarzwalddorf Wälde. Ursprünglich zur Landschaftspflege angeschafft, hat die Naturpädagogin schnell erkannt, dass ihre Lamas mehr können als nur das Gras kurz fressen. Seitdem mäht Viehmann wieder selbst, und ihre Lamas dürfen mit denen wandern, die diese Ruhe ausstrahlenden Tiere näher kennenlernen wollten.

Bevor es losgeht, erfährt die Familiengruppe, die sich die Lama Wanderung gegenseitig zum Geburtstag geschenkt hat, allerlei Interessantes über diese höckerlose südamerikanische Tierart, welche die gleichen Ahnen hat wie Kamele. Lamas sind Herden-, Flucht- und Distanztiere. Das merkt man Flusi, Rudi, Gismo, Balou, Aladin und Diego auch an. Sie mögen keine Hektik. Dann weichen sie zurück. Ruhige Bewegungen, ein langsames Annähern von Mensch und Tier – damit wird bei den Lamas gepunktet. So wenig die Tiere die menschliche Gesellschaft zu stören scheint, so aufmerksam sind sie. Selbst entfernteste Geräusche und Bewegungen entgehen ihren aufgestellten Ohren nicht.

Kuscheln und Streicheln mögen die Lamas nicht so

Im Stall offenbaren sich die Eigenheiten der einzelnen Lamas. „Rudi ist extrem verfressen“, stellt Nadja Viehmann ein rotfelliges Exemplar vor. Der Blick auf ein dezentes Bäuchlein unter dem Fellkleid verifiziert diese Aussage. Bei Gismo sticht sofort der leichte Überbiss ins Auge, der dem schwarzen Lama einen ganz besonderen Gesichtsausdruck gibt. Etwas abseits steht Diego. Er ist der neuste Zuwachs in der Herde, die aus bayrischer Zucht stammt. Diego ist etwas angespannt. Daher muss er bei der heutigen Wanderung von einem Lamakenner geführt werden und wird noch keinem der Spaziergänger anvertraut. „Kuscheln und Streicheln tolerieren die Lamas zwar, mögen es aber gar nicht“, erklärt Viehmann die Eigenheiten der Lamas. Vor allem nicht am Kopf oder gar an den Hinterläufen. Werden die Tiere dort angefasst, tun sie ihren Unmut kund und versuchen sich der lästigen Berührung durch Aufstampfen und leichtes nach hinten Auskeilen zu erwehren. „Der Tritt eines Lamas ist zwar unangenehm, aber längst nicht so schmerzhaft wie der eines Pferdes“, beruhigt Nadja Viehmann die Besucher im Stall. Der Grund dafür: Lamas haben keine Hufe. Sie sind Schwielensohler.

Beim Wandern immer neben den Tieren laufen, den Führstrick auf Ellenbogenlänge locker mit einer Hand festhalten. Das Ende mit der anderen Hand fixieren, jedoch ohne sich dieses ums Handgelenk zu wickeln: eine reine Sicherheitsmaßnahme, falls eines der Tiere während der Wanderung losrennen sollte. Das sind die weiteren Infos an die Wandergruppe, bevor es losgeht. Ein Lama nach dem anderen. Balou als Leittier vorneweg, gefolgt von Rudi und allen anderen Lamas. Streng nach Rangordnung innerhalb der Herde. Das Schlusslicht macht Diego mit etwas mehr Abstand als die übliche Lamalänge Distanz, die zwischen zwei Tieren eingehalten werden sollte.

Der Rhythmus der Lamas entspannt

„Ich freue mich total über diesen Spaziergang mit den Lamas“, strahlt Annette Esslinger und lacht vor Freude. Sie läuft vorne mit Balou über den schmalen Waldweg. „Balou läuft ganz weich und schaukelnd und zieht überhaupt nicht so wie ein Pferd“, beschreibt sie den Gang des Lamas. „Echt cool, so neben einem Lama herzulaufen.“

Ruhig schaukeln die Lamas sich auf weichem Untergrund über idyllische Waldwege oder lassen sich von der Wandergruppe über löwenzahngelbe Wiesen führen. Es fällt schwer, sich nicht von der Ruhe der Lamas anstecken zu lassen. Oder gar selbst anzufangen, den Kopf beim Laufen im Rhythmus des Wiegeschritts der Lamas vor und zurück zu bewegen. „Ich hatte mir das ganz anders vorgestellt“, sagt Annette Esslinger begeistert. „Das Wandern mit den Lamas entschleunigt total. Das tut gut und fehlt so oft in der heutigen Zeit“, so ihr Urteil.

Während Balou tiefenentspannt neben Annette Esslinger herschaukelt, muss ihr Vater, der den verfressenen Rudi am Führstrick hat, mehr Führungsqualität und Entschlossenheit beweisen. Rudi würde lieber am Wegrand fressen als ohne Nahrungsaufnahme weiterzulaufen. Doch Fressen am Wegesrand ist während der Wanderung tabu. Zum einen, damit die Gruppe vorwärtskommt, zum anderen, damit nichts Unverträgliches im Magen landet. Aber Rudi ist nicht doof. „Er hat immer den zweiten Gang drin, weil er weiß, dass auf der Hälfte der Strecke eine Wiese liegt, auf der die Herde fressen darf“, erklärt Nadja Viehmann das temperamentvolle Verhalten Rudis.

Bevor die Lamas am Ende der Wanderung wieder auf die Weide entlassen werden, stellen sie noch ihre Gelehrigkeit unter Beweis und klingeln an einer Glocke oder drücken auf die Tasten eines Spielzeugklaviers. „Lamas sind faszinierende Tiere“, so das einstimmige Fazit der Wandergruppe.